Türkei baut Lager für syrische Flüchtlinge ab

Kürzlich geschlossenes Lager in Suruç/Türkei. Bild (von 2016): Vladimir Platonow/Agência Brasil/CC BY 3.0 BR

Offiziell wird dies mit der wirtschaftlichen Lage begründet. Unterstützt wird damit die Islamisierungspolitik türkischer "Protektorate" im Norden Syriens

Die Türkei schließt nach und nach Lager für syrische Flüchtlinge auf ihrem Territorium. Als Grund werden die hohen Kosten angeführt und Probleme bei der Integration von Flüchtlingen, die in Lagern leben. Von insgesamt 21 Flüchtlingslagern wurden bereits acht geschlossen, berichtet al-Monitor. In den kommenden Monaten sollen alle geschlossen werden.

In den noch geöffneten 13 Lagern sind 117.000 Syrer untergebracht. Wohin sie nach Schließung der Lager gehen sollen, ist unklar.

Der Bericht legt anhand von Aussagen eines Experten und Hintergrundinformationen von Menschenrechtsgruppen nahe, dass die Türkei auf Rückkehr der Flüchtlinge nach Syrien drängt. Der Unterhalt der Lager komme dem Land, das in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, zu teuer, so lautet die offizielle Begründung. Erwähnt werden auch Integrationsprobleme. Diejenigen, die isoliert im Lager leben, haben es schwer, sich in das türkische Leben einzugliedern.

3,6 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei

Die Flüchtlinge in den Lagern sind Teil eines größeren Problems. Sie machen nur einen kleinen Anteil der insgesamt 3,6 Millionen Syrer aus, die das Innenministerium in Ankara im Mai 2019 als Flüchtlinge mit einem befristeten Schutzstatus registriert. Die allermeisten - 96 Prozent laut Angaben aus dem letzten Jahr - leben in Städten. Vor allem in Istanbul, wo sich mehr als eine halbe Million Flüchtlinge aus Syrien aufhalten soll. (Vor vier Jahren lebten noch 17,5 Prozent der Flüchtlinge in den Lagern).

Währenddessen lebten in den 21 Flüchtlingslagern, die nun langsam geschlossen werden, nach den Angaben von 2018 knapp über 200.000 Personen. Etwa 350.000 fanden 2018 in "Provinzen und Bezirken" außerhalb der Lager Unterschlupf.

Stellt man die 216.890 Bewohner der Lager, die im Vorjahr gezählt wurden, den 117.000 gegenüber, die sich nach dem al-Monitor-Bericht gegenwärtig noch in den 13 verbliebenen Lagern aufhalten, so mussten sich 100.000 bereits eine neue Bleibe suchen und etwa die gleiche Zahl steht in den nächsten Monaten vor der Entscheidung, sich einen neuen Ort zum Leben zu suchen.

Der von al-Monitor befragte Experte, Omar Kadkoy, zählt drei Möglichkeiten auf: Entweder sie gehen in die Städte oder sie wechseln in ein anderes Lager, bis dieses geschlossen wird oder sie kehren nach Syrien zurück. Für diejenigen Lagerbewohner, die in der Türkei bleiben wollen, seien die Aussichten aber sehr dürftig.

"Zurück nach Syrien"

Während sie im Lager mit dem Nötigsten versorgt werden, aber mit einer baldigen Schließung rechnen müssen, bekommen sie nur spärliche staatliche Unterstützung, um im türkischen Leben außerhalb der Camps durchzukommen: monatliche Mietunterstützung von umgerechnet etwa 50 Dollar, dazu einen monatlichen Zuschuss im Wert von 17 Dollar zum Überleben.

Diese Umstände, so mutmaßt der al-Monitor-Artikel, seien Teil einer Regierungspolitik, die auf eine Rückkehr der Flüchtlinge nach Syrien aus ist. Das sei der eigentliche Grund für die Schließung der Flüchtlingslager.

Auf die Schwierigkeiten der Akzeptanz und Integration der syrischen Flüchtlinge in der Türkei geht der Autor, Metin Gurcan, der als Experte in Sicherheitsfragen dargestellt wird, nicht weiter ein. Er belässt es dabei, auf eine Charakteristik der syrischen Flüchtlinge hinzuweisen, ihr junges Alter. Der Altersdurchschnitt der 3,6 Millionen Flüchtlinge liege bei 22,5 Jahren. In der türkischen Bevölkerung liegt er bei 31,7 Jahren.

