Tsunami-Gefahren im Nordatlantik

Die jüngste Flutkatastrophe auf den Salomonen bringt ein besonders zerstörerische Form von Naturkatastrophen in Erinnerung, die sich durchaus auch vor unserer Haustür ereignen könnten

Am Montag früh wurden die Salomonen von einer Flutwelle, einem Tsunami, getroffen, der entlang der Küsten der westlichen Provinzen des südpazifischen Inselstaates schwere Verwüstungen anrichtete. Auslöser war ein Seebeben. Das Ereignis setzte die ganze Region in Aufregung, ist aber auch für Küstenstaaten rund um den Globus eine Erinnerung an die Gefahren, die von den Vorgängen am Grunde der Weltmeere unseres unruhigen Planeten drohen. Insbesondere am Atlantik, wo die historischen Erinnerungen an vergangene Katastrophen sehr schwach sind, gibt es bisher praktisch keine Vorkehrungen. Das ist um so bedenklicher, als neben der Plattentektonik auch Klimaveränderungen Tsunamis auslösen könnten.

Auf den Salomonen hatte man am Dienstag (Ortszeit) allmählich einen Überblick über das Ausmaß der Zerstörungen. Mit bis zu zehn Metern Höhe waren mehrere Tsunamis über die Küsten im Westen des Landes hereingebrochen. Ausgelöst hatte die Wellen ein Seebeben der Stärke 8,1 auf der nach oben hin offenen Richterskala, unmittelbar vor der Küste New Georgias, einer der Inseln des felsigen Archipels. Mindestens 13 Dörfer und größere Teile der Stadt Gizo, die nur knapp 50 Kilometer vom Epizentrum entfernt liegt, wurden zerstört. Die Zahl der Toten wurde am Dienstagmorgen von Radio New Zealand mit 24 angegeben. Viele Menschen werden allerdings noch vermisst.

Das Epizentrum ist durch das große Kreuz markiert. Bild: NOAA

Die Salomonen liegen nordöstlich Australiens im tropischen Westpazifik unterhalb des Äquators. Nach Westen grenzt der Inselstaat an Bougainville an, die östlichste der Inseln Papua-Neuguineas. Die Inseln bilden einen so genannten Inselbogen, das heißt sie bestehen aus einer Reihe von Vulkanen, die an einer Subduktionszone entstanden sind, an einem Bereich, an dem eine Platte der Erdkruste unter eine andere abtaucht. Bei diesem Prozess schmilzt ein Teil der ins heiße Erdinnere abtauchenden Kruste auf und dringt als Magma zurück an die Erdoberfläche, wo sie Ketten von Vulkaninseln bildet. Die Philippinen, Japan oder die Aleuten sind dafür Beispiele.

Die Region der Salomonen und der benachbarten Gebiete zeichnet sich durch eine Vielzahl ungewöhnlich kleiner Plattenfragmente aus, die zwischen der großen pazifischen Platte und der australischen Platte eingeklemmt sind. Die meisten Inseln der Gruppe haben hohe Vulkane. Die höchste Erhebung ist mit 2447 Meter der Mount Makarakumburu auf der Insel Guadalcanal im Südosten der Gruppe. Durch diese Topografie ist am Montag offenbar Schlimmeres verhindert worden, denn über flache Inselatolle, wie sie im Südpazifik nicht selten sind, wären die Tsunamis vermutlich einfach hinweggefegt, ohne dass die Bewohner eine Möglichkeit gehabt hätten, sich in Sicherheit zu bringen

Die Zerstörungen sind offenbar weitestgehend auf die unmittelbare Nachbarschaft des Epizentrums begrenzt geblieben. Von der etwa 100 Kilometer nordwestlich gelegenen Insel Bougainville berichtet die dortige Verwaltung, dass es keine Verletzten und Zerstörungen gegeben habe. Auch im weiter entfernten Australien gab es zwar einige Aufregung, aber keine Schäden. Der nationale Wetterdienst hatte unmittelbar nach dem Beben eine unbestimmte Tsunamiwarnung ausgegeben, woraufhin entlang der Ostküste viele Strände, Schulen und andere Einrichtungen vorsorglich evakuiert wurden. In Sydney wurde der Fährbetrieb im Hafen eingestellt.

