Türkisches Militär und Milizen bereiten sich auf Angriff auf syrische Kurden vor

Kampfgruppe der islamistischen Miliz Liwa Suqur al Shimal in Vorbereitung zur Unterstützung der türkischen Invasion.

Mit dem Deal mit Erdogan gibt Trump die bislang verbündeten Kurden zum Abschuss frei, es sei denn Europäer übernehmen die Schutzfunktion

Nach dem Deal zwischen US-Präsident Donald Trump und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan scheint das Schicksal der syrischen Kurden und ihrem Projekt einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft besiegelt zu sein. Zuvor hatte schon Russland aus geostrategischen Gründen die Türken nicht nur in Afrin einmarschieren lassen, sondern auch den Luftraum für Kampfflugzeuge freigegeben.

Was die beiden Präsidenten ausgemauschelt haben, ist im Wesentlichen unbekannt, es könnte allerdings auch nur darin bestehen, dass die Türkei wieder stärker an die USA heranrückt, der Handel ausgebaut wird und Ankara gleich für Milliarden Patriot-Raketenabwehrsysteme kauft, während Trump das von den Kurden kontrollierte Gebiet in Syrien der Türkei überlässt, die dort machen kann, was sie will, sofern ausgerechnet sie den Kampf gegen den Islamischen Staat weiterführt.

Die Türkei hat neben anderen islamistischen Gruppen, die sie teils als Milizen für Bodenkämpfe in Syrien übernommen hat, auch den IS unterstützt, zumindest in der Zeit, in der dieser noch den westlich des Euphrat gelegenen Korridor von der türkischen Grenze bei Dscharablus kontrollierte. Als Partner der US-geführten Koalition gegen den IS war die Türkei ausgefallen. Erst als die syrischen Kurden mit den SDF-Verbänden drohten, den Korridor einzunehmen, handelte die Türkei einen Rückzugsdeal mit dem IS aus, marschierte in Syrien ein und konnte kampflos Dscharablus übernehmen.

Man wird davon ausgehen können, dass überall auf der Welt genau beobachtet wird, wie Donald Trump Verbündete auf die Schnelle fallen lässt, wenn es den USA nach seiner Ansicht irgendwelche Vorteile bietet. Gespräche oder Kontakte mit Angehörigen der amerikanischen Regierung nutzen dabei nichts, weil Trump alleine und auch gegen den Widerstand seiner eigenen Minister und Berater, hier beispielsweise gegen den Verteidigungsminister, Entscheidungen fällt, deren Tragweite wohl auch für ihn selbst unbekannt ist. Das wird nicht nur im Nahen Osten und in Afrika für Erschütterungen sorgen, sondern auch die Ukraine oder die osteuropäischen Länder müssen nun damit rechnen, schnell fallengelassen werden zu können. Der Eindruck verstärkt sich, dass Trump zwar gerne mit der militärischen Macht und Überlegenheit droht, aber kein Interesse hat, sich auf neue militärische Konflikte einzulassen.

Noch sind britische und französische Truppen in den Kurdengebieten

Erdogan lässt inzwischen Soldaten und schweres Gerät an die syrische Grenze bringen, um die Syrer zu "befreien", die Araber vom IS und die Kurden von der PKK - nach seiner Lesart. Vermutlich geht es auch darum, alle politischen, multiethnischen und -religiösen Ansätze in Rojava zu beerdigen, die hier entwickelt wurden, auch die Emanzipation der Frauen wollen der Islamist Erdogan und seine islamistischen Anhänger zurückdrehen. Die spielten nicht nur militärisch, sondern auch in Verwaltung und Politik eine wichtige Rolle.

Verlegt wurden auch bereits Milizen der angeblichen "Freien Syrischen Armee" aus Afrin, Aleppo und anderen Gebieten. Es soll sich um die 4000 Kämpfer handeln, die vorwiegend aus Raqqa und Deir ez-Zor stammen, man will aber auch bis zu 20.000 senden, wenn es notwendig sein sollte. Die erste Angriffswelle soll nach Gerüchten zuerst Richtung der Städte Ain al-Arab, Kobane und Ras al-Ain erfolgen.

Mit der Einnahme Ostsyriens bis zur irakischen Grenze will Erdogan die PKK auch weiter aus Sindschar verdrängen. Deutlich wird, dass es um ethnische Vertreibung geht, schließlich will Erdogan wie schon in Afrin die kurdischen Gebiete mit den Angehörigen der Milizen und syrischen Flüchtlingen, die sich in der Türkei aufhalten, besetzen. Welche langfristigen Absichten Erdogan in Syrien und gegenüber dem Irak hegt, muss sich erst herausstellen, klar dürfte sein, dass er den Einflussbereich der Türkei über Syrien hinaus auch in den Irak hinein erweitern will. Das hatte er schon vor der Offensive auf den IS im Irak herausgestellt.

Noch halten sich französische und britische Truppen bei Manbidsch und in Deir ez-Zor auf. Der französische Präsident Marcon hatte Trumps Abzugsplan scharf kritisiert. Ob die einen türkischen Angriff durch ihre Präsenz verhindern, ist fragwürdig, Erdogan ließ auch bereits SDF-Verbände in der Nähe von US-Truppen angreifen. Offen ist, ob Russland den türkischen Angriff deckt oder angesichts der Annäherung der Türkei an die USA auf Distanz geht. (Florian Rötzer)