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Türkei - das historische Gedächtnis von Minderheiten wird ausradiert

Kloster Mor Gabriel. Bild: Wikipedia/CC BY-SA 2.0 DE

Die türkische Regierung treibt die Zerstörung historischer Kulturgüter, die keinen islamischen Ursprung haben, voran. Kirchen und Zeugnisse mesopotamischer Kultur sind in der Region entweder dem Zerfall oder der Zerstörung ausgeliefert. In der Türkei soll das mehr als 10.000 Jahre alte Hasankeyf einem Staudamm weichen.

Die Altstadt von Diyarbakir-Sur, ein UNESCO-Weltkulturerbe ist bereits zu großen Teilen abgerissen worden. In Afrin hat die türkische Luftwaffe eine einmalige, gut erhaltene Hethiter-Tempelanlage mit Kampfjets bombardiert und zerstört. Ebenfalls in Afrin wurden ezidische Heiligtümer geplündert und zerstört. Internationale Archäologen und Theologen sind entsetzt darüber, wie die türkische Regierung das historische Gedächtnis von Minderheiten systematisch ausradiert.

In der Türkei macht sich unter den Aleviten die Angst breit, dass sie nun nach den Eziden, die in der Türkei faktisch nicht mehr präsent sind, oder den Christen, denen viele ihrer Kirchen und Klöster enteignet wurden, zur Zielscheibe werden.

Überall dort, wo der türkische Staat fremdes Territorium besetzt - wie zum Beispiel in Nordsyrien, erfolgt im Anschluss die systematische und gewaltsame Zerstörung jenes kulturellen und religiösen Erbes, das nicht in Erdogans Ideologie passt. Historische Stätten und religiöse Denkmäler werden ausgeplündert, dem Erdboden gleichgemacht oder enteignet.

Ruinenstadt Barad: In der nordsyrischen Provinz Afrin bombardierten türkische Kampfjets die frühbyzantinische Ruinenstadt Barad[1]. Dabei wurde mit der Julianos-Kirche (4 Jh.n.Chr.) eine der ältesten Basiliken der Welt zerstört[2]. Seit 2011 war Barad UNESCO-Weltkulturerbe. "Nicht einmal die Mongolen haben derartiges gemacht", kommentiert dies der Leiter der syrischen Behörde für Altertümer, M. Abdulkerim.

Der Generaldirektor des historischen Areals, Mahmud Hamud, berichtet, dass aufgrund der Bombardierung große Teile des Areals wurden. Mit der Kirche des Heiligen Julianos soll auch das in ihr befindliche Grab des Heiligen Maron betroffen sein. Das Grab war erst 2002 von französischen Archäologen entdeckt worden.

Auf den Heiligen Maron geht der Name der mit der katholischen Kirche unierten Konfession der Maroniter zurück. Dörfer des 1. bis 7. Jahrhunderts: In einem Kalksteinmassiv im Nordwesten Syriens befinden sich 40 gut erhaltene antike Dörfer aus dem 1. bis 7. Jahrhundert. Sie wurden im 8. bis 10. Jahrhundert aufgegeben und nicht wieder besiedelt.

Sie liegen in einer bemerkenswerten Landschaft mit architektonischen Überresten[3] von Wohnhäusern, heidnischen Tempeln, Kirchen, Zisternen, Badehäusern usw.. Sie zeigen den Übergang von der antiken "heidnischen" Welt des Römischen Reiches zum byzantinischen Christentum. Überreste von hydraulischen Techniken, Schutzmauern und römischen Ackerbauplänen zeugen von der Beherrschung der landwirtschaftlichen Produktion durch die Bewohner.

Vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien verwaltete die Generaldirektion für Antiken und Museen (DGAM) das Areal. Es sollten acht Parks unter Berücksichtigung des alten landwirtschaftlichen Bebauungsplans entstehen. Unter der Verwaltung der "demokratischen Föderation Nordsyrien" wurde das Areal ebenfalls geschützt. Die Bombardierungen und die von der Türkei geplanten Umsiedlungen und die Ansiedlung von Islamisten mit ihren Familien im Kanton Afrin bedrohen nun diese Areale.

