Türkei holt Hacker an die Cyberfront

Bild: Alexandre Dulaunoy/CC BY-SA-2.0

Die für Cybersicherheit zuständige Behörde BTK will junge Hacker bezahlen, um die "nationale Sicherheit" Tag und Nacht zu schützen

Die türkische Regierung will sich stärker gegen Cyberangriffe schützen, aber offenbar dafür nicht allzuviel Geld in die Hand nehmen. So sollen nun, wie die der AKP nahestehende bzw. deren Politik unterstützende Daily Sabah berichtet, junge Hacker beschäftigt werden. Das sollen natürlich gute Hacker, White-Hats, sein, die nimmermüde und permanent im Einsatz gegen Bedrohungen vorgehen. Dieses Outsourcing nutzen auch andere Staaten bzw. deren Geheimdienste und Militärs wie die NSA, aber auch Iran, Russland oder Nordkorea, um Sicherheitslücken in den eigenen Systemen aufzudecken, mitunter werden auch Hackergruppen von Militärs und Geheimdiensten beschäftigt, um solche in gegnerischen Systemen zu finden. Das können auch kriminelle Gruppen sein, die Exploits oder auch ihre Dienste verkaufen.

Hintergrund in der Türkei sollen die massiven Cyberangriffe sein, mit denen vor einem Jahr die Server von Banken und Behörden zeitweise lahmgelegt wurden. Angenommen wurde, dass die Angriffe eine Reaktion russischer Hacker auf den Abschuss der russischen Suchoi Su-24 durch ein türkisches Kampfflugzeug gewesen sein könnten. Spekuliert wurde auch, ob Anonymous dahinterstecken könnte.

Für die staatliche Telekom sollen die jungen Hacker "die nationale Sicherheit aufrechterhalten". Allerdings sollen sie für diese Aufgabe lediglich 6000-10000 Türkische Lira, also zwischen 1.600 und 2.700 Euro erhalten, was den Job für IT-Experten sicherlich nicht sonderlich interessant macht und dann doch vielleicht eher Grey- oder Black-Hats anzieht, die sich nebenbei etwas verdienen und legal ihren Aktivitäten nachgehen wollen. Wer will, kann sich auch über Email bei der BTK, der Regulierungsbehörde für Informations-und Kommunikationstechnologien, bewerben.

Angeblich wurden dieses Jahr 90 Millionen Cyberangriffe registriert. Und angeblich hätte sich die Häufigkeit vor dem gescheiterten Putschversuch gesteigert, über den es immer noch kaum Aufklärung gibt, der aber weiterhin Massenentlassungen und -verfolgungen legitimiert. Gerade erst wurde bekannt gegeben, dass in den letzten 6 Monaten 1656 Menschen verhaftet und beschuldigt wurden, Terrorpropaganda in Sozialen Netzwerken verbreitet zu haben, was oft schon darin besteht, das Vorgehen von Militär oder Regierung zu kritisieren. Insgesamt wurden gegen 10.000 wegen Terrorpropaganda ermittelt. Nur 767 wurden ohne Auflagen entlassen, 1.203 unter Bedingung der richterlichen Prüfung. Das zeigt, dass die Säuberungswelle weitergeht, mit der die türkische Regierung die Gesellschaft zu einem konformen Staat umformt, nachdem die Unabhängigkeit der Jurisdiktion nicht mehr gegeben ist.

Die Regierung soll bereits einen nationalen Plan für Cybersicherheit erstellt haben, um die "nationale Firewall" vor Terroristenangriffen zu schützen, was vor allem bedeutet, vor solchen der allgegenwärtigen Gülen-Bewegung. Die ist neben der PKK in der Türkei, den syrischen Kurden der YPG/SDF und den ausländischen Verschwörungen die primäre inländische Bedrohung, so dass sich die Türkei unter Erdogan in einem Vielfrontenkrieg befindet. Wie Daily Sabah als Verlängerung der AKP-Politik erklärt, würden die Gülen-Terrorgruppe, gemeinhin FETÖ genannt, nicht wie andere "Terrororganisationen" vor allem verarmte junge Menschen "ausbeuten", sondern solche aus allen Gesellschaftsschichten: "von Ladenbesitzern bis hin zu bestens ausgebildeten IT-Experten". Das Böse droht überall und etabliert ein paranoides System, das auch im realen Leben auf Freiwillige rekurriert, um das Böse auszutreiben.

Vor kurzem erst hatte der türkische Präsident eine Mobilmachung gegen den Terror ausgerufen und die Bürger aufgefordert, "unsere Sicherheitskräfte zu unterstützen". Die Einbeziehung von Hackern scheint diese Mobilmachung im Cyberspace zu komplementieren. Zwar würde das Telekommunikationsministeriums bereits "Hunderte von Teams zur Intervention bei Cyberangriffen in öffentlichen und privaten Bereichen" einsetzen, aber es würden ausgebildete Experten fehlen (vielleicht auch wegen der Säuberungswelle). Daher hat sich der BTK-Chef Ömer Fatih Sayan an die Universitäten gewandt, die mit Experten aushelfen sollen: "Wir benötigen Menschen, die bei Bedarf rund um die Uhr arbeiten", sagte er. (Florian Rötzer)

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