Türkei: Nach falschen Corona-Fallzahlen nun der Lockdown

Lockdown in Adana im Mai 2020. Bild: Zeynel Cebeci/CC BY-SA 4.0

Trotz früherer Warnungen reagiert das Auswärtige Amt erst nach Ende der Tourismussaison

Nachdem die türkische Regierung monatelang falsche Fallzahlen zu Covid-19 veröffentlichte und der türkische Gesundheitsminister dies Ende September zugeben musste, wurde nun am vergangenen Freitag angesichts explodierender Zahlen ein Teil-Lockdown verhängt.

Obwohl das Auswärtige Amt (AA) Kenntnis über die falschen Fallzahlen haben musste, wurde erst am 9. November eine türkeiweite Reisewarnung erlassen - pünktlich zum Ende der Reisesaison.

Seit diesem Wochenende sind auch in der Türkei Restaurants und Cafés geschlossen. An den Wochenenden gilt von freitags um 20 Uhr bis sonntags um 10 Uhr vormittags eine generelle Ausgangssperre. Über 65-Jährige dürfen an Werktagen ihre Wohnungen nur zwischen 10 und 13 Uhr verlassen, unter 20-Jährige nur von 13 bis 16 Uhr. Es dürfen nur lebensnotwendige Geschäfte und wichtige Dienstleister wie Frisöre geöffnet haben. Schüler werden bis Ende des Jahres über Fernunterricht beschult.

Skurril ist eine Meldung der Tageszeitung Hürriyet, demzufolge "je nach Provinz an Häusern, in den Corona-Fälle auftreten, 'Warnschilder' angebracht und Hausbesuche dort verboten werden" sollen. Laut Hürriyet sahen die offiziellen Fallzahlen am 20. November wie folgt aus:

• Täglich über 4500 neue Covid-19-Erkrankungen (zzgl. asymptomatische Infektionen)

• Mindestens 123 Corona-Tote in den letzten 24 Stunden

• Mindestens 3850 Schwerkranke mit aktiver Corona-Infektion

• Rund 12.000 Todesfälle seit Beginn der Pandemie

• Etwa 430.000 Erkrankte seit März

(Stand: 20. November, 15 Uhr)

Reisewarnung für die Türkei gilt jetzt landesweit

Ende Juli hatte das Auswärtige Amt - allen Warnungen über falsche Coronazahlen zum Trotz - die Reisewarnung für die Küstenprovinzen Antalya, Aydin, Izmir und Mugla aufgehoben. So konnten zigtausende Menschen aus Deutschland und Europa ihren Sommer- und Herbsturlaub in der Türkei verbringen. Viele nutzten dies, um ihre Familienangehörigen in der Türkei zu besuchen: In Istanbul, Izmir, Antalya oder Adana gelandet, wurde zuerst die Familie im Dorf oder Städtchen in der gesamten Türkei besucht.

Kontrollen über den Aufenthalt gab es nicht. Am Ende der Ferien verbrachte man dann, wie das schon immer üblich war, ein paar Tage am Meer in den "erlaubten" Provinzen, bevor man sich in die Flieger nach Düsseldorf, Hamburg oder Berlin begab. In Deutschland aus den "sicheren Provinzen" am Flughafen angekommen, verteilte die Bundespolizei einen Flyer, dass sich die Rückkehrer aus der Türkei bei ihren örtlichen Gesundheitsämtern melden sollen. "Wir überprüfen aber nicht, ob die Reisenden sich auch an die Anweisungen auf dem Flyer halten und auch zum Gesundheitsamt gehen", wird ein Sprecher der Bundespolizei von einer Essener Lokalzeitung zitiert.

Nach den Sommerferien vermeldeten dann Städte im gesamten Bundesgebiet vermehrte Corona-Fälle bei Rückkehrern aus der Türkei und dem Balkan. Seit dem 9. November gilt nun wieder die gesamte Türkei als Corona-Risikogebiet, was Reisen in die Türkei nahezu unmöglich macht. Das Auswärtige Amt begründete diesen Schritt mit falschen Angaben zu Covid-19 Fällen, da die Türkei die Infektionsdaten nicht nach den Regeln der Weltgesundheitsorganisation (WHO) publiziert. Diese Einsicht des Auswärtigen Amtes kommt reichlich spät.

Trägt das Auswärtige Amt eine Mitschuld an den hohen Fallzahlen in Deutschland?

