Türkei schweigt zu Aleppo

Aleppo. Nach Sputnik hat die syrischen Armee "entschieden, die Zahl der Luft- und Artillerieangriffe auf Stellungen der Extremisten in Aleppo zu reduzieren, um die humanitäre Situation in der Stadt zu verbessern". Bild: Sputnik/ Mikhail Alaeddin

Die geopolitischen Interessen Moskaus und Washingtons verheddern sich in der unübersichtlichen Lage in Syrien und im Irak

Die türkische Regierung meldet stolz, dass am Montag aufgrund der angeblichen "Befreiung" der nordsyrischen Stadt Dscharablus vom IS, der sich dort allerdings möglicherweise in Absprache zurückgezogen hatte, erstmals ein Hilfskonvoi eingetroffen ist. Er bestand allerdings nur aus zwei LKWs mit humanitären Gütern und war von der Jugendabteilung der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) organisiert worden.

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Daily Sabah, eine Art AKP-Parteizeitung, berichtet "exklusiv": "Sowohl die Kämpfer der Freien Syrischen Armee als auch die Bürger nahmen die Lieferungen herzlich in Empfang und waren dankbar für die Hilfe aus der Türkei: 'Wir sind sehr dankbar für diese Hilfen. Dscharablus wird aus der Asche auferstehen', sagte einer der Befehlshaber der Freien Syrischen Armee im Gespräch mit Daily Sabah." Die türkische Armee hatte mit Rebellenmilizen die Operation "Schild des Euphrat" geplant. Nach der Sprachregelung der AKP werden sie als gemäßigte Rebellen der Freien Syrischen Armee ausgegeben, darunter befinden sich aber auch islamistische Kämpfer.

Die türkische Regierung hatte drei Jahre des IS in Dscharablus an der Grenze geduldet, um dann in Syrien mit den Milizen einzumarschieren, als die Gefahr bestand, dass die syrischen Kurden der YPG bzw. der SDF den IS vertreiben und den Korridor zwischen den bereits von den Kurden kontrollierten Gebieten zwischen dem Euphrat und Afrin schließen, was nicht nur die grenzüberschreitenden Aktivitäten des IS, sondern auch der übrigen Rebellengruppen, die meist mit al-Nusra oder jetzt Fateh al-Sham behindert hätte. Da die IS-Kämpfer vor dem Einmarsch bereits verschwunden waren, führte die Offensive "Schild des Euphrat" den wohl eigentlichen Kampf gegen die Kurden fort. Milizen vertrieben unter den Augen türkischer Soldaten aus al-Rai vorübergehend US-Soldaten, weil sie mit diesen nicht kooperieren wollen, da die USA die Kurden unterstützt (US-Soldaten wurden in Syrien angeblich von "moderaten Rebellen" bedroht).

Das angeblich von türkischen Truppen kontrollierte Gebiet in Nordsyrien. Bild: TR Diplomacy

Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben bereits zwischen dem Euphrat und Afrin ein durchgehendes Gebiet an der Grenze unter Kontrolle gebracht. Gemeldet wird auf der Propgandaseite Euphrates Shield, dass angeblich weiter IS-Stellungen mit Flugzeugen und Artillerie angegriffen würden, aber es geht weiterhin vor allem darum, die Kurden zurückzudrängen. Regierungschef Yıldırım machte am Dienstag die Position unmissverständlich erneut klar: "Wir werden die terroristische YPG/PKK aus syrischem Territorium ebenso vertreiben, wie wir das mit der terroristischen Daesh in Dscharablus gemacht haben." Man habe, so meldet das türkische Militär, "111 Wohngebiete auf 960 Quadratkilometern von Terroristen seit Beginn der Operation gesäubert." Am 1. Oktober verlängerte das türkische Parlament das Mandat für türkische Truppeneinsätze im Ausland, also nicht nur in Syrien, sondern auch im Irak.

Seltsamerweise aber ist derzeit aus Ankara zur Situation in Aleppo nichts zu hören, wo sich die Alliierten der Türkei, Russland und die USA mit ihren jeweiligen lokalen Verbündeten, in den Haaren liegen. Präsident Erdogan hält sich auch mit Kritik am syrischen Präsidenten Assad zurück, dessen Militär Ost-Aleppo bombardiert und mit den Verbündeten eine Bodenoffensive vorbereitet.

Angebliche Kämpfer der Freien Syrischen Armee mit angeblich erbeuteten Waffen der syrischen Armee.

Man kann vermuten, dass Erdogan sich aus diesem Konflikt heraushält, um die eigenen territorialen Interessen mit der türkischen Militäroperation nicht zu gefährden. Zudem will Ankara es sich weder mit den USA noch mit Russland verderben, die beide auch mit den Kurden als Bodentruppen in Syrien kooperieren. Erdogan will alle Strippen ziehen, dürfte aber auch Sorge haben, Putin zu verärgern, nachdem man sich versöhnt und Moskau die Sanktionen aufgehoben hatte, die der Türkei wirtschaftlich stark zu schaffen machten. Erst die Versöhnung mit Moskau hatte schließlich den Einmarsch nach Syrien ermöglicht. Und die türkische Regierung versucht, bei der geplanten Offensive auf Raqqa mitzumischen und die Kurden möglichst fernzuhalten.

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Die USA spielen in der Region derweil kaum mehr eine Rolle, Washington muss vielmehr fürchten, mitsamt den Nato-Verbündeten ganz weggedrängt zu werden und den Einfluss auf die Regionalmächte zu verlieren. Saudi-Arabien und die Golfstaaten sowie die Türkei, eigentlich ein Nato-Mitglied, tanzen Washington auf der Nase herum. In Syrien wurde Washington von Moskau vorgeführt und muss nun nach dem Abbruch der Gespräche zusehen, wie Aleppo unter Beschuss genommen wird und die "Rebellen", zu denen neben auch von den USA unterstützten Gruppen viele Islamisten gehören, zurückgedrängt werden könnten. Gemunkelt wird daher, dass die USA womöglich Assad-Truppen und deren Flugzeuge angreifen könnten, was wahrscheinlich der Grund war, warum die Russen ein weiteres Luftabwehrsystem des Typs S-300 nach Syrien verlegt hat.

McCain ruft im Wall Street Journal die US-Regierung dazu auf, um die Glaubwürdigkeit der USA zu sichern und eine weitere Stärkung der russisch-iranischen Allianz zu unterbinden, gegenüber Assad ein Ultimatum anzudrohen. Er müsse die Angriffe mit Flugzeugen beenden oder er werde seine Flugzeuge verlieren. Auch das Risiko gegenüber russischen Militärflugzeugen müsse erhöht werden, was immer das bedeuten mag, sollten sie das Bombardement fortsetzen. Dann müssten Flugverbotszonen eingerichtet werden, was auch ein Schritt auf die Türkei zu wäre, und die syrischen Rebellen besser mit wirksamen Waffen ausgestattet werden. Während also Putin möglicherweise ein Grosny-Szenario verfolgt, scheint in den USA das Afghanistan-Szenario an Attraktivität zu gewinnen. Beide hatten langfristig den Islamismus verstärkt und zur Bildung von Terrororganisationen geführt.

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