Türkei bombardiert Eziden im Shengal im Nordirak

Archivbild Kämpfe im Shengal. Bild: ANF-News

Der türkische Präsident Erdogan und der irakische Ministerpräsidenten Abadi trafen sich einen Tag zuvor

Am Mittwochnachmittag flogen türkische Kampfjets Angriffe auf die Shengal-Region im Nordirak. Die Shengal-Region (auch: Sindschar, Singar oder Shingal) ist das Siedlungsgebiet der Eziden (auch Jesiden), das im August 2014 vom IS überfallen wurde und tausende Eziden ermordet, Frauen und Kinder verschleppt und versklavt wurden. Bei dem Angriff gab es Tote und Verletzte. Über ihre Zahl gibt es noch keine genauen Angaben. Einen Tag zuvor gab es ein Treffen zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan und dem irakischen Ministerpräsidenten Abadi.

Ein Korrespondent der ezidischen Zeitung Êzîdîpress berichtete, dass drei Fahrzeuge der ezidischen Selbstverteidigungseinheit Shingals (YBŞ) von den Bomben der Türkei getroffen worden seien. Die Fahrzeuge befanden sich in einem Konvoi auf dem Rückweg von einer Gedenkzeremonie. Die türkische Armee bestätigte die Angriffe am Mittwochabend. Sie behauptete, sie habe bei den Luftschlägen den ezidischen PKK-Funktionär Zeki Shingali getötet.

Dies wurde allerdings bisher noch nicht vor Ort bestätigt. Shingali ist allerdings kein PKK-Funktionär, wie die türkischen Militärs behaupten, sondern er ist ein aus Deutschland stammender YBŞ-Kommandant, der die Selbstverteidigungseinheit mit aufgebaut hat. Im Shengal werden alle Checkpoints von der irakischen Armee und teilweise von der YBŞ kontrolliert. Die PKK-Einheiten hatten sich schon im Sommer 2017 nach einer Übereinkunft mit der irakischen Regierung aus der Region zurückgezogen.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass dieser Angriff genau am vierten Jahrestag des Massakers des ezidischen Dorfes Kocho stattfand. Am 15. August 2014 überfiel der IS das Dorf, das 25 km südlich von Shengal liegt. In dem Dorf mit 1738 Einwohnern lebten 300 ezidische Familien. Zwölf Tage hielt der IS die Menschen im Dorf gefangen und zwangen sie zur Konvertierung zum Islam. Als die Bewohner sich weigerten, wurden von den 1200 anwesenden Bewohnern

  • 380 Männer und Jugendliche erschossen und in einem Massengrab am Rande des Dorfes begraben.
  • 694 Frauen und Kinder entführt und als Sexsklavinnen bzw. zu Kindersoldaten ausgebildet.
  • 63 große Familien komplett ausgelöscht.
  • Von 47 Großfamilien hat jeweils eine einzige Person überlebt.
  • Von 17 weiteren Großfamilien überlebten jeweils 2 Familienmitglieder.

Ein Überlebender des Massakers ist Said Mirad. Von sechs Kugeln getroffen konnten er und sein Freund fliehen und wurden von einer PKK-Einheit gerettet. Said Mirad berichtet, was an jenem Tag, dem 15. August 2014 passierte:

Wir waren in Kocho, als am 3. August die Peshmerga davongelaufen sind... Wir waren weit weg vom Gebirge, etwa 30km... Als wir uns in unserem Dorf verschanzten, kam der IS... Sie setzten uns ein Ultimatum von drei Tagen: entweder ihr werdet Muslime oder wir töten euch... Um 11 Uhr riegelten sie das Dorf vollständig ab und trieben uns zusammen. Wir wurden in die Sekundarschule des Dorfes gebracht. Unser Geld, Gold und unsere Mobiltelefone nahmen sie uns weg. Die Frauen und Mädchen brachten sie in das obere Stockwerk, wir Männer, etwa 400, waren im unteren... Die, die uns unser Hab und Gut wegnahmen, waren uns bekannt. Die, die uns unser Geld und Gold wegnahmen, kannten wir. Es waren die [Stammesangehörigen; Anm. d. Red.] Mitewta, Khatuni auch die kurdischen Muslime aus Shingal sahen wir unter ihnen. Wir kannten sie alle, ausnahmslos. Keine ausländischen Kämpfer wie Tschetschenen oder Afghanen waren darunter. Wir kannten sie alle. Außer mir überlebten einige weitere, die sie ebenfalls kennen. Menschen, die wir täglich begrüßten, einander die Hand reichten. Einer derjenigen, der mir in den Nacken geschossen hat, war mein Arbeitskollege... Als wir auf die Fahrzeuge stiegen, wussten wir, dass sie uns töten werden… Sie brachten uns... nach Siba (Südwestlich von Kocho; Anm. d. Red.). Sie hielten an und sagten wir sollen absteigen und zu dem Graben vor uns gehen. Wir mussten uns hinlegen... Vier Kugeln trafen mich. Dann hörten sie für kurze Zeit auf. Einer meiner Freunde klagte vor Schmerzen, dann eröffneten sie erneut das Feuer auf uns. Zwei weitere Kugeln trafen mich. Zwei in mein Bein, eine in meine Hüfte, eine in meinen Rücken, eine in den Nacken und eine weitere hier [zeigt auf sein Steißbein; Anm. d. Red.] ... Von allen überlebten nur ein Freund und ich. Als wir uns versteckten, streute ich Sand in meine Wunden, um die Blutung zu stoppen. […] Verwundet machten wir uns gegen 20 Uhr auf den Weg zum Gebirge. Ohne Pause marschierten wir zum Gebirge und trafen auf eine Einheit der PKK.

Said Mirad

In Nordsyrien wurde das ezidische Dorf Til Xatûn nahe der türkischen Grenze am Sonntag angegriffen. Dabei wurde ein Bauer von türkischen Grenzsoldaten erschossen, als er sein Vieh in Grenznähe weiden ließ. Ein Bewohner des Dorfes berichtet von täglichem Beschuss des Dorfes durch türkische Soldaten.

Auch die Nachbardörfer seien davon betroffen. Daher seien schon viele ezidische Familien weggezogen, weil sie keinen Ackerbau mehr betreiben können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen.

Mit Recht kritisieren die Eziden vor allem die deutsche Bundesregierung, die zulasse, dass der Nato-Partner Türkei den Genozid an den Eziden, den der IS 2014 begann, vollende. Noch im Mai 2015 gab die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag einen Flyer heraus, der den Titel trägt: "Religionsfreiheit gewähren - Christen schützen. Das 'C' ist für uns Programm."

Darin schrieb sie, dass Religionsfreiheit bei ihr hoch oben auf der Agenda stände. Im Flyer wird auch auf die Situation der Eziden eingegangen: "Darüber hinaus wurden Tausende von Jesiden im Nordirak vom sogenannten Islamischen Staat vertrieben, versklavt und getötet."

Am 5. November 2015 lud die CDU/CSU-Fraktion zu einem Fachgespräch in den Deutschen Bundestag unter dem Titel: "Die Vertreibung der Jesiden im Irak - Zerstörung einer Religion und Kultur?" Dort versprachen die anwesenden Bundestagsabgeordneten den anwesenden Eziden Hilfe und Unterstützung.

Heute, drei Jahre später, scheint dies vergessen. Stattdessen ist geplant, den türkischen Präsidenten, der die erneuten Massaker an den Eziden in Nordsyrien und im Nordirak zu verantworten hat, in allen Ehren zu empfangen. (Elke Dangeleit)

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