Konkret heißt das, dass eine 1,6 Millionen syrische Flüchtlingen 18 Jahre alt sind oder jünger - allein die Zahl der Kinder unter 10 Jahren beträgt schon eine Million. 800.000 sind im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Über deren Möglichkeiten zur Schul- und Berufsausbildung, bzw. einen Arbeitsplatz zu finden, wird nichts erwähnt.

Keine Schule, schlechte Aussichten

Dazu gab es in den letzten Jahren aber immer wieder Warnungen von Nichtregierungsorganisationen wie auch von Think Tanks, wonach längst nicht alle geflüchteten syrischen Kinder Schulunterricht bekommen. Brookings bezifferte den Prozentsatz für die Flüchtlingskinder in der Türkei, wie aus "sozioökonomischen und anderen Gründen" nicht in der Schule unterrichtet werden, im vergangenen Jahr auf 42 Prozent.

In den anderen Nachbarländern Syriens, wohin viele Familien geflüchtet sind, sieht es offenbar nicht viel besser aus. 40 Prozent der insgesamt 1,7 Millionen Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter sollen keine Schule besuchen, so der Brookings-Bericht vom Herbst letzten Jahres.

Im Sommer letzten Jahres gab es eine Zahl aus dem türkischen Erziehungsministerium. Demnach bekamen 350.000 syrische Kinder keinen geregelten Schulunterricht. Nichtsdestotrotz kehrt die türkische Nachrichtenagentur Anadolu heraus, dass die UNICEF die Anstrengungen der Türkei in dieser Hinsicht lobe.

Gelegentlich fällt das Schlagwort von einer "verlorenen Generation", wenn es um die Kinder der Flüchtlinge aus Syrien geht, da die Nachbarländer offensichtlich mit der Schulausbildung überfordert sind. Selbst die regierungsfreundliche türkische Nachrichtenagentur weist, darauf hin, dass nur sehr wenige syrische Kinder auf weiterführende Schulen kommen, hier gebe es auch kaum Fortschritte.

Islamischer Unterricht in Afrin

Nahost-Beobachter weisen immer wieder mal auf ein anderes Problem der türkischen Schulbildung - nicht nur für Flüchtlingskinder - hin: Dass es oft islamischen Schulen sind, die sich "ihrer annehmen". Ganz offen tritt dieses Problem in aktuellen Berichten zutage.

So sollen nach Angaben des Innenministeriums in Ankara mehr als 300.000 syrische Flüchtlinge nach Afrin und in andere syrische Gebiete, die mit der Militäroperation "Euphrates Shield" erobert wurden, zurückgekehrt sein und dort auch Schulen und Universitäten vorfinden.

Das kurdische Medium Kurdistan 24 bestätigt indessen, wovon da und dort schon die Rede war, dass die türkische Verwaltung dieser Protektorate in Syrien sehr auf einen "islamischen Geist" bedacht ist, die syrischen Lehrer würden dementsprechend auf Linie gebracht.

Das lässt einiges befürchten, wenn es um die Pläne der Türkei für eine Ausweitung der schönfärberisch "Schutzzonen" genannten Einflussgebiete in Syrien geht. Die Schließung der Flüchtlingslager, weil man sie sich nicht mehr leisten kann oder will, passt jedenfalls zum politischen Druck, den die Türkei aufbaut, um ihr "Protektorat" auf Gebiete im Nordosten zu erweitern, die unter kurdischer Verwaltung stehen.

Dazu passt übrigens auch die offizielle Begründung zur Schließung der Flüchtlingslager. So berichtet zum Beispiel die regierungsnahe Zeitung Daily Sabah zur Schließung des Lagers Suruç in Sanliurfa, der "größten Zeltstadt", dass die Flüchtlinge vor den kurdischen YPG dorthin geflohen sei. Sie hätten demnach Angst vor der YPG gehabt, die ihnen beim Angriff des IS auf Kobane auf der syrischen Seite geholfen hat ...

Tatsächlich flohen die Menschen vor dem IS (der über die Türkei Nachschub bekommen hatte). Der Propandaanteil der Daily-Sabah-Meldung ist offenkundig. Dass die Türkei auch bei Kobane gerne eine safe zone genannte YPG-freie Einflusszone hätte, die sie zum Protektorat ausbauen würde, muss nicht eigens erwähnt werden.

Indessen wächst das Flüchtlingsproblem in Idlib, wo die Türkei über islamistische Milizen in Verbindung mit der dort dominierenden al-Qaida-Miliz Hayat Tahrir asch-Scham steht. (Thomas Pany)