Tückische Gentherapie?

Ein therapeutisches Gen steht unter Krebsverdacht und eine Jubelmeldung über eine erfolgreiche Gentherapie löst einen Medieneklat aus

Bisher konnten nur wenige Menschen durch Gentherapie geheilt werden. Nach ersten Erfolgen bei X-SCID-Kindern, mussten Forscher herbe Rückschläge einstecken, als einige gentherapierte Kinder an Leukämie erkrankten. Wie jetzt bekannt wurde, dürfte das importierte therapeutische Gen die Erkrankung ausgelöst haben. Und auch die kürzlich viel beachtete Meldung aus Frankfurt über erstmals erfolgreich gentherapierte Erwachsene geriet nun in ein schiefes Licht. Einer der Patienten verstarb inzwischen, ohne dass die Medien über den kritischen Zustand informiert geworden wären.

Vor wenigen Jahren noch waren große Hoffnungen in die Gentherapie gesetzt worden. Doch der Weg erweist sich mühsamer als zunächst angenommen. Einen der wenigen Erfolge verbuchte der Mediziner Alain Fischer vom Pariser Necker-Hospital. Er begann 1999 mit Versuchen, die Patienten von der Immunschwächekrankheit X-SCID befreien sollte. Die Betroffenen weisen einen Defekt im Gen für den Interleukin-2-Rezeptor (IL2RG) auf. Dadurch wird die Anfälligkeit für Infektionen extrem erhöht. Bislang konnten die Patienten nur in keimfreier Umgebung, etwa unter einem sterilen Plastikzelt, überleben. Eine Heilung war lange Zeit ausschließlich durch eine Knochenmarktransplantation möglich, vorausgesetzt es konnte ein passender Spender gefunden werden.

Fischer gelang es bei neun von zehn Kindern mittels Gentherapie eine Besserung zu erzielen. Die jungen Patienten konnten anschließend normal zu Hause leben. Doch 2003 mussten die Gentherapiestudien abgebrochen werden, weil einige behandelte Kinder an Leukämie erkrankten. Nun gingen amerikanische Forscher der Frage nach, was hier genau schief gelaufen war. Ursprünglich hatte man angenommen, dass die Gentherapie an einem "technischen" Problem gescheitert wäre, da das IL2RG-Gen bei den erkrankten Kindern in der Nähe des Onkogens LMO2 eingebaut wurde. Eine zielgenauere Integration des eingeschleusten intakten IL2RG-Gens beispielsweise könnte hier eine Lösung bringen, meinten damals die Forscher. Die Wissenschaftler um Inder Verma vom Salk Institute in La Jolla (Kalifornien) kamen jetzt zu einem anderen Schluss.

Im Tierversuch zeigte sich, dass offensichtlich das eingeschleuste Gen IL2RG selbst maßgeblich an der Entwicklung von Tumoren beteiligt ist. Bei rund einem Drittel der Mäuse traten Lymphome auf. Allerdings wurden diese Versuche über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren durchgeführt. Die französischen Forscher hatten die Tiere vor den Versuchen am Menschen aber nur 6 Monate getestet. In einem jetzt publizierten Nature-Artikel fordern die Wissenschaftler, die Tierversuche im Vorfeld von Gentherapie länger anzuberaumen. An den Untersuchungen beteiligte sich auch Christof von Kalle, Deutsches Krebsforschungszentrum und Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. Kalle zeigt sich allerdings optimistisch, dass auch das Problem mit dem therapeutischen IL2RG-Gen lösbar ist. Sein Kommentar:

Die Studie zeigt zweierlei. Bevor Gentherapien am Patienten gestartet werden, ist nach dem Gentransfer am Versuchstier eine lange Beobachtungszeit notwendig, um auch Spätfolgen abschätzen zu können. Früher wurden Mäuse im Vorfeld von Therapieversuchen zum Teil nur über sechs Monate beobachtet. Die gute Botschaft ist: Nicht die Gentherapie selbst oder der Vektor für das therapeutische Gen lösten die T-Zell-Lymphome aus, sondern der Interleukin-2-Rezeptor selbst. Werden Gene übertragen, deren Produkte keine wachstumsfördernden Eigenschaften haben, besteht daher möglicherweise ein geringeres Risiko, dass die behandelten Zellen bösartig entarten.

Fragwürdige Informationspolitik von Wissenschaftlern

Auch ein anderer gentherapeutischer Versuch geriet kürzlich in die Schlagzeilen. Anfang April berichteten Forscher des Frankfurter Georg-Speyer-Hauses auf einer Pressekonferenz, dass es einem deutsch-schweizerischen Team von Ärzten und Naturwissenschaftlern gelungen sei, weltweit zum ersten Mal die seltene Immunerkrankung Septische Granulomatose erfolgreich durch Gentherapie zu behandeln. Dabei wurden zwei erwachsene Patienten mit genmodifizierten Zellen behandelt. Patienten mit Septischer Granulomatose leiden unter schweren, häufig nicht heilbaren Pilz- und Bakterieninfektionen, die zu schweren Organschäden und schließlich zum Tode führen können. Ursache des Defekts ist die mangelhafte Abtötung der eingedrungenen Erreger durch Fresszellen (Phagozyten), einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Bisher konnte Betroffenen nur mit einer Stammzellentransplantation geholfen werden, was aber mit erheblichen Risiken und vor allem einer aggressiven Chemotherapie verbunden war.