Anschließend gab es Kritik, die Behörden hätten überreagiert. Davon wollte der Gouverneur des Bundesstaates Queensland, Peter Beattie, nichts wissen. Queensland nimmt den Nordosten des Landes ein und war also dem Epizentrum am nächsten. Beattie meinte gegenüber der australischen Presse, er sei frustriert über die Informationslage. Seine Regierung habe zwar eine Warnung bekommen, dass ein Tsunami bevorstünde, aber keiner habe ihn etwas über die Ausmaße sagen können. Man habe daher „blind geschossen“. Er forderte von der Bundesregierung in Canberra die Einrichtung eines nationalen Tsunami-Warnsystems. Das ist bereits im Aufbau und soll 2009 einsatzbereit sein, was Beattie allerdings zu lange dauert. Australische Zeitungen berichten unterdessen von Verwirrung und teilweiser Panik, die in einigen Gebieten der australischen Ostküste geherrscht habe.

Seit dem schweren Tsunami-Unglück, das am 26. Dezember 2004 an den Küsten des indischen Ozeans, ist auch hierzulande diese besonders gefährliche At von Naturkatastrophe den meisten Menschen bekannt. Der Begriff kommt aus dem Japanischen – wohl weil Nippon besonders häufig unter dem Phänomen zu leiden hat – und bedeutet „Große Welle im Hafen“.

In der Regel werden Tsunmais durch Seebeben ausgelöst. Die Platten der Erdkrusten, die auf dem plastischen Erdmantel gleiten, verschieben sich beständig gegeneinander. Da sie starr sind, verhaken sie sich dabei in der Regel so lange, bis sich die aufgestaute Spannung in einem Beben entlädt. Insbesondere wenn eine Platte unter die andere abtaucht, hat ein solches Beben eine erhebliche vertikale Komponente. Das heißt, die obere Platte schnellt ruckartig vor und der Stoß setzt sich im Wasser fort, sofern das Beben unter dem Meer stattfindet.

Banda Aceh am 21. Januar 2005. Foto: USGS

Die Geschwindigkeit der so erzeugten Wellen ist hoch und kann im tiefen Ozean 800 bis 900 Kilometer pro Stunde betragen. Auf hoher See sind die Wellen nur wenige Zentimeter hoch. Da sie aber im Gegensatz zu den üblich durch Wind und Stürme erzeugten Wellen die ganze Wassersäule erfassen, türmen sie sich in den flachen Küstengewässern zu viele Meter hohen Wasserfronten auf. Diese haben nicht nur wegen der Höhe, sondern auch aufgrund der hohen Geschwindigkeit und der viel größeren Masse, die in Bewegung ist, eine ungleich größere Wucht als herkömmliche Orkanwellen. Bis zum 8000-Fachen kann sie betragen. Das Problem ist also nicht nur die Überschwemmung, die die Welle hervorruft, sondern auch ihre zerstörerische Kraft.

Mit Abstand am häufigsten treten Tsunamis in der Pazifikregion auf, wo sie bei großen Beben über viele Tausend Kilometer hinweg Verheerungen anrichten können. So geschehen zum Beispiel 1960 bei einem Beben vor der nordchilenischen Küste, das Wellen anstieß, die unter anderem in Hawaii und auf der anderen Seite des Pazifiks in Japan wüteten. Mehr als 50 Prozent aller Tsunamis treten im Pazifik auf. Das liegt daran, dass dies das größte Ozeanbecken ist und sich an dessen Rändern zudem zahlreiche Inselbögen und andere Erdbebenzonen befinden. Seit 47 vor Beginn der Zeitrechnung gibt es historische Berichte von über 1200 Pazifik-Tsunamis. Mit etwa zehn Prozent ist auch das Mittelmeer eine tsunamigeplagte Region. Aus Italien sind in den letzten 2000 Jahren 67 Tsunmais bekannt. In Messina auf Sizilien tötete 1908 ein Tsunami 8.000 Menschen.

