Türkei: Transitland zum IS

Zehntausende IS-Anhänger aus aller Welt konnten ungehindert von der Türkei aus zum Dschihad nach Syrien reisen

Schon 2014 warnte die demokratische Selbstverwaltung in Nordsyrien die Welt vor dem IS-Schlupfloch Türkei. Es gab Berichte Medien über die Verbindungen zwischen der Türkei und dem IS in den kurdischen Medien, in der damals noch existierenden oppositionellen türkischen Presse, auf Fotos und in Videos in den sozialen Medien.

Immer wieder tauchten Videos und Zeugenaussagen in den kurdischen Gebieten der Türkei auf, die Arabisch sprechende Polizisten und Soldaten in den Reihen der türkischen Polizei und des Militärs zeigten. Auch Telepolis berichtete mehrfach darüber. Aber die Bundesregierung duckte sich aus Rücksicht auf Erdogan und seine AK Partei, verschloss Augen und Ohren - und schwieg. Zehntausende IS-Anhänger aus aller Welt konnten ungehindert von der Türkei aus zum Dschihad nach Syrien reisen. Nun drückt man sich vor der Verantwortung, die in Nordostsyrien inhaftierten Islamisten in ihre Heimatländer zurückzuholen und zu verurteilen.

Reporter des Spiegel lieferten kürzlich eine "ganze Kiste voller amtlicher Belege zur Rolle der Türkei bei der Einreise von IS-Kämpfern in Syrien, vor denen die Bundesregierung nun nicht mehr die Augen verschließen, sondern endlich handeln sollte. Tacheles reden mit der Türkei - das wäre jetzt die richtige Reaktion. Denn viele Islamisten möchten zurück in die Türkei, wo ein gut funktionierendes Netzwerk von IS-Anhängern auf sie wartet. Viele sind sich auch sicher, dass sie in der Türkei - wenn überhaupt - nur mit kurzen Gefängnisaufenthalten zu rechnen haben.

Ein Team von Spiegel und Spiegel TV reiste im März in die Hauptstadt Qamishlo des Kantons Cizire in Nordsyrien und bekam Belege vorgelegt, die beweisen, dass die Reiseroute der meisten ausländischen Dschihadisten über die Türkei führte. Dem Team wurden mehr als 100 Reisepässe aus Deutschland, Indonesien, Slowenien, Russland und Tunesien, selbst aus Trinidad, Tobago und Südafrika vorgelegt.

Tausende weitere sollen sich in den Händen der syrischen demokratischen Kräfte (SDF) befinden. Allen Pässen gemein war der rote türkische Einreisestempel - der blaue Ausreisestempel nach Syrien jedoch fehlte, offiziell haben diese Leute die Türkei nie verlassen. Wie kamen dann nur diese Pässe nach Nordsyrien in die Verwaltungsgebäude des IS, wo die syrischen demokratischen Kräfte (SDF) Tausende solcher Dokumente sicherstellte?

Einige Reisepässe hatten mehrere türkische Einreisestempel, was nach Interpretation der Reporter ein Indiz dafür ist, "dass in der Anfangszeit bis 2014 viele Dschihad-Reisende erst einmal zum Schnupperaufenthalt ins Terrorreich kamen. Nach zwei, drei Monaten reisten sie wieder aus, um daheim weitere Willige zu rekrutieren und abermals zu kommen". Der kleine Provinzflughafen in der Provinz Hatay avancierte ab Sommer 2012 zu einer "VIP-Lounge für internationale Fanatiker", berichtet der Spiegel.

Kaum zu glauben, dass den türkischen Behörden dieser rege Reiseverkehr selbst in den Wintermonaten in die sonst wenig frequentierte Region nicht aufgefallen ist. Der SDF-Sprecher Mustafa Bali, der dem Reporterteam die Pässe zeigte, sagte: "Damals wollte uns keiner glauben. Heute haben wir die Beweise." Beweise gibt es, wie schon erwähnt genug. Zahlreiche Aussagen inhaftierter IS-Kämpfer, die der kurdischen Nachrichtenagentur ANF vorliegen, bestätigten, dass nicht nur IS-Kämpfer über die Türkei ins Kalifat kamen, sondern auch Waren und Waffen.

In einer vierteiligen Serie beschreibt ANF anhand von Fallbeispielen die enge Zusammenarbeit zwischen Türkei und IS: Ibrahim Fethulah aus Tadschikistan berichtet, dass alle Waren, die er beim IS gesehen hatte, aus der Türkei stammten. "Wir konnten unser Handyguthaben, unser Internet all das aus der Türkei beziehen. Es gab diesen Ort ar-Rai direkt an der Grenze. Dort wurde sehr gute Arbeit geleistet. Alles war sehr schön damals."

Der von den SDF gefangen genommene schwedische Staatsbürger Abrar Mohamed berichtet von täglichen Öllieferungen des IS aus Deir ez-Zor und Rakka in die Türkei. Dafür erhielt der IS Fahrzeuge, beladen mit Waren jeglicher Art, darunter auch Medikamente und medizinisches Material, wie ein weiterer Häftling berichtet:

Die Medikamente, die in den Gesundheitszentren und den Apotheken im IS-Gebiet angeboten wurden, waren allesamt in der Türkei produziert worden. Die Türkei setzte diese Unterstützung auf geheime Weise um. Es war unmöglich, über dieses Thema zu sprechen. Denn sonst wärst du wegen Agententätigkeit oder aus einem anderen Grund geköpft worden.

