Türkei zieht in den Krieg gegen die von den USA unterstützten syrischen Kurden

Anti-Türkei-Proteste in Afrin. Bild: Mustafa Abdi

Noch ist unklar, wie sich Russland verhalten wird, solange russische Soldaten in Afrin sind, wird die Türkei zwar die als FSA bezeichneten Kämpfer vorschicken, aber vermutlich keine Luftangriffe und keine Bodenoffensive starten

US-Außenminister Rex Tillerson, der trotz mancher Gerüchte, noch immer im Amt ist, hat am Mittwoch bestätigt, dass die USA - natürlich im Namen der amerikanischen Werte wie Menschenrechte, Freiheit oder das Streben nach Glück, weiter in Syrien militärisch präsent sein wollen, um eine weitere Stärkung des Assad-Regimes im vom IS hinterlassenen Vakuum sowie der iranischen Präsenz zu verhindern. CNN spricht von einem amerikanischen "Endspiel in Syrien".

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Am Donnerstag noch forderte Heather Nauert, die Sprecherin des US-Außenministeriums, die türkische Regierung sehr indirekt auf, nicht militärisch Afrin, die isolierte kurdische Enklave, anzugreifen. In Afrin sollen etwa 400.000 Menschen leben, darunter zahlreiche Flüchtlinge. Die geplante Grenztruppe mit den SDF solle lediglich verhindern, dass IS-Anhänger die Grenze überqueren können, und ansonsten lokale Kräfte unterstützen, um für Sicherheit zu sorgen. Das sei mit den Türken abgesprochen. Gefragt nach dem angekündigten türkischen Angriff auf Afrin, wich Nauert aus. Die Türken sollten sich auf die Bekämpfung des IS konzentrieren. Zu Afrin sagte sie nichts.

Ansonsten versicherten die Amerikaner der Türkei, wo gerade das sechste Mal in Folge der Ausnahmezustand verlängert wurde, dass sie in Rojava an der Grenze zur Türkei mit den syrischen Kurden der SDF doch keine Grenztruppen im engeren Sinn aufbauen wollen, was der türkische Präsident als "Terrorarmee" bezeichnet hatte. Zunächst hatte Ryan Dillon, der Sprecher der Sprecher der Anti-ISIS-Operation (OIR) am Mittwoch gesagt, das US-Militär werde in Syrien weiter lokale Sicherheitskräfte ausbilden. Zuvor hatte er von einer Truppe von 30.000 Mann gesprochen.

Denkbar wäre, dass die USA Afrin den Türken überlassen, zumal das auch Assad schwächt. Möglicherweise auch Manbidsch, wenn dann klar ist, dass das Rest-Rojava östlich des Euphrat zu einem über die SDF/YPG von den USA kontrollierten Gebiet wird.

Die USA, insofern ist der Zeitpunkt günstig, sind beschäftigt mit sich selbst. Die Regierung steht kurz davor, kein Geld mehr zu haben, was auch das Pentagon betrifft. Es droht der "Shutdown", wenn nicht neue Kreditaufnahmen bewilligt werden. Und das scheint ziemlich gewiss zu sein, nachdem die Republikaner mit den Demokraten keine Einigung erzielt haben. Das Gesetz zur Sperre der Schuldenaufnahme kommt übrigens von Republikanern, die damit Obama strangulieren wollten. Im Augenblick sind Syrien und die Türkei weit weg.

In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag hat die türkische Armee, wie angekündigt (Krieg gegen die Kurden) damit begonnen, Afrin zu bombardieren. Mit der 2016 gestarteten Operation Euphrat-Schild war die Türkei in Nordsyrien einmarschiert, vorwiegend um zu verhindern, dass die YPG bzw. die SDF den Korridor zwischen den von den Kurden kontrollierten Gebieten schließen und ein durchgängiges Gebiet an der Grenze zur Türkei einnehmen. Über den Korridor konnten sich der IS, al-Nusra und syrische Oppositionsgruppen versorgen.

Mit bewaffneten Gruppen, deren Mitglieder teils aus dem IS und al-Qaida oder anderen islamistischen Verbänden stammen, nahmen die türkischen Streitkräfte unter der Duldung der USA und Russlands ein größeres Gebiet zwischen den kurdischen Enklaven ein, wurden aber am Vormarsch nach Afrin von russischen und syrischen Truppen gehindert. Russland sah, in Konkurrenz zu den USA, auch die Kurden als Verbündete im Kampf gegen die Islamisten aller Art.