Tempelanlage Ain Dara: Ain Dara liegt 8 km entfernt von der Stadt Afrin auf einem Siedlungshügel in der fruchtbaren Ebene um die Stadt Afrin. Auf dem Territorium wurden die Reste eines Tempels aus der späthethitischen Zeit freigelegt, die in das 13. bis 8. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Der Tempel ist der Göttin Ištar[4] geweiht.

Sie war eine mesopotamische Planetengöttin und galt als die wichtigste Göttin Babyloniens und Assyriens. Sie galt auch als Gründerin der Stadt Ninive (Nordirak). Das Ištar-Tor ist eines der Tore Babylons und heute im Pergamonmuseum in Berlin zu besichtigen.

Am 26. Januar 2018 war der Tempel Ziel türkischer Luftangriffe. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte und der syrischen Regierung wurden 60% der Anlage dabei zerstört[5].

Anscheinend hat die Erdogan-Regierung sich vorgenommen, jede Kultur zu vernichten, die vor der türkischen Invasion Mesopotamiens im 11. Jahrhundert Spuren hinterlassen hat. Entsetzt stellten internationale Archäologen fest, dass das Türkische Kultur- und Tourismusministerium durch "Konservierungsarbeiten" an der neolithischen Stätte von Göbekli Tepe irreparable Schäden am ältesten Tempel der Welt angerichtet hatte.

Beton wurde rund um den Tempel, der auf einem Bergrücken steht, mit schweren Walzenmaschinen aufgebracht, die alte Holzüberdachung durch ein 4000qm umfassendes Dach ersetzt. Das noch nicht komplett erkundete Areal um den Tempel herum wurde mit Steinen und Schutt aufgefüllt.

Der Tempel[6] besteht aus zahlreichen megalithischen Steinsäulen mit einem Gewicht zwischen 40 und 60 Tonnen und T-förmigen Stelen mit eingemeißelten Darstellungen von Bullen, Schlangen, Füchsen, Löwen und anderen Tieren.

Die Hurriyet Daily News berichtete[7], das Tourismusministerium wolle dort ein neues Besucherzentrum mit einem Betonweg durch das Gelände bis zum Tempel errichten, um die Chancen auf Aufnahme in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes zu verbessern. Dabei ist aber gerade das Ziel der UNESCO, die alten und historischen Stätten zu bewahren.

Die Frau des verstorbenen Professors Klaus Schmidt, der zuvor in Göbekli Tepe die Ausgrabungen durchgeführt hatte, Çiğdem Köksal-Schmidt, selbst Archäologin, ist entsetzt: "Jedes Mal, wenn ich dorthin komme, sehe ich neue Zerstörungen", berichtet sie der Hurriyet Daily News. Die unvorsichtigen Bauarbeiten hätten diese außergewöhnliche archäologische Stätte irreparabel beschädigt.

Das Ministerium für Kultur und Tourismus der Türkei verteidigte die Arbeiten und erklärte, dass die Restaurierungsarbeiten unter Aufsicht von Archäologen und Mitarbeitern des Museums durchgeführt werden. Dem widerspricht Köksal-Schmidt: bei ihrer Besichtigung im März seien weder Archäologen, Ministeriumsvertreter noch Museumsmitarbeiter vor Ort gewesen.

Die Stadt Hasankeyf liegt im Tigristal in der türkischen Provinz Batman, dem historischen Nordmesopotamien. Seit über 10.000 Jahren ist die Stadt durchgehend bewohnt. Sie besteht aus Palästen und Felsenwohnungen in tausenden von Höhlen. Dort befindet sich auch die historische ayyubidische Ulu Cami und das Zeynel-Bey-Mausoleum.