Das Team um Manuel Grez behandelte nun in den vergangenen zwei Jahren zwei Patienten mit der angeborenen Immunschwäche an der Uni-Klinik Frankfurt. Bei der neuartigen gentherapeutischen Behandlungsform wurden defekte Patientenzellen mit einer gesunden Kopie des mutierten Gens versehen. Diese Kopie ermöglichte dann die Bildung eines funktionsfähigen gp91 Proteins und damit die Entstehung der hochaktiven Sauerstoffderivate. Die Phagozyten erlangten so die Fähigkeit, eingedrungene Krankheitskeime ähnlich wie bei gesunden Menschen in der Zelle abzutöten. „Die Zellen der Patienten wurden unter kontrollierten Bedingungen in einem fünftägigen Prozess mit den modifizierten Viren behandelt. Am Ende der Inkubation waren etwa 40 Prozent der Zellen genetisch verändert“, erklären die Wissenschaftler.

Kurz nach Transplantation der genmodifizierten Zellen konnte bereits ein Erfolg der Behandlung festgestellt werden. Der erste Patient hatte vor der Therapie auf Grund einer bakteriellen Infektion Leberabszesse, während der zweite Patient mit einer pilzbedingten Lungeninfektion im Universitätsklinikum Frankfurt am Main aufgenommen worden war. Beide Infektionsherde waren resistent gegenüber einer herkömmlichen medikamentösen Therapie geworden. Etwa 50 Tage nach der Transplantation waren die Infektionsherde teilweise oder vollständig zurückgegangen. Diese Erfolge machten es möglich, die medikamentöse antibakterielle Therapie bei dem ersten Patienten abzusetzen, ohne dass die Infektionen in der Leber wieder aufflammten.

Die Präsentation am 5. April – nachdem die Patienten inzwischen fast zwei Jahre beschwerdefrei gelebt hatten - sollte der Genforschung wieder Auftrieb geben. Doch es kam anders. Inzwischen interessieren sich die Medien nämlich mehr für die Art und Weise, wie die Wissenschaftler mit der Öffentlichkeit umgegangen waren. Zum Zeitpunkt der viel beachteten Pressekonferenz, hatte sich nämlich einer der beiden Patienten bereits im Krankenhaus befunden und starb wenige Tage später. Den Medien wurde aber noch von seinen positiven Blutwerten nach der Gentherapie berichtet. In Ärztekreisen wurde schließlich der Todesfall am Internistenkongress in Wiesbaden am 25. April bekannt. Zuvor, am 12. April, war jedoch bereits bei Wikipedia ein ergänzender Satz zu einem Artikel über Gentherapie aufgetaucht, der den Todesfall vermeldete. Publik blieb das aber „nur 16 Minuten“, wie die Süddeutsche Zeitung herausfand. Dann wurde die Info wieder vom Netz genommen, weil sie über einen anonymen Account gekommen war. Und erst nach einigen positiven Medienberichten über die Frankfurter Erfolge berichtete schließlich Dieter Hoelzer von der Universitätsklinik Frankfurt in der Öffentlichkeit über den inzwischen eingetretenen Todesfall in der Öffentlichkeit.

Die Journalisten, die sich Anfang April noch auf die Story gestürzt hatten, fühlen sich jetzt auf den Schlips getreten. Wer wusste wann was und warum wurden die Medien nicht über den besorgniserregenden Zustand eines Patienten informiert? Der schale Nachgeschmack bleibt. Die derzeit einsetzende Debatte über die Informationspolitik von Wissenschaftlern sollte aber nicht nur auf diesen Fall beschränkt bleiben. Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen „Jubelmeldungen“ im gesamten Bereich der Gentechnik, die genauer zu hinterfragen wären.

Davon abgesehen, ist noch lange nicht klar, ob der Todesfall mit der Gentherapie in Zusammenhang steht. Hier fehlen noch Analysen und Befunde. Von Kalle will auf jeden Fall untersuchen, ob das therapeutische Gen auch in diesem Fall die gesundheitlichen Probleme des verstorbenen Patienten mit verursacht hat. Sollte das der Fall sein, wird man in ZUkunft die therapeutischen Gene viel genauer unter die Lupe nehmen und in ihren möglichen Wirkungsweisen eingehender untersuchen müssen. (Brigitte Zarzer)

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