Mit nur zwei Prozent aller weltweiten Tsunamis ist der Atlantik hingegen die diesbezüglich ruhigste Weltgegend, was dazu führt, dass dort die Menschen wahrscheinlich am wenigsten auf die potenziellen Gefahren vorbereitet sind. Allerdings gibt es auch von den Atlantikküsten historische Überlieferungen über die vernichtende Kraft der Flutwellen, zum Beispiel aus dem Jahre 1755, als ein Erdbeben Lissabon zerstörte. Seinerzeit traf ein Tsunami die spanische Stadt Cadiz, die Atlantikinsel Madeira und selbst in der Karibik kam noch eine sieben Meter hohe Welle an.

Erdbeben sind allerdings nicht die einzige Ursache, die einen Tsunami auslösen kann. Wenn große Inselvulkane förmlich explodieren, können auch die ins Wasser stürzenden Gesteinsmassen verheerende Flutwellen auslösen.

Das wohl prominenteste Beispiel dafür ist der Ausbruch des Krakatoa in der Sundastraße zwischen Sumatra und Java, der am 26. August 1883 auseinander gerissen wurde. Die Gewalt der Explosion war derartig groß, dass der Knall noch im viereinhalb Tausend Kilometer entfernten Australien als Kanonendonner wahrgenommen wurde. Die leichteren Bestandteile seiner Asche verteilten sich in den nächsten Wochen um die ganze Erde und verdunkelten für etwa drei Jahre die Sonne so weit, dass die globale Temperatur fiel. Die Flutwelle, die der zusammenstürzende Vulkankegel erzeugte, war 30 Meter hoch, zerstörte auf Java und Sumatra zahlreiche Städte und Dörfer und tötete rund 36.000 Menschen. Doch solch gewaltigen Vulkanausbrüche sind selten. In Europa ereignete sich der letzte mit vergleichbaren Ausmaßen vor 3497 Jahren, als in der Ägäis die Insel Santorin explodierte und vermutlich die minoische Kultur auslöschte.

Eine andere aber verwandte Möglichkeit ist, dass ein Vulkanausbruch einen massiven Berghang zum Rutschen bringt. Diese Gefahr sieht Bill McGuire, Direktor des Benfield UCL Hazard Research Centre in Großbritannien, für den Cumbre Vieja auf La Palma, die zu den kanarischen Inseln gehört. Der Westhang des Vulkans ist bei einem Ausbruch 1949 bereits um vier Meter abgerutscht. Sollte er seinen Halt vollends verlieren, würde eine Geröllmasse von bis zu 500 Kubikkilometern in den Atlantik stürzen und vermutlich einen katastrophalen Tsunami auslösen, der von Nordbrasilien über die Karibik, die US-Ostküste, Neufundland, Island, Westeuropa bis nach Westafrika die Küsten verwüsten könnte. Neben den direkten Zerstörungen durch die Wellen würde auch eine enorme Umweltkatastrophe durch zerstörte Öltanks, Chemiebetriebe, Raffinerien, Kläranlagen und ähnliches drohen. Auslöser könnte ein neuer Vulkanausbruch sein, der in spätestens 200 Jahren zu erwarten ist, aber durchaus auch schon in den nächsten Jahrzehnten eintreten kann.

Und dann gibt es noch die Möglichkeit, meint McGuire in der britischen Fachzeitschrift New Scientist, dass auch die globale Klimaveränderung, und zwar insbesondere das Abtauen des Grönlandeisschildes, Tsunamis auslösen könnte. Um das zu erklären, muss etwas ausgeholt werden: An den Kontinentalrändern, dort wo die flachen Küstengewässer in die Tiefsee übergehen, fällt der Meeresboden mehrere Tausend Meter ab. Diese Übergänge bestehen aus mehr oder weniger steilen Hängen, die im Laufe der Jahrmillionen durch Sedimentation entstanden sind. Ab und zu kommen solche Hänge ins Rutschen, und wenn richtige große Massen involviert sind, kann dadurch ein Tsunami ausgelöst werden.