Das ganze Areal war ein touristisches Highlight, es fehlte in keinem Türkeireiseführer. Hasankeyf erfüllte 9 von 10 Kriterien des UNESCO-Weltkulturerbes. Es kam nur deshalb nicht auf die Liste, weil man seit 20 Jahren wegen des riesigen Staudammprojektes keinen Antrag stellen wollte. Nun fällt die Stadt dem Damm endgültig zum Opfer, wie die Tagesschau kürzlich berichtete[8].

Die Höhlen werden gerade gesprengt bzw. mit Beton gefüllt und Felsformationen mit Baumaschinen zerstört[9]. Alles wird in einem riesigen Stausee versinken. Das Illisu-Staudammprojekt umfasst 22 Talsperren und 19 Wasserkraftwerke. Für das Tigris-Tal und für die ebenfalls betroffenen Länder Syrien und Irak werden die ökologischen Folgen immens sein.

Für die kurdische und arabische Bevölkerung (bis zum Genozid an den Armeniern und Christen 1915 war die Bevölkerung mehrheitlich aramäisch) bedeutet der Staudamm gleichzeitig den Verlust ihrer Lebensgrundlage und damit die Vertreibung aus der Region. Viele Menschen dort können sich die teuren Wohnungen von Neu-Hasankeyf in der Nähe des Staudamms nicht leisten.

Für die kurdische Bevölkerung ist Diyarbakir (kurd.: Amed) ihre Hauptstadt. Seit 4000 Jahren galt Diyarbakir, ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und Sprachen als politisches und ökonomisches Zentrum.

Durch viele Jahrhunderte passierten Händler aus aller Welt die Tore der dicken Stadtmauer von Amed, um ihre Waren feilzubieten. Nicht wenige wurden dort sesshaft. Es entstand über die Jahrhunderte innerhalb der Mauern von Amed eine kosmopolitische Stadt, deren Spuren bis vor kurzem noch an allen Ecken und Gassen zu sehen war.

Die Bevölkerung der Stadt wählte mit großer Mehrheit bei den letzten einigermaßen korrekten Kommunalwahlen 2014 mehrheitlich die linke, prokurdische Partei HDP, die damit den Bürgermeisterposten besetzte. Diesen Posten teilten sich eine Frau und ein Mann gleichberechtigt: Gültan Kisanak und Firat Anli. Im Herbst 2016 wurden beide wegen Unterstützung der PKK festgenommen und sind seither inhaftiert. Die Stadt steht seither unter Zwangsverwaltung[10].

Die HDP trug der multikulturellen Zusammensetzung der Stadt Rechnung, indem alle öffentlichen Verwaltungen sich in den Sprachen türkisch, kurdisch und aramäisch präsentierten, um allen relevanten Minderheiten gerecht zu werden.

Sie setzte auch ein behutsames Stadtsanierungskonzept um, das zum Ziel hatte, die historisch gewachsenen Nachbarschaften in den Stadtkiezen mit ihren engen Gassen zu erhalten, aber trotzdem die Qualität des Wohnens und Lebens zu verbessern, ohne die Bevölkerung zu verdrängen.

Dies wurde von der überwiegend kurdischen Bevölkerung aktiv mitgetragen und umgesetzt. Die türkische Regierung antwortete mit Repression und der Enteignung von 82% der Altstadt Diyarbakir-Sur, Kirchen und andere historische Gebäude inbegriffen. Auch die Teile der Stadt, die seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden, fielen dem Dekret anheim.

Mit der Verhängung des Ausnahmezustands nach dem Putschversuch im Juli 2016 setzte die türkische Regierung dem demokratischen Projekt ein Ende, wie Telepolis berichtete (siehe Diyarbakir - Stadt-Zerstörung und Enteignung[11]). Anfang 2017 rückten die Bagger an, um große Teile der historischen Altstadt komplett abzureißen. Zuvor gab es noch vergebliche Versuche der Bevölkerung, durch Barrikaden ihre Nachbarschaften zu retten. Mit dem Abriss der Altstadt sind bedeutende kulturelle und historische Denkmäler und Geschichtsträger vernichtet worden.

