Türkische Luftwaffe greift IS-Stellungen an

251 Terrorverdächtige festgenommen

Die türkische Regierung erweckte lange Zeit den Eindruck, dass sie die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) im Vergleich zur syrischen Regierung und zu den PKK-nahen syrischen Kurdenmilizen für das kleinere Übel hält. Dazu trugen unter anderem Berichte über die Behandlung von Dschihadisten in türkischen Krankenhäusern, problemlose Grenzübertritte, die Lieferung von "Hilfsgütern" oder sogar Waffen, die Rückgabe von Geiseln und die Tatsache bei, dass das NATO-Land der von den USA angeführten Anti-IS-Koalition die Benutzung des Militärflughafens İncirlik verweigerte.

Ein möglicher Grund für die türkische Politik gegenüber der Terrorgruppe könnte auch in der Angst vor Terroranschlägen im eigenen Land gelegen haben. Sollte diese Verhinderung von Anschlägen tatsächlich ein Ziel der türkischen Regierung gewesen sein, dann funktionierte diese Politik nur bis zum 20. Juli: An diesem Tag sprengte ein mutmaßlicher IS-Anhänger in der Grenzstadt Suruç 32 Menschen in die Luft und verletzte mehr als 100 weitere teilweise schwer (vgl. Türkei am Scheideweg). Bei den Opfern handelte es sich zum großen Teil um türkische Kurden, die die jenseits der Grenze gelegene und vom IS zerstörte Stadt Kobanê wieder aufbauen wollten.

F-16. Foto: U.S. Air Force

Vier Tage später feuerten IS-Terroristen von syrischem Gelände aus auf einen Armeestützpunkt im türkischen Grenzort Kilis und töteten dabei den türkischen Soldaten Mehmet Yalçın. Bei dem Scharmützel soll auch mindestens ein Dschihadist ums Leben gekommen sein. Am Abend dieses Donnerstages genehmigte die türkische Regierung der US-Luftwaffe die lange verweigerte Nutzung der Luftwaffenbasis İncirlik.

In der Nacht darauf starteten vier türkische F-16-Mehrzweckkampfflugzeuge von einem Militärflughafen in Diyarbakir und griffen drei Stellungen des Terrorkalifats in der Nähe des syrischen Dorfes Havar an, das Kilis gegenüberliegt. Welche Waffensysteme dabei konkret zum Einsatz kamen, ist nicht bekannt. Türkischen Medien zufolge sollen sich die Flugzeuge bei diesem Angriff noch im türkischen Luftraum befunden haben, was für einem Angriff mit Smart Bombs spricht. Angeblich trug die Operation den Namen des am Tag davor gefallenen Soldaten: "Şehit Yalçın" ("Märtyrer Yalçın") .

Die türkische Regierung hält sich mit Erklärungen zu dem Angriff bislang eher zurück: Aus der Staatskanzlei von Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu hieß es lediglich, man sei "entschlossen, für die nationalen Sicherheit alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen". Insofern ist schwer abzuschätzen, ob der Angriff eher eine (vielleicht auch im Hinblick auf mögliche baldige Neuwahlen angeordnete) exzeptionelle Strafmaßnahme war - oder der Beginn einer dauerhaft aktiveren Terrorbekämpfung.

Unklar ist auch, wie viele der 251 gestern in 13 türkischen Provinzen als Terrorverdächtige festgenommenen Personen dem IS zugerechnet werden - und wie viele der verbotenen Kurdenpartei PKK (deren militärischer Arm am Mittwoch zwei Polizisten ermordete) und der linksextremistischen Terrorgruppe DHKP-C. Ein einer Stellungnahme dazu heißt es lediglich, man bekämpfe alle Terrorgruppen. (Peter Mühlbauer)

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