Türkei : Große Teile von Sirnak dem Erdboden gleichgemacht

Sirnak, Foto: Civaka Azad

Die Selbstverwaltungsstrukturen der Stadt wurden zerschlagen. An den Hängen um Sirnak herum leben über 30.000 obdachlose Familien in Zelten

Bekannt sind die Bilder von Kobanê, der kurdischen Stadt in Rojava/Nordsyrien, die 2015 vom IS fast eingenommen worden wäre, aber von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ zurückerobert wurde. Der erfolgreiche Kampf der Kurden um diese Stadt wurde weltweit gefeiert, abgesehen von der türkischen Regierung, die sich nicht nur rausgehalten hat, sondern den IS laut vieler Indizien mit Waffen und Support unterstützt hat.

Nun liegt eine weitere kurdische Stadt in Trümmern. Diesmal aber nicht in Syrien und nicht vom IS zerstört, sondern in der Türkei und vom türkischen Militär zerstört. Das türkische Militär hat Sirnak,‬ eine südostanatolische Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern, zu großen Teilen dem Erdboden gleich gemacht. Nach Angaben der Bewohner übertrifft dies die Zerstörungen, die der IS in Kobanê hinterlassen hat.

Nach 8 Monaten Ausgangssperre konnte die Bevölkerung von Sirnak nun zurück in ihre Häuser oder dem, was davon übriggeblieben ist. Monatelang mussten sie von den Zeltstädten an den Hängen der Berge, die Sirnak umgeben, mitansehen, wie ihre Heimat systematisch zerstört wird.

Acht Stadtviertel sollen komplett zerstört sein, darunter auch Viertel, in denen es während der Militäroperation keine Auseinandersetzungen gegeben hat. Anhand von Bildern und anderen privaten Gegenständen versuchen die Bewohner ihr Zuhause ausfindig zu machen. Ein YouTube-Video vom 14.11.2016 zeigt den Grad der Zerstörungen an. Bagger und Bulldozer reißen unbewohnbare Gebäude ab, die zu Ruinen geworden sind. Ein größeres Areal ist mit Schutt und Trümmern übersät.

Auch das 7-stöckige Gebäude der HDP und DBP wurde komplett zerstört. Polizei und gepanzerte Fahrzeuge fahren regelmäßig Patrouille. An vielen Stellen sind Kontrollpunkte aufgestellt. Die Abrissarbeiten dauern noch an, viele Gebäude, die noch stehen, wurden mit einem “YK” gekennzeichnet. Das bedeutet, dass diese auch demnächst abgerissen werden.

Die Gebäude, die noch stehen, wurden von den türkischen Truppen verwüstet und geplündert, selbst Stromsicherungskästen wurden für den Weiterverkauf ausgebaut. Auch das Gebäude der Stadtverwaltung blieb nicht verschont. An der Vorderseite des Gebäudes hängt nun als weitere Erniedrigungsmaßnahme der neuen Zwangsverwaltung der Provinz Sirnak: eine riesige Türkei-Flagge.

Nun steht der Winter bevor. An den Hängen um Sirnak herum leben über 30.000 obdachlose Familien in Zelten. In Deutschland gibt es eine Initiative, die Spenden für winterfeste Zelte, Heizöfen, Decken und Matratzen sammelt.

Die Selbstverwaltungsstrukturen sind vom türkischen Staat zerschlagen, die staatlichen Behörden sehen sich nicht in der Pflicht, den Menschen zu helfen, zählen sie doch zu den Kurden. Man stelle sich vor, die Armee vertreibt die Bevölkerung aus einer 100.000 Einwohner-Stadt. Im November, vor Anbruch des Winters, darf man sich als obdachlose Familie die Trümmer anschauen und hat keinerlei Anspruch auf Hilfe.

In Nusaybin, eine kurdische Grenzstadt zu Syrien im Südosten der Türkei, sieht es ähnlich aus. Vieles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Vertreibung und Zerstörung übertrifft in der Masse der betroffenen Bevölkerung noch die Zerstörungen, die das türkische Militär in den 1980er und 1990er Jahren angerichtet hat, als sie mehr als 4.000 kurdische Dörfer zerstört hat. Jetzt sind die kurdischen Städte dran.

Hunderttausende kurdische Binnenflüchtlinge gibt es mittlerweile in der Türkei. Sie haben keine Möglichkeit mehr, in ihre Häuser zurückzukehren, weil diese nicht mehr existieren. Sie haben alles verloren, ihr Dach über dem Kopf, ihre Arbeit, ihre Ersparnisse. Die Vereine, die für die Bevölkerung der zerstörten Städte Nothilfe geleistet haben, sind nun ebenfalls verboten worden, darunter auch der Rojava Solidaritäts- und Hilfsverein und der Verein Sarmaşık (vgl. Türkei: Die Zerschlagung der demokratischen Zivilgesellschaft).

Schon seit 2006 arbeitet dieser Verein in Diyarbakir (kurdisch: Amed) in der Armutsbekämpfung. Er betrieb eine Lebensmittelbank und versorgte zuletzt 5.400 Familien regelmäßig mit Lebensmitteln. Darüber hinaus wurden Stipendien und Bildungsprojekte für Schüler und Schülerinnen aus armen Verhältnissen organisiert.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von mindestens 400.000 Binnenflüchtlingen in den kurdischen Gebieten seit Mitte letzten Jahres. Der oben genannte Rojava-Hilfs- und Solidaritätsverein aus der Türkei hat gemeinsam mit dem Kurdischen Roten Halbmond (Heyva Sor a Kurdistanê) eine Patenschaftskampagne für diese Familien gestartet.

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