Jahrtausende lang haben die Völker Mesopotamiens zusammengelebt und der Menschheit ein überwältigendes Kulturerbe hinterlassen. Die meisten der historischen Denkmäler in der nordkurdischen Provinz Colemêrg (türk.: Hakkari) sind jedoch seit Jahren von den türkischen Sicherheitskräften besetzt und werden als Militärstützpunkte oder Polizeiwachen genutzt. So zum Beispiel die Mîr-Festung im Zentrum der Stadt Hakkari sowie die Bay-Festung im Dorf Bay.

Im Zuge dessen sind bereits unzählige Kulturgüter zerstört worden. Diejenigen Denkmäler jedoch, die nicht nutzbar sind oder in denen es nichts mehr zu plündern gibt, werden sich selbst überlassen. Jüngstes Beispiel in der Südosttürkei ist die 1.500 Jahre alte nestorianische Halil-Kirche im Zap-Tal in der Region Colemêrg (Hakkari). In der Kirche, die nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt, wurden bis vor einigen Jahren noch Gottesdienste abgehalten.

Nun droht ihr der Verfall, obwohl die Kirche weiterhin jedes Jahr unzählige Einheimische und Touristen anzieht. Weil die Regierung die Kirche nicht unter Denkmalschutz stellt, ist der Innenraum bereits von Plünderern auf der Suche nach Kulturschätzen und Gold zerstört worden. Auch die Grabstätten aus nestorianischer Zeit rund um die Kirche herum wurden verwüstet und teilweise zerstört[12].

Nicht-islamische Kulturgüter dem Verfall zu überlassen, hat Tradition in der Türkei. Ethnische Minderheiten sind schon seit der Staatsgründung durch Atatürk den türkischen Regierungen ein Dorn im Auge. Christen haben zum Beispiel keinen Zugang zu Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor, zum staatlichen Sicherheitsapparat und zur Justiz.

Auch bei privaten Arbeitgebern haben sie kaum Chancen, vor allem dort, wo diese mit der Regierung verbunden sind. Obwohl Christen ebenfalls verpflichtet sind, Militärdienst zu leisten, gibt es keine Beförderungsmöglichkeiten für sie. Obwohl die Religionszugehörigkeit auf den neuen Ausweisen nicht mehr angezeigt wird, ist sie dennoch auf einem Chip in der Karte registriert.

Die christlichen Gemeinden unterliegen restriktiven Regeln. So müssen zum Beispiel die Gemeindeleiter der Griechisch-Orthodoxen und der Armenisch-Apostolischen Kirche von der türkischen Regierung genehmigt werden. Diese beiden Kirchen sind die einzigen, die 1923 im Vertrag von Lausanne anerkannt wurden.

Die Assyrischen, Syrisch-Orthodoxen und Syrisch-Katholischen Kirchen sind nicht als Kirchenträger anerkannt und unterliegen den strengen Kontrollen der Regierung. Die Ausbildung von christlichen Geistlichen ist in der Türkei verboten und christliche Materialien gibt es zwar in türkischer Sprache, ihre Verbreitung ist aber schwierig, weil dies den Kirchen als Missionierung ausgelegt wird.

Im Juli 2017 berichtete World Watch Monitor, dass in den letzten fünf Jahren der Besitz von mindestens 100 antiken syrisch-christlichen Grundstücken im Südosten der Türkei beschlagnahmt und auf die türkische Staatskasse übertragen wurde, darunter zwei aktive Klöster und Grundstücke des Klosters Mor Gabriel[13] aus dem 4. Jahrhundert.

Es ist sehr schwierig, behördliche Genehmigungen für die Reparatur oder Renovierung von Kirchengebäuden zu erhalten. Eine Genehmigung zum Bau von Kirchen zu erhalten ist mittlerweile nahezu unmöglich geworden.

Verboten ist auch die Errichtung von Stiftungen zur Unterstützung einer neuen Religionsgemeinschaft. Christen muslimischer Herkunft werden von Behörden, Polizei und Sicherheitskräften oft respektlos behandelt, da sie als Verräter der türkischen Identität gelten. Die Repressalien[14] führten dazu, dass viele Christen ins Ausland auswanderten und die christlichen Dörfer in der Türkei verwaisten. Dies betrifft vor allem die Aramäer.

