Türkisches Militär für Waldbrände im Nordosten verantwortlich

Waldbrand in Dersim. Ausschnitt aus einem Videoclip von Alican Önlü, Twitter

Bombardierungen auf kurdische Gebiete vernichten tausende Hektar Wälder. Viele Dörfer in der Region sind akut gefährdet

Angesichts der Hitzewelle mit Temperaturen von teilweise über 45 Grad toben derzeit in vielen Ländern Südeuropas heftige Waldbrände. In der Türkei sorgt der Erdogans Militär dafür, dass die Wälder in den kurdischen Gebieten brennen und raubt damit Mensch und Tier die Lebensgrundlage. Die gleichzeitigen Repressionen gegen die kurdische Bevölkerung erinnern an die 1980/90er Jahre.

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In der Provinz Tunceli (kurdisch: Dersim) brennen die Wälder. "Aus Militärhubschraubern wurden Brandbomben und leicht entzündliche Stoffe über die Wälder Dersims abgeworfen. Große Waldbrände sind die Folge, in die die lokale Feuerwehr nicht eingreifen darf", berichtet die kurdische Gemeinde.

Der Name Dersim steht für die Massaker des türkischen Staates an den alevitischen Dersim-Kurden in den Jahren 1936/37. Er steht auch für die Rettung zehntausender Armenier beim vorangegangenen Genozid an den Armeniern in den Jahren 1915/16 durch die ansässige Bevölkerung. Die alevitischen Kurden schlossen sich 1915 nicht den sunnitischen Hamidiye-Kurden an, die an den Deportationen und Ermordungen der Armenier 1915 beteiligt waren.

Immer wieder war und ist die Bevölkerung dieser Region den Repressionen der türkischen Regierungen ausgesetzt: Diese reichen von permanenter ökonomischer Vernachlässigung bis hin zu Zwangsassimilation und Staatsterror mit Folter, Vertreibungen und Exekutionen. Jetzt, wo sich das Massaker an den Aleviten bald zum 80. Mal jährt, scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Im bergigen Dersim-Gebiet gibt es große, in der Türkei einzigartige Eichenwälder. Seit dem 2. August bombardieren die türkischen Militärs diese Wälder in den Landkreisen Landkreisen Pülümür, Hozat, Nazimiye und Ovacik. Tausende Hektar Wald wurden schon vernichtet. In der benachbarten Provinz Elazig, im Landkreis Karakocan wurden ebenfalls Brände gelegt. Durch die extreme Hitze, die auch dort zurzeit herrscht, breiten sich die Brände rasant aus.

Viele Dörfer in der Region sind akut gefährdet. Gleichzeitig hindert das türkische Militär die Bewohner mit allen Mitteln daran, die Brände zu löschen. Staatliche Löschfahrzeuge oder Löschflugzeuge werden erst recht nicht eingesetzt und internationale Hilfe, etwa durch Nato-Partner, ist auch nicht in Sicht, da die Türkei bewusst keine Unterstützung anfordert.

Die türkische Regierung rechtfertigt alle ihre Maßnahmen mit "Terrorbekämpfung" und nimmt dabei offensichtlich auch die Zerstörung der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt mit ihren mehr als 400 endemischen Arten in Kauf.

Das CDU-Mitglied Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland, kritisiert die gewaltige Zerstörung der Fauna und Flora als ein "Massaker an der Natur … Während wir in Europa um jedes Stück Natur kämpfen, wird in der Türkei die Umweltzerstörung politisch instrumentalisiert und die Menschen zur Auswanderung gezwungen". Toprak ruft die europäischen Umweltbehörden und Umweltverbände dazu auf, sich umgehend dafür einzusetzen, dass die Naturzerstörung beendet und die betroffenen Gebiete wieder aufgeforstet werden.

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Der Zentralrat der Dersimer in Deutschland beklagt, der türkische Staat versuche durch "militärische Auseinandersetzungen, durch Bau von Staudämmen, durch Goldabbauprojekte mit naturschädigenden Methoden u.a. die Flucht und Auswanderung der einheimischen Bevölkerung aus dieser Region zu forcieren, umso eine ethnische und religiöse Säuberung in Tunceli (Dersim) zu verwirklichen".

Auch aus anderen kurdischen Provinzen kommen Nachrichten über Waldbrände mit dem Vorwurf, dass sie vom türkischen Militär absichtlich gelegt werden. Die Nachrichtenagentur ANF berichtet von Waldbränden in der Provinz Şırnak in der Nähe der Stadt Cizre und im östlichen Bereich von Diyarbakir zwischen Lice und Bingöl. Das Flammenmeer auf dem Berg Gabar soll so groß sein, dass man es vom Zentrum des Bezirks Cizre aus sehen kann.

F-16-Kampfflugzeuge des türkischen Militärs sollen Bingöls Kiğı-Landschaft in Brand gesetzt haben, durch den Wind breite sich das Feuer über den Berg Hasan (Çiyayê Hesar) aus. Auch hier wird der Bevölkerung verboten, die Brände zu löschen.

Den deutschen Medien sind diese Vorgänge im Südosten der Türkei offenbar keine Meldung wert. Wollen die Leitmedien vor der Bundestagswahl das Thema Türkei und Erdogan niedrig halten? Soll Kritik am Erdogan-Regime nur noch "auf Sparflamme" erfolgen? Hat man sich schon so sehr dem Erdogan-Narrativ ergeben, dass Berichte über die aktuelle Lage von Kurden, Armeniern, Eziden und Aramäern im Südosten der Türkei eine Unterstützung der PKK und damit des Terrorismus darstellen? Und darf man nicht von "Staatsterror" sprechen, wenn der Staat Teile seiner Bevölkerung tyrannisiert?

Gut, man berichtet inzwischen ausführlich über die Einschränkung der Pressefreiheit. Aber beim Umgang mit der türkischen Justiz wird die europäische Reaktion zur Farce: Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte lehnte gerade tausende Klagen inhaftierter Oppositioneller mit dem Hinweis ab, erst müsse der lokale Rechtsweg ausgeschöpft werden. Ob es den überhaupt noch gibt, und wenn ja, wie lange der dauert, interessiert dabei nicht.

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