Das größte bekannte Ereignis dieser Art ereignete sich vor knapp 8000 Jahren vor der norwegischen Küste. Das war die sogenannte Storegga-Rutschung. Auf den Shetland-Inseln und in Nordschottland finden sich in den Ablagerungen aus dieser Zeit die Spuren mehrerer Tsunamis, von denen der höchste 20 Meter gehabt haben muss. 27 solcher Ereignisse seien im Nordatlantik nachgewiesen, schreibt McGuire, und die meisten wären vermutlich auf das Steigen des Meeresspiegels zurückzuführen, das vor 15.000 Jahren eingesetzt hat.

Zu dieser Zeit begannen sich die Eisschilde in Nordeuropa und Nordamerika zurückzuziehen. und könnten dadurch die Hangrutsche auf unterschiedliche Art ausgelöst haben. Zum einen begann sich die kontinentale Kruste nach dem Abschmelzen des Eises zu heben. Zuvor hatte sie die Last der mehrere Kilometer dicken Eispanzer in den plastischen Untergrund gedrückt. Skandinavien und der Meeresboden unter der Ostsee heben sich zum Beispiel auch heute noch, so dass im Norden des bottnischen Meerbusens der Meeresspiegel um etwa einen Meter pro Jahrhundert sinkt. Solche Vertikalbewegungen der Kruste könnten instabile Hänge, an denen sich durch das Geröll der Gletscher und Eisberge viel Sediment angehäuft hatte, durchaus ins Rutschen gebracht haben.

Ein anderer Kandidat sind die Gashydrate, dieses ungewöhnliche Eis aus Wasser und Methan, dass zumindest einen Teil der Hänge regelrecht zementiert. Lösen sich die Hydrate auf, weil die Temperatur steigt oder der Wasserdruck fällt, dann kommt der betroffene Hang ins Rutschen. Eine dritte Ursache könnte schließlich in veränderten Auflasten in den Schelfmeeren zu suchen sein. Ein steigender Meeresspiegel bedeutet in den flachen Küstenmeeren wie zum Beispiel der Nordsee, dass de größere Wassermasse den Meeresboden weiter nach unten drückt. Auch dadurch könnte das Abrutschen von Hängen ausgelöst worden sein.

Was McGuire nun Sorgen bereitet ist, dass einerseits die Kontinentalhänge am Rande Grönlands in einem ähnlichen Zustand sind, wie die Norwegens vor acht- oder zehntausend Jahren. Andererseits wird in Grönland seit ein paar Jahren eine deutliche Beschleunigung des Abschmelzens und des Abbrechens von Eisbergen beobachtet. Keiner weiß bisher, ob das nur eine temporäre Erscheinung ist oder ob der Eisschwund in den nächsten Jahrzehnten so weiter gehen wird. Einige Wissenschaftler sind sogar der Auffassung, eine globale Erwärmung von durchschnittlich zwei Grad – die in der Arktis deutlich höher ausfallen würde – könnte schon ausreichen, um das Grönlandeis langfristig verschwinden zu lassen. Das wäre allerdings auf jeden Fall ein Prozess, der sich über Jahrhunderte hinziehen und den Meeresspiegel um schließlich sieben Meter erhöhen würde.

So oder so, auf jeden Fall sollten die Spuren der prähistorischen Tsunamis zumindest den Küstenbewohnern Westeuropas eine ernsthafte Warnung sein. An den deutschen Nordseeküsten kann man sich hingegen, was Tsunamis angeht, einigermaßen sicher fühlen. Für diese ist die Nordsee einfach zu flach. Bevor sie deren Südküste erreichen könnten, hätten sie längst den allergrößten Teil ihrer Energie durch Turbulenz und die Reibung am Meeresboden verloren.

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