Die Aramäer gelten als die Urchristen, weil sie bis heute die Sprache Jesu Christi sprechen. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten 300.000 Aramäer in der Türkei, heute nur noch wenige tausend. Nun wurden den letzten Verbliebenen mehr als 50 Kirchen, Friedhöfe und Klöster vom Staat einfach weggenommen. Der aramäische Rechtsanwalt Erkan Metin beklagt[15]: "Hier wird uns gesagt, stellt eure Identität nicht in den Vordergrund, erhebt eure Stimme nicht. Andernfalls lassen wir euch hier nicht leben."

Dabei war das Christentum schon im vierten Jahrhundert Staatsreligion im Gebiet der heutigen Türkei. Bis zum Jahr 1000 war die Hagia Sophia die größte christliche Kirche der Welt. Heute soll nur noch an die "glorreiche Zeit" des Osmanischen Reiches erinnert werden.

Die Stadt Mardin an der syrischen und Irakischen Grenze war einst eine Hochburg der Urchristen. In der Zeit des Genozids an den Armeniern 1915 wurden auch die aramäischen Christen vertrieben. Viele Aramäer haben wegen der Christenverfolgungen ihre Häuser verlassen und sind ins Ausland geflohen. Die türkischen Regierungen beschlagnahmten ihre leer stehenden Kirchen, Felder und Häuser. Heute wiederholt sich die Geschichte.

Nach einem neuen Gesetz von Erdogan gehören die Kirchen, Klöster und Friedhöfe nicht mehr den wenigen verbliebenen Familien in den Dörfern des Tur Abdin, sondern dem türkischen Staat. "Tur Abdin" bedeutet "Berg der Knechte". Gemeint sind die "Knechte Gottes", die hier über viele Jahrhunderte lebten: aramäische Christen. Der aramäische Abgeordnete Erol Dora von der Oppositionspartei HDP kämpft im Parlament in Ankara für die Rückgabe aller Liegenschaften, die den christlichen Stiftungen entwendet oder dritten Personen übertragen wurden.

Dabei bezieht er sich auf ein altes Abkommen aus dem Jahr 1923. "Die Grundrechte der Nicht-Muslime, deren Freiheit, der Schutz ihrer Stiftungen und ihrer Eigentümer in der Türkei stehen seit dem Vertrag von Lausanne unter Garantie", sagt er. "Die Gründung der türkischen Republik beruht auf diesem internationalen Vertrag. Daher sind die Enteignungen vollkommen falsch."

Ein schier hoffnungsloses Unterfangen. Sollte Erdogan am 24. Juni bei den vorgezogenen Wahlen zum neuen Sultan gekürt werden, werden die Christen in der Türkei bald nur noch Geschichte[16] sein.

In Mardin leben noch ca. 100 christliche Familien, überwiegend alte Menschen. Vor einigen Jahren lebten noch tausende aramäische Familien in Mardin. Über Erdogans Politik mag keiner sprechen. Die Angst regiert. Der Pfarrer der Gemeinde, Gabriyel Akyüz antwortet[17] auf entsprechende Fragen daher: "Das ist ein politisches Thema. Wir beschäftigen uns nicht mit politischen Themen, sondern mit geistlichen. Diese Welt ist vergänglich. Auch ein Sultanat geht vorüber."

Bis vor Kurzem gab es in Mardin noch eine christliche Co-Bürgermeisterin - die einzige in der Türkei. Sie wurde nach dem gescheiterten Militärputsch von der Regierung Erdogan abgesetzt. Der Vorwurf ist immer der Gleiche: Unterstützung der PKK. Beweise muss die gleichgeschaltete Justiz natürlich nicht liefern.

