Türkische Invasion wird wahrscheinlich in Manbidsch starten

Türkischer Aufmarsch vor Manbidsch. Bild: SMM

Damaskus hat symbolisch Truppen nach Manbidsch verlegt, alles hängt nun von Moskau ab, das auch schon Afrin eigenen Interessen geopfert hat

Das Geschnatter nimmt online zu, dass am Mittwoch der erste Angriff der türkischen Truppen mit den verbündeten islamistischen Milizen auf die kurdischen SDF- Stützpunkte erfolgen wird. Offenbar gehört Manbidsch westlich des Euphrats zu einem der ersten Angriffsziele. Aber die Lage kompliziert sich, denn dort sind vor den türkischen Truppen Einheiten der syrischen Streitkräfte eingerückt. Das scheint anzudeuten, dass es eine Absprache zwischen den syrischen Kurden und der Assad-Regierung gibt. Das scheint in Al Arimah, westlich von Manbidsch, deutlich zu werden, wo angeblich die SDF die Kontrolle der SAA, also den syrischen Regierungstruppen übergeben haben sollen.

Die mit der Hilfe von US-Truppen gegen den Islamischen Staat vorrückenden SDF-Verbände hatten 2016 auf Druck der USA ihren Vormarsch gestoppt. Die Türkei hatte immer wieder mit militärischen Vorstößen gedroht, wenn die die SDF-Verbände nicht aus Manbidsch abziehen und sich östlich des Eurphrat zurückziehen. Die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA trübten sich auch deswegen ein, weil die USA zwar scheinbar gegenüber der Türkei einlenkten, aber die Kurden weiter unterstützten und dies auch mit US-Truppen in Manbidsch demonstrierten.

Als die Türkei, geduldet von Russland und den USA, Afrin im Frühjahr 2018 eroberte, kündigte Ankara sofort wieder an, demnächst auch Manbidsch anzugreifen. Dazwischen einigten sich Washington und Ankara auf gemeinsame Patrouillen bei Manbidsch und den vollständischen Rückzug der Kurden, was aber die Amerikaner hinauszogen, um die Unterstützung der Kurden beim Kampf gegen den IS nicht zu verlieren, während das kurdisch kontrollierte Gebiet als amerikanische Region mit Stützpunkten und Flughäfen ausgebaut wurde.

Bis Trump, der dies freilich schon früher angekündigt hatte, den Rückzug der US-Truppen in einem Deal mit der Türkei, aber gegen das Pentagon und den eigenen Sicherheitsapparat anordnete. Nach Trump wird ausgerechnet die Türkei den Kampf gegen den IS weiterführen - mit islamistischen Milizen, deren Kämpfer durchaus auch vom IS oder HTS stammen. Der Wiederaufbau der von der Türkei besetzten Gebiete soll dann offensichtlich von Saudi-Arabien finanziert werden. Das könnte allerdings mit den jüngsten Konflikten zwischen der Türkei und Saudi-Arabien schwierig werden.

Beobachtet wird jedenfalls die Verlegung schwerer Waffen der türkischen Streitkräfte in der von Ankara kontrollierten Region um Manbidsch. Gestern berichtete auch die türkischen Nachrichtenagentur AA, dass syrische Truppen mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen nach Arimah gekommen seien. Gemeldet wird, dass russische Truppen das syrisch-russische Koordinationszentrum in Arimah wieder eingerichtet haben sollen. Zuvor hatte die Türkei bereits von ihr kontrollierte Milizen wie Liwa Samarkand vor Manbidsch aufmarschieren lassen. Angeblich sollen Milizen bereits die Offensive begonnen haben.

Islamistische Miliz, angeblich von der FSA, vor Manbidsch.

Die syrischen Truppen werden den türkischen letztlich wenig entgegensetzen können, wenn sie nicht von Russland unterstützt werden. Moskau hat die Türkei gewarnt, hier weiter vorzurücken. Die Frage ist, ob Russland wegen seiner geostrategischen Interessen in Syrien eine Verschlechterung der Beziehung mit dem Nato-Staat Türkei riskieren wird, mit dem auch in Idlib und zusammen mit dem Iran kooperiert wird, auch wenn die Türkei sich nun demonstrativ mit dem Syrien-Deal und dem Kauf von Patriot-System Washington angenähert hat.

Die Kurden werden nach der Erfahrung mit Afrin wissen, dass auf Russland auch kein Verlass ist. Ob ein paar syrische Soldaten vor dem türkischen Angriff schützen werden, ist eher fragwürdig. Die Kurden stehen wieder einmal weitgehend alleine. Noch sind französische Truppen bei Manbidsch, aber wird der Nato-Staat Frankreich gegen den Nato-Staat Türkei ohne die Amerikaner Widerstand leisten? Dabei geht es wohlgemerkt nicht primär um die Existenz einer kurdisch kontrollierten Region, sondern auch jenseits von Geo- und Energiepolitik um ein politisches Experiment, im Nahen Osten ein demokratisches multireligiöses und -ethnisches Projekt mit der Gleichberechtigung von Frauen zu errichten.

Gestern hat das syrische Luftabwehrsystem Beschuss aus der Richtung von Libanon gegen Ziele westlich von Damaskus angeblich teilweise abgewehrt. Vermutet wird, dass israelische Kampfflugzeuge die Ursache sind. Umgekehrt soll ein israelisches Raketenabwehrsystem gegen eine Rakete aus Syrien aktiviert worden sein. Die israelische Luftwaffe soll Waffenlager der Hisbolla und des Iran bombardiert haben. Israel ist beunruhigt über den Abzug der US-Truppen aus Syrien. Die Regierung wackelt und Neuwahlen stehen an. (Florian Rötzer)

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