IS-Kämpfer

Viele IS-Kämpfer kamen aus den Turkstaaten

Von den ausländischen IS-Kämpfern, die sich zuletzt den SDF im nordostsyrischen al-Bagouz ergeben hatten oder festgenommen wurden, kommen viele aus Turkmenistan, Ost-Turkestan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisien und Aserbeidschan. Diejenigen, die sich vor 2015 dem IS anschlossen, kamen fast alle über die türkische Stadt Akçakale in das damals vom IS besetzte Girê Spî (Tell Abyad). Ibrahim Fethulah berichtet über seinen Grenzübertritt.

Der türkische Geheimdienst wusste von allem. Als wir über die Grenze gelangen wollten, drehte der Grenzsoldat auf der türkischen Seite uns ganz einfach den Rücken zu. So konnten wir problemlos bepackt mit unserem Rucksack über die Grenze nach Syrien einreisen.

Ibrahim Fethulah, IS-Kämpfer

Nachdem die SDF Girê Spî zurückerobert hatten, eröffnete die Türkei den Grenzübergang vom türkischen Kilis ins nordsyrische Dscharablus. 2017 und 2018 nahmen die Dschihadisten dann die Route über al-Bab. Ihnen wurde versprochen, dass sie in Syrien Häuser, Arbeit und Land bekommen würden, berichteten sie bei den Befragungen durch die SDF. Es wird vermutet, dass die Türkei durch eine gezielte Siedlungspolitik versuchen wollte, über den IS die Demographie von Nordsyrien zu verändern. Der Plan ging bis jetzt, von Afrin abgesehen, nicht auf.

Nun möchten viele Dschihadisten wieder zurück in die Türkei, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Die türkischen Dschihadisten kommen überwiegend aus den Provinzen Ankara, Kırşehir, Istanbul, Konya und Çankırı.

Hüseyin Kafar, der 2014 mit seinen Eltern und Geschwistern von Ankara nach Syrien zum IS übergesiedelt ist, kam über das türkische Gaziantep nach Syrien. Sein Vater war Mitglied der türkischen Kamil-Nuhoğlu-Gemeinde, die den Kontakt zum IS vermittelte. Abdullah Aman Mehmet arbeitete als Kellner im Istanbuler Bezirk Fatih, bevor er sich dem IS anschloss. Der Besitzer des Restaurants brachte ihn über Gaziantep-Karkamis nach Jarablus.

Der in Ankara geborene Emre Ozanoğlu kam über Freunde seines Vater mit dem IS in Kontakt. Ende 2014 reiste er mit seiner Ehefrau Başak über Gaziantep nach Syrien - auch er hatte keinerlei Probleme, die Grenze zu passieren: "Ohne jegliches Hindernis sind wir mit einem 'Transit' über die Grenze nach Rai gefahren. Wir haben an der Grenze keinen einzigen Soldaten gesehen."

Der ebenfalls aus Ankara stammende Oğuzhan Emre arbeitete in einer Firma in Ankara als Buchhalter. Wie Emre Ozanoğlu lernt er 2014 Kamil Nuhoğlu kennen, der in Sincan eine Moschee und einen Buchladen betrieb. Nuhoğlus Name taucht immer wieder in den Berichten türkischer IS-Kämpfer auf. Er wird von ihnen als türkischer IS-Kader bezeichnet.

Emre, der sich 2018 den SDF ergeben hatte, bestätigte auch die Meldungen kurdischer Zeitungen, wonach die angebliche "Operation" des türkischen Staat gegen den IS am 24. August 2016 in Jarablus, al-Bab und Azaz ein Fake war. Längst schon hatte sich der IS aus der Region zurückgezogen, als die türkische Armee einrückte, so der Bericht von Emre Ozanoğlu:

Der IS sagte uns, wir müssten nun al-Bab verlassen, mehr nicht. Nicht nur ich, sondern Hunderte Familien mit schweren Waffen zogen ab und gingen nach al-Mayadin. Als wir die Region verließen, rückte der türkische Staat ein. Da habe ich verstanden, dass es ein Abkommen zwischen dem IS und dem türkischen Staat gegeben hat.

Emre Ozanoğlu, IS-Kämpfer

Auch der Marokkaner Abdulhamid Dimashq reiste seinen Angaben nach über die Türkei zum IS. Auch er berichtet über einen entspannten Grenzübertritt: "...Ich weiß nicht, welches Abkommen es zwischen dem Staat (Anm.: gemeint ist der IS) und der Türkei gegeben hat, aber sie haben mich sehr entspannt über die Grenze gelassen. Ich bin offiziell ausgereist. Als ich angekommen bin, war ich eine Weile in Homs, dann war ich in Mayadin (...)."

Senhad Salih aus Saudi Arabien reiste über das türkische Kilis nach Azaz ein. Seine Frau lebt in dem von der Türkei besetzten Gebiet in Nordsyrien. Mustafa Turkmenistan kam, wie der Name schon sagt, aus Turkmenistan. Auch er gab an, über die Türkei eingereist zu sein. Ihn hätte, wie auch den Turkmenen Miradil, der 2016 erst in die Türkei, dann zum IS im Irak und zum Schluss nach Syrien reiste, das versprochene Geld und der Reichtum im sogenannten "Islamischen Staat" gelockt.

Auch er will wie alle anderen Dschihadisten wieder zurück in die Türkei. Adil Restam Madrakhimov kommt aus Usbekistan. 2014 siedelte er mit seiner sechsjährigen Tochter in die Türkei nach Konya um, um dort zu arbeiten. Weil sein Pass abgelaufen war, wurde Madrakhimov in der Türkei verhaftet. Auf wundersame Weise landete er schließlich beim IS.