Die rasante Entwicklung der Türkei in ein diktatorisches, islamistisches Regime beunruhigt nun auch die Aleviten. Die Aleviten stellen die zweitgrößte Religionsgruppe der Türkei (mit schätzungsweise 15% der Bevölkerung) dar. Sie betrachten Ali, den Schwiegersohn Mohammeds, als rechtmäßigen Nachfolger. Das Alevitentum wird zwar dem Islam zugeordnet und ist in der Türkei offiziell anerkannt, wird aber von Teilen der türkischen Bevölkerung nicht akzeptiert und besonders in der muslimisch-traditionellen Bevölkerung diskriminiert.

Viele Kurden sind auch Aleviten. Sie sind bis zum heutigen Tag Zielscheibe zahlreicher Anschläge und Diskriminierungen durch die sunnitische Mehrheitsgesellschaft der Türkei. Genannt seien hier nur die Pogrome von Çorum 1980 und Kahramanmaraş 1978 sowie der Brandanschlag von Sivas 1993.

Zur Staatsgründung der Türkei unter Kemal Atatürk unterstützten die Aleviten das laizistische Modell von Atatürk. Noch heute unterstützen viele Aleviten die national-kemalistische Partei CHP, obwohl diese sich rigoros gegen Minderheitenrechte ausspricht. Nun mehren sich wieder die Übergriffe auf Aleviten und auch die türkische Regierung gießt kräftig Öl ins Feuer.

Ende März diesen Jahres wurden in Erzincan 16 Personen, die der in Erzincan ansässigen alevitischen Pir Sultan Abdal Culture Association (PSAKD) angehören, wegen "Unterstützung einer terroristischen Organisation" in Untersuchungshaft genommen. In einer Erklärung teilte[18] die Organisation mit: "Wir machen Aktivitäten zugunsten des alevitischen Glaubens zusammen mit NGOs in der Region. Wir sind eine Organisation des Glaubens."

Ihre Aktivitäten würden sich auf die Erhaltung und den Schutz der alevitischen Kultur beschränken. Angesichts der sich rapide verschlechternden ökonomischen Lage der Bevölkerung in der Türkei ist die Unruhe in der alevitischen Bevölkerung durchaus berechtigt.

Sollte Erdogan die Wahl zum Alleinherrscher gewinnen, haben wir es mit einem islamistischen Diktator zu tun, der mit der faschistischen MHP wahrscheinlich die Todesstrafe wieder einführt und der innenpolitisch rigoros gegen Minderheiten vorgehen wird.


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[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Brad_(Syrien)
[2] https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10211993484097829&set=a.3524381833638.49381730.1394905422&type=3
[3] http://whc.unesco.org/en/list/1348/
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/I%C5%A1tar
[5] https://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-syria-turkey-temple/syrian-government-says-turkish-shelling-damaged-ancient-temple-idUSKBN1FH08F
[6] http://www.ancient-origins.net/news-history-archaeology/outrage-concrete-poured-world-s-oldest-known-temple-g-bekli-tepe-009802
[7] http://www.hurriyetdailynews.com/construction-around-site-of-gobeklitepe-stirs-debate-129089
[8] http://www.tagesschau.de/ausland/hasankeyf-tuerkei-staudamm-101.html
[9] https://anfdeutsch.com/Oekologie/zur-aktuellen-situation-in-hasankeyf-2925
[10] https://www.heise.de/tp/news/Tuerkei-Buergermeister-von-Diyarbakir-verhaftet-3360850.html
[11] https://www.heise.de/tp/features/Diyarbakir-Stadt-Zerstoerung-und-Enteignung-3827981.html
[12] https://anfdeutsch.com/kultur/nestorianischer-kirche-in-colemerg-droht-der-verfall-3667
[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Mor_Gabriel
[14] https://www.opendoors.de/christenverfolgung/weltverfolgungsindex/laenderprofile/2018/tuerkei
[15] http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/tuerkei-christenverfolgung-aramaeer-100.html
[16] http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/tuerkei-christenverfolgung-aramaeer-100.html
[17] https://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-christen-101.html
[18] https://turkeypurge.com/16-members-alevi-association-detained-erzincan-terror-charges-report