Tsunami in Spanien?

Warnungen vor einer Katastrophe am Staudamm von Itoiz

Wieder einmal hat ein gewaltiges Erdbeben Indonesien erschüttert. Der erneut befürchtete Flutwelle ist diesmal ausgeblieben. Die Behörden gehen aber davon aus, dass erneut etwa 2000 Menschen umgekommen sind, Tausende seien obdachlos. Doch Tsunamis anderer Art könnten in Europa entstehen (vgl. Losgeschüttelt).

So weist Greenpeace seit langem auch auf die Unsicherheit von Staudämmen in Spanien hin. Angesehene Staudammbauer und Geologen warnen vor allem vor dem Damm in Itoiz. Die Gefahr hat sich hier zugespitzt, seit in der Provinz Navarra Erdbeben auftreten. Die würden durch die Befüllung des Sees induziert, weil das Gewicht auf Erdfalten im Untergrund drückt. Seit dem letzten September kam es in der Region zu mehr als 220 Erdstößen.

Der Staudamm von Itoiz ist der umstrittenste Staudamm im spanischen Staat. Lange Jahre wurde gegen die Zerstörung etlicher Dörfer und die Auswirkungen auf die Umwelt der sensiblen Region in den nordspanischen Pyrenäen gestritten. Bis zum Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg wurde der Konflikt getragen. Das Projekt war von den höchsten spanischen Gerichten mehrfach annulliert worden. Doch wurden nachträglich Gesetze geändert und Grenzen von Naturschutzgebieten verlegt. So wurden die Urteile ausgehebelt, um den Bau fertig zu stellen, ohne ihn unter schärferen Auflagen erneut planen zu müssen. Begleitet war das Projekt auch von Korruptionsskandalen, für die führende sozialistische Politiker, wie der ehemalige Regierungschef der Provinz Navarra, sogar das Innenleben spanischer Knäste kennen lernen mussten.

Seit einigen Jahren rückt die Frage nach der Sicherheit des Damms in den Mittelpunkt. Dessen Mauer hat eine Höhe von 135 Metern, der See soll bei völliger Befüllung 1100 Hektar in den Tälern der Flüsse Irati und Urrobi überfluten und 418 Hm3 Wasser speichern. Seit mehr als einem Jahr wird der Staudamm nun befüllt, "illegal" wie Greenpeace beklagt.

Historische Epizentren im Umfeld um den Staudamm

Mit dem Anstieg der Wassersäule steigt der Druck im Untergrund. Seit letzten Sommer werden die Bewohner der Gegend sprichwörtlich durchgeschüttelt. Im Juli 2004 begann die Erde unter dem Staudamm zu grummeln. Seit September des vergangenen Jahres wurden in der Region mehr als 220 Erdbeben registriert, deren Epizentrum im See liegen. Sie erreichen eine Stärke von 4,6 Grad auf der Richterskala.

In einem Gutachten hatte der Geologieprofessor der Universität von Zaragoza Antonio Casas schon 1999 davor gewarnt, dass die diese Region "eine signifikante seismische Aktivität aufweist, die normalerweise mit Erdfalten im Untergrund in Verbindung steht". Ausgerechnet im "Umfeld um den Staudamm von Itoiz befänden sich historische Epizentren", die beim Bau des Sees nicht beachtet worden seien.

Erdbeben von dem Gewicht des Sees "induziert"

Telepolis liegen zwei neue Gutachten vor. Sowohl Casas als auch sein Kollege Joaquín García Sansegundo, Professor an der Universität von Oviedo, sprechen nun davon, dass die Erdbeben von dem Gewicht des Sees "induziert" würden.

Für Casas ist es kein Zufall, dass das die "seismische Krise" mit der Befüllung des Damms einhergeht und die Epizentren der Beben in etwa fünf Kilometer Tiefe unter dem See liegen, wo sich die Erdfalten befänden. Sansegundo schreibt: Wegen der geologischen Situation und durch "den Druck des gestauten Wassers" hätten sich die "Erdfalten in Bewegung gesetzt". Es sähe danach aus, als sei "die seismische Aktivität dadurch ausgelöst worden, die seit September 2004 zu beobachten ist". Weitere Beben seien bei weiterer Befüllung nicht auszuschließen und die könnten "von höherer Intensität sein, als die bisher registrierten". Er weist auch darauf hin, dass damit die Gefahr für die instabile linke Hangseite wächst, auf die sich der Damm stützt.

