Türkei: Der Absturz der Lira wird zum Problem für Erdogan

Alarmierte Finanzmärkte

Die internationalen Finanzmarktakteure gehen davon aus, dass die Türkei in den nächsten Wochen in eine existenzielle Zahlungsbilanzkrise gerät und ein Hilfsfall für den Internationalen Währungsfonds (IWF) wird, wenn Erdogan weiter so autistisch regiert wie bisher. Mittel des IWF würden unweigerlich mit schmerzhaften Auflagen versehen und weitere sehr negative Auswirkungen für die breite Bevölkerung nach sich ziehen.

Das Land muss in den nächsten Monaten 182 Milliarden Dollar an Krediten zurückzahlen. Vor diesem Hintergrund sind die Zinsen für zehnjährige türkische Staatsanleihen auf 18 Prozent gestiegen. Dabei sind die Devisenreserven mittlerweile auf 80 Milliarden Dollar geschrumpft.

Schon in den letzten Monaten wurden Löcher durch einen Abbau der Goldreserven um drei Milliarden Dollar gestopft. Die ausländischen Investoren sind auch angesichts der Erosion der politischen Institutionen zurückhaltend bzw. ziehen ihr Kapital aus der Türkei ab.

Die Ratingagentur Moody’s warnte vor einem rapiden Anstieg der faulen Kredite bei türkischen Banken. Auch deswegen stürzten von Januar bis Juli dieses Jahres die Aktienkurse der Garantie Bank, Halkbank und Isbank um 40 Prozent.

Keine Lösung unter Erdogan in Sicht

Wie Erdogan die Wirtschaft retten will steht in den Sternen. Vielleicht vertraut er darauf, dass die Türkei "too big to fail" ist und ein Zusammenbruch der Türkei unweigerlich enorme negative Konsequenzen für den Euroraum, wie überhaupt für die EU hätte.

Gerade spanische, französische und italienische Banken sind in der Türkei hoch engagiert. Müssten sie ihre Türkeikredite abschreiben, wäre eine neue Eurokrise nicht fern. Paul Gamble, Analyst bei der Ratingagentur Fitch sieht eine Lösung nur in höheren Zinsen. Doch Erdogan hat dieser Lösung schon länger eine Absage erteilt.

Die Zinsen liegen heute schon bei 17,75 Prozent. Eine weitere Steigerung würde das Wirtschaftswachstum dämpfen und die Expansionsbestrebungen der Immobilien- und Bauindustrie mit weiteren Prestigeprojekten beenden. Nur eine unabhängige und glaubwürdige Geldpolitik könne die Inflation eindämmen, meint Gamble.

Doch Erdogan habe marktfreundliche Minister, die noch das Vertrauen der Finanzmärkte hatten, aus dem Kabinett geworfen und stattdessen seinen Schwiegersohn als neuen Finanzminister eingesetzt. Dessen erste Amtshandlung war eine harsche Zurechtweisung der Ratingagenturen und Investmentbanken. Eine unabhängige Notenbank sei nicht akzeptabel, wiederholte er die Aussage von Schwiegervater Erdogan.

Der Wirtschaftswissenschaftler Murat Muratoglu zweifelte in dem bereits erwähnten Interview mit der oppositionellen Zeitung Cumhurriyet, dass die türkische Regierung mit ihrem gegenwärtigen Kurs die Wirtschaft stabilisieren und die Arbeitslosigkeit und Inflation reduzieren kann.

Er rechnet mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft schon im August, also in einem Monat und prophezeit eine Verschlimmerung der Lage in den nächsten drei Jahren, die vor allem die Bevölkerung empfindlich treffen wird. Die Bankkonten der Bürger in Fremdwährung und Devisenwechsel unterliegen künftig der Zustimmung des Staates.

Das trifft vor allem den privaten Sektor erklärt Muratoglu. Der private Sektor hat eine Auslandsverschuldung von rund 245 Milliarden Dollar - fast ein Drittel der Gesamtwirtschaft des Landes: "Wenn Sie die Währungen dieser Unternehmen konfiszieren, wie werden sie ihre Schulden im Ausland bezahlen?"

Die Staats- und Bankenkrise 2001, die damals Erdogan an die Macht brachte, ist nichts im Vergleich zur heutigen Krise, dessen ist sich der Wirtschaftswissenschaftler sicher. Damals war die Krise vor allem eine Staats- und Bankenkrise, während Bevölkerung und Unternehmen damals noch kaum verschuldet waren.

Heute beträgt die Schuldenlast der Bürger rund 55 Prozent ihres Einkommens. Über Steuereinnahmen wird die Regierung das Loch nicht stopfen können. Schon heute zahlt kaum noch jemand die Mehrwertsteuer, berichtet Muratoglu.

Die New York Times führt aus, dass Erdogan immer seinen Einfluss geltend gemacht hat, um unerbittliches wirtschaftliches Wachstum durch ungebremste Kreditaufnahme zu erreichen und die Schuldenstände in besorgniserregende Höhen zu heben.

Zitiert wird Marie Owens Thomsen, Chefökonomin bei Indosuez Wealth Management in Genf: "Die Türkei könnte das nächste Land sein, das sich auflöst.Es hat alle Voraussetzungen für den Beginn eines gescheiterten Staates."