Türkei begeht Menschenrechtsverletzungen in Afrin

Afrin im März 2018. Bild: Qasioun News Agency / CC BY 3.0

Wie lange wird die Besatzungsmacht dort bleiben?

Seit Monaten versuchen Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und NGOs auf die Menschenrechtsverletzungen und die Besatzung der Türkei in Afrin/Nordsyrien aufmerksam zu machen. Die Türkei drang im Januar 2018 völkerrechtswidrig in den nordsyrischen Kanton ein.

Nachdem sie sich drei Monate lang einen erbitterten Kampf mit der YPG lieferte, evakuierte die YPG die Stadt zum Schutz der Zivilbevölkerung. Letztlich gelang der Türkei die Besetzung nur, weil Russland der Türkei für diese Operation den Luftraum öffnete und türkische Kampfbomber die Stadt Afrin und umliegende Dörfer ungestört angreifen konnten. Nun sitzt das türkische Militär im Zentrum von Afrin, ihre Proxytruppen ziehen raubend, brandschanzend und mordend durch die Stadt und ihr Umland.

Nicht nur die sogenannten Mainstream-Medien schwiegen über das, was sich seit Januar dieses Jahres in Afrin abspielte, auch die Bundesregierung hüllte sich in Schweigen - und das, obwohl immer wieder Fotos und Videos um die Welt gingen, die die türkischen Besatzer mit deutschen Waffen vor Ort zeigten. Telepolis berichtete schon seit Monaten über die Vertreibung der kurdischen Zivilbevölkerung (vgl. "Modell Afrin": Menschenrechtsverletzungen und Kämpfe zwischen Milizen, Afrin: Vertreibung, Gewalt und islamistische Repression, Türkei - das historische Gedächtnis von Minderheiten wird ausradiert und Türkei vertreibt die letzten Eziden aus Syrien).

Nun hat es endlich ein Bericht von Amnesty International geschafft, Ungeheuerliches in die deutschen Medien zu bringen. Zwischen Mai und Juli hatte Amnesty zahlreiche Menschen interviewt, die in Afrin lebten oder von dort flüchteten.

Die Tagesschau , die Welt und der Spiegel berichteten am 2.8. über Plünderungen von Häusern, willkürlichen Inhaftierungen, Folter und das sogenannte Verschwindenlassen von Zivilisten in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Region.

In Afrin wurde mittlerweile ein Großteil der kurdischen Bevölkerung vertrieben, darunter viele Christen und Eziden. Die Vereinten Nationen gehen von mindestens 176.000 vertriebenen Zivilisten aus, andere Quellen sprechen von über 250.000. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bestätigte die Vertreibungen, Enteignungen und Plünderungen.

Amnesty berichtet, dass die meisten Gräueltaten von den von der Türkei ausgebildeten und mit Waffen ausgestatteten syrischen Milizen ausgehen und die türkischen Soldaten dabei tatenlos zusehen.

Ein Beispiel ist die Geschichte des 83 Jahre alten Seydo Belo aus dem Dorf Dîkê in Afrins Rajo-Region: Eines Tages kamen, wie er berichtet, türkische Soldaten und ihre Milzen auf das Feld von Seydo. "Sie fingen an, mich ohne irgendeine Erklärung zu schlagen. Einer sagte, sein Name sei Mihemed und sprach mit mir Kurdisch, stieß mich zu Boden und durchsuchte meine Taschen. Ich hatte 50.000 Syrische Lira und 800 Türkische Lira bei mir. Er nahm mein ganzes Geld und mein Telefon und steckte alles in seine Tasche. " Danach soll er ihm das Messer an den Hals gelegt haben, um ihn zu köpfen.

Offensichtlich änderte er seiner Meinung und brachte den alten Mann mit verbundenen Augen zu einem Fahrzeug, das ihn und vier weitere Bewohner nach Rajo brachte. In einem Gebäude in Rajo wurden sie weiter körperlich misshandelt - auch ein 95-jähriger und seine Tochter aus dem Dorf Moskê. Sie wurden dort 2 Tage ohne Nahrung festgehalten. Später wurden sie an einem Kontrollposten von Rajo freigelassen.

Im Dorf Koçoman bei Cindirês drangen Milizionäre der türkeitreuen Miliz Firka al-Hamza in die Häuser ein und verschleppten gewaltsam 13 Personen.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) berichtet ebenfalls über systematische Menschenrechtsverletzungen. Ein junger Mann aus dem Dorf Keferşînê, erzählt, dass einer seiner Verwandten gefoltert wurde, damit dieser seinen Aufenthaltsort preisgibt. Da er dies nicht tat, wurde er mitgenommen und ist seitdem verschwunden.

Vorfälle dieser Art ereignen sich täglich. Türkische Soldaten oder Milizen dringen in die Häuser ein, bezichtigen Bewohner jeglichen Alters der Mitgliedschaft in der YPG oder anderen Organisationen der demokratischen Föderation Nordsyriens, misshandeln sie und werfen sie aus ihren Häusern. "Wer Felder oder Gärten besitzt, muss dafür jetzt Pacht bezahlen. Oder die Besitzer müssen im Garten arbeiten und bekommen dafür einen geringen Lohn, als ob sie Diener seien."

Seit dem 18. März, der Eroberung von Afrin, hat das türkische Militär mindestens 3.000 Kurden verschleppt. Schätzungen gehen von bis zu 7.000 aus. Allein zwischen dem 1. und 15. Juli wurden rund 120 Entführungen, sieben Morde, zehn Raubüberfälle und 27 Razzien dokumentiert, bei denen das Eigentum der Betroffenen zerstört wurde, berichtet Kamal Sido von der GfbV. Er stammt selbst aus Afrin und bekommt Nachrichten aus erster Hand.

Ein Dorfbewohner berichtet von Verschleppungen und dass Kinder zur Folter gezwungen wurden:

…im Dorf standen die Menschen unter dem ständigen Druck der Besatzungstruppen. Menschen wurden verschleppt, für ihre Freilassung wurde Lösegeld gefordert. Ein Ladenbesitzer aus dem Dorf wurde als vermeintliches "Organisationsmitglied" gefangen genommen. Er wurde tagelang gefoltert. Später wurde er gegen Lösegeldzahlung freigelassen. Als er zurückkam, war er eine lebende Leiche. Seine Rippen waren gebrochen. Er erzählte uns, dass er mit verbundenen Augen gefoltert wurde. Die Folter wurde von Kindern ausgeführt. Die Gefangenen mussten dabei zusehen, wie die Kinder andere Gefangenen folterten.… Es gab auch ein Gefängnis in Basûtê. Sie nannten es Festungsgefängnis… Die Gefangenen wurden am Palästinenserhaken aufgehängt. Ein Mann verlor dabei das Bewusstsein. Angeblich wurde er zur medizinischen Behandlung in die Türkei gebracht, aber man hat nie wieder etwas von ihm gehört.

ANF

Unter den Milizen befinden sich viele Islamisten, zum Teil auch ehemalige IS-Kämpfer. Das erklärt auch die besondere Brutalität, die die islamistischen Proxytruppen der Türkei an den Tag legen. Die Türkei verweigerte im Juli eine Stellungnahme zu den Vorwürfen.

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