Nun also haben türkische Streitkräfte mit der Bombardierung von Afrin begonnen, während das Vorgehen gegen den Willen der Amerikaner verstieß, aber noch Verhandlungen mit Russland liefen, es also nicht klar war, ob Moskau gegen den Willen von Assad Afrin und die Kurden opfert. Damaskus hatte Ankara gewarnt, auf einen Einmarsch militärisch zu reagieren und die Luftabwehrsysteme einzuschalten, aber das hängt ganz von Moskau ab. Noch sind auch russische Soldaten in Afrin stationiert. Wieder einmal glaube der türkische Präsident Erdogan die Konfliktpartner gegeneinander ausspielen zu können, was zu einer hochexplosiven Spannung führt. Aus Idlib lässt die Türkei dort von ihr unterstützte Kämpfer aus islamistischen und anderen Oppositionskräften, verbrämt unter dem Titel der nicht mehr existierenden "Freien Syrischen Armee", auf Afrin zumarschieren.

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In einem Interview mit Kurdistan 24 sagte OIR-Sprecher Dillon gestern, die Amerikaner würden weiterhin die Partner, also den SDF, unterstützen, um zu verhindern, dass der IS erneut eindringen kann. Die SDF hätten einen "bemerkenswerten Job" gemacht. Ansonsten gab er sich besorgt über die kürzlichen türkischen Angriffe in Syrien.

Berichtet wird, dass die Türkei in Bussen Militante aus Idlib nach Azaz, östlich von Afrin, transportiert, offenbar um einen Einmarsch vorzubereiten. Es handele sich um mindestens 30 Busse. Inzwischen werden die türkischen Truppenverbände an der Grenze zu Afrin verstärkt und zahlreiche Panzer dorthin gebracht. Überdies wird die bereits existierende Grenzmauer um weitere Sicherheitssysteme verstärkt. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur AA spricht davon, dass in Vorbereitung der "größeren militärischen Operation" gegen Afrin und die "YPG/PKK-Terroristen" 20 Busse von Kämpfern der "Freien Syrischen Armee" in Provinz Hatay an die Grenze von Afrin gebracht worden seien.

Busse, die angebliche FSA-Kämpfer an die Grenze zu Afrin bringen. Im Gegensatz zu den SDF sind es nur Männer. Bild: DHA

Am Abend erklärte der türkische Verteidigungsminister dann, die Operation sei de facto gestartet. Ein Anführer der Milizen meinte allerdings, aufgrund des schlechten Wetters werde man erst am Samstag einmarschieren. Unklar ist, ob sich russische Soldaten aus Afrin zurückgezogen haben, wie türkische Medien berichtet haben. SOHR sagt, diese seien immer noch präsent, zudem seien Hunderte von Kämpfer aus der nördlichen Aleppo-Provinz durch die Türkei an die Westgrenze zu Afrin gebracht geworden. Das dürften die 20 Busse der Nachrichtenagentur sein. Am Abend erklärte der russische Außenminister, die russischen Beobachtungssoldaten seien weiterhin in Afrin. Man spreche mit den Türken. Die Zurückhaltung rührt auch daher, dass Russland zusammen mit dem Iran und der Türkei in Idlib eine Deeskalationszone durchsetzen will, aber gleichzeitig beunruhigt ist, dass aus der Gegend der Angriff auf die Luftwaffenbasis Khmeimim erfolgt ist. Sie sei unter türkischer Aufsicht gewesen.

YPG berichten bereits von Kämpfen an der Grenze. Die von der Türkei "unterstützten Terroristen" würden Ziwan, Herbel und andere Dörfer angreifen. Zuvor hieß es, man sei bereit, die türkischen Truppen und die "FSA-Terroristen" zu bekämpfen: "Wenn sie es wagen anzugreifen, sind wir bereit, sie einer nach dem anderen in Afrin zu begraben." Angeblich hätten türkische Truppen mit gepanzerten Fahrzeugen versucht, im Bezirk Bilbile in Afrin einzudringen, sie seien aber zurückgeschlagen worden, behaupten die YPG.

Update: Noch scheint die türkische Regierung der Sache nicht so sicher zu sein. Zwar wird erneut eine Offensive angedroht, vorerst stellt man den Beschuss aber als "legitime" Selbstverteidigungsmaßnahme gegen Angriffe seitens der Kurden dar. Es seien bereits türkische militärische Verbände in Afrin stationiert. (Florian Rötzer)

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