Gutachten unter Verschluss gehalten

Denn seit Jahren ist bekannt, dass die Regionalregierung Gutachten unter Verschluss hielt, die schon in der Bauphase des Projekts auf die Gefahr einer abrutschenden linken Dammseite hinwiesen. Es war klar warum: Denn genau das war 1963 im norditalienischen Vajont geschehen. 2600 Tote waren die Folge des von Menschenhand geschaffenen Desasters. Diese Tatsache hätte den Bau weiter in Frage gestellt und den ohnehin starken Widerstand dagegen gestärkt.

Dass die Firma Geocisa an dem Bau des Damms beteiligt war, der schon einmal Damm in Andalusien gebrochen ist und dem Naturpark eine Giftflut bescherte trug auch nicht gerade zur Vertrauensbildung bei. Nachdem eines dieser "Geheimgutachten" den Weg zur Bürgerinitiative "Koordination für Itoiz" fand, wurden namhafte Gutachter beauftragt, sich mit der Sicherheit des Damms zu beschäftigen. 1999 warnte zunächst der Geologe Casas und ein Jahr später auch sein Kollege Arturo Rebollo Alonso, studierter Geologe, Architekt, der etliche Staudämme gebaut hat. Er gilt in Fachkreisen als Experte und ist von den Berufsständen mit Auszeichnungen dekoriert worden.

Sicherheitsrisiken katastrophalen Ausmaßes

Rebollo studierte eingehend die geologischen Besonderheiten der "Flyschformationen" an den Hängen und erklärte:

Von Anfang an war die geologische Untersuchung der von diesem Stauseeprojekt betroffenen Gebiete lücken- und fehlerhaft. Das bezieht sich auf die Berghänge, die das zu flutende Tal umgrenzen, wie auf den Platz, der für den Bau der Staumauern gewählt wurde. (...) Das Risiko einer Katastrophe, die Szenarien zu denkbaren Störfällen, die mit dem Stauseeprojekt zusammenhängen, wurden in den Bauplänen und begleitenden Gutachten niemals erwähnt oder auch nur ansatzweise untersucht.

Schon vor dem Auftreten der Erdbeben kam Rebollo zu folgenden Schlüssen:

Der Stausee von Itoiz darf nie gefüllt und in Betrieb genommen werden. Es bestehen schwerwiegende Probleme und Sicherheitsrisiken katastrophalen Ausmaßes. (...) Vor dem Hintergrund der großen Sicherheitsrisiken und ihrer jeweiligen Ursachen habe ich die ingenieurtechnischen Möglichkeiten geprüft, das Projekt nachzubessern. Ich komme zu der Schlussfolgerung, dass keine technischen Lösungen existieren, welche die von mir genannten Sicherheitsprobleme heilen könnten.

Verschiedene Katastrophen sagt er voraus:

Hervorgerufen durch einen Erdrutsch von gewissen Berghängen in den Stausee hinein schwappen riesige Wellen über die Staumauer". (...) Der instabile linke Sockelberghang der Hauptstaumauer gibt nach. Der Wasserdruck greift zwischen dem Berghang und dem Beton an und bricht sich Bahn. Der Stausee entleert sich komplett.

Man habe mit Strömen von 80.000 bis 100.000 m_ pro Sekunde zu rechnen. Das ist die bis zu 750fache Menge, wie sie bei Schmelzwasser im Frühjahr als Hochwasser des Irati auftritt. Selbst das Flussbett des weiter unten gelegenen Ebros würde hinweggefegt. Die am Irati und am Ebro liegenden die Städte Aoiz, Lumbier, Tudela, Zaragoza würden zum Teil stark betroffen. Auf dem Weg liegt auch der Atommeiler Ascó. Die Bürger von Aoiz hätten 20 Sekunden Zeit, bevor die Flutwelle die Kleinstadt von der Landkarte tilgen würde.

So verwundert es nicht, wenn der Sprecher der Bürgerinitiative Patxi Gorraiz gegenüber fordert das Projekt aufzugeben. Der ehemalige ehemaliger Bewohner des zerstörten Dorfes Itoiz erklärte:

Wir rufen die Verantwortlichen dazu auf, den Staudamm sofort zu entleeren, weil mit der Befüllung Tausende Menschen in den Gemeinden unterhalb des Damms einer tödlichen Gefahr ausgesetzt werden.

Ähnlich formuliert es der Geologe Casas, der schon Indizien für ein Abrutschen des Hangs festgestellt hat. Deshalb sei es egal, ob die Erdbeben von dem Staudamm induziert würden oder nicht. Angesichts der Situation sei es "nicht hinzunehmen, die Bevölkerung unterhalb des Staudamms mit seiner Befüllung und Inbetriebnahme einem Risiko auszusetzen", schließt er in seinem letzten Gutachten. (Ralf Streck)

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