"Die Coronazahlen könnten niedriger sein, wenn die Bundesregierung die vier türkische Regionen schon vor Monaten zu Risikogebieten erklärt hätte", schreibt der Journalist Frank Nordhausen in dem Gewerkschaftsmagazin Gegenblende.

Ende September, also vor 7 Wochen, berichteten deutsche Medien, dass die Türkei seit Ende Juli nur jene Corona-Fälle zählt, die Symptome zeigen. Positiv getestete Personen ohne Symptome, die jedoch genauso ansteckend sind, wurden verschwiegen. Ebenfalls Ende Juli hob das Auswärtige Amt die Reisewarnungen für die Küstenprovinzen auf.

Für diese Fehlentscheidung hat das AA keine Erklärung, sondern laviert herum: Die Voraussetzung für die Aufhebung der Reisewarnung sei "das Vorliegen einer transparenten und verlässlichen Datenbasis über das Infektionsgeschehen im Land" gewesen. Aha. Werten die zuständigen Mitarbeiter im AA denn nicht die noch verbliebene kritische türkische Presse aus? Oder wird blind den Angaben der Regierung vertraut? Gab es denn keine Berichte der Dienste, die eigentlich immer gut informiert sein sollten?

Schon im Frühjahr gab es erste Hinweise auf falsche Angaben zu COVID-19 (auch hier). Der türkische Ärztebund TTB warnte schon seit April vor den falschen Zahlen aus der Türkei und erhielt dafür die Drohung der Regierung, juristisch gegen gegen den Ärztebund vorzugehen. Die Opposition im türkischen Parlament forderte damals vergeblich vom Gesundheitsminister Fahrettin Koca, er möge bitte die Diskrepanz zwischen den städtischen Sterbedaten und den offiziellen Corona-Zahlen erklären.

Im Juli warnten renommierte Wissenschaftler vor den falschen Zahlen. Trotzdem wurden Anfang August die Reisewarnungen und die 14-tägige Quarantänepflicht für Reiserückkehrer für die vier Küstenregionen der Türkei aufgehoben. In der Folge reisten massenhaft Menschen als Familienangehörige oder Touristen in den Ferien in die Türkei. Im September wurde der Betrug amtlich: Ein Abgeordneter der Oppositionspartei CHP postete ein Dokument, in dem für den 10. September 29.377 positive Corona-Tests ausgewiesen wurden, während das Gesundheitsministerium für den 10. September nur 1.512 Fälle auswies.

Der Ärztebund TBB vermutet darüber hinaus, dass auch die Zahl der Corona-Toten nicht stimme, weil vielfach als Todesursache 'Lungenentzündung' angegeben werde. Die Bundesregierung ließ die Bundesbürger trotzdem in den Herbstferien in die Türkei reisen. Am 30. September gab Gesundheitsminister Koca auf einer Pressekonferenz schließlich zu, dass nicht die Zahl der positiv getesteten Personen veröffentlicht wurde, sondern nur diejenigen, die sich aufgrund von Krankheitssymptomen in ärztliche Behandlung begeben hatten.

In Wahrheit seien nicht nur 1,5 Prozent der getesteten Bürger positiv, sondern rund 10 Prozent. Das heißt konkret, es gibt seit Juli täglich nicht ca.1500 neue Corona-Fälle, sondern mehr als 10.000. Damit gehört die Türkei zu den weltweit am stärksten betroffenen Ländern. Die Bundesregierung und das Auswärtige Amt sahen noch immer keinen Handlungsbedarf. Gegenüber der WHO rechtfertigte Gesundheitsminister Koca seine Zahlenmanipulation mit dem "Schutz nationaler Interessen", der für seine Regierung die gleiche Bedeutung wie der Gesundheitsschutz der Bevölkerung habe.

Was übersetzt bedeutet: Die Aufrechterhaltung der Tourismusbranche zur Stabilisierung der angeschlagenen türkischen Wirtschaft ist wichtiger als der Gesundheitsschutz der Bevölkerung - nicht nur in der Türkei. In der Türkei infizierte Türkei-Urlauber oder Familienangehörige, die das Virus mit nach Hause nehmen, interessieren schlicht nicht.

England hat darauf sofort reagiert: Zwei Tage nach Kocas Eingeständnis zu den falschen Zahlen, am 2. Oktober, wurde die Türkei wieder zum Risikogebiet erklärt. Die Bundesregierung brauchte dafür 5 Wochen bzw. wartete das Ende der Herbstferien und das Saisonende in der Türkei ab. (Elke Dangeleit)