Tugce Albayrak: Zivilcourage und politische Verzerrungen

Justizminister Maas hält wenig von härteren Strafen, um Gewalttaten zu verhindern, allein Zivilcourage helfe. Der Fall Tugce bestätigt dies nicht. Er führt darüberhinaus vor, wie politische Agendas und Hasserzählungen daraus Kapital schlagen wollen

Zu den heutigen Trauerfeierlichkeiten kamen mehrere Hundert Gäste (später wurde die Zahl auf 1.500 nach oben korrigiert). Auch politische Vertreter, Ministerpräsident Bouffier und der türkische Botschafter waren angekündigt: Der tragische Tod von Tugce Albayrak erregt große Aufmerksamkeit und viele Gefühle. Auch bekannte internationale Medien berichteten von der Lehramtstudentin - für Deutsch und Ethik - Tugce, die couragiert in einer Situation eingriff, in der sich die meisten zurückziehen oder abwenden und die in der Folge ihr Leben durch einen brutalen Akt verlor. In Internetforen herrscht Krieg, heißt es in einer Lesermail. Bundesjustizminister Maas (SPD) träufelte bittere Tropfen in die erhitzten Diskussionen.

Tugce Albayrak. Bild von ihrer Facebook-Seite

"Wer glaubt, mit härteren Strafen solche Verbrechen zu verhindern, ist auf dem Irrweg", hatte Maas am Montagabend geäußert. So weit seine nüchterne Feststellung, die Forderungen kontert, die sich wie immer in Fällen unverständlicher Brutalität aufschaukeln, mit erregten Rufen nach Todesstrafe oder Selbstjustiz, weil der Staat zu lax ist.

Für diese Einschätzung des Ministers lassen sich mit großer Wahrscheinlichkeit empirische Belege finden. Auch Richter, die sich für entschiedenes Vorgehen und Zur-Verantwortung-Ziehen von Gewalttätern eingesetzt haben, wie zum Beispiel prominent Kirsten Heisig, halten der Holzhammer-Forderung "auf jeden Fall eine harte Strafe" gegenläufige Erfahrungen entgegen:

Gewaltkriminalität kann nicht allein mit den Mitteln der Strafjustiz bewältigt werden.

Kirsten Heisig

Langjährige Haftstrafen sind nicht der Königsweg zu einer sichereren Gesellschaft; der Aufenthalt in Haftanstalten ist eine Schule, die nicht unbedingt zum besseren Umgang mit Gewalt erzieht. Dem stehen aber auch Einschätzungen von Richtern gegenüber, die tatsächlich von einer Abschreckungswirkung drastischer Strafen in gewissen Umständen berichten1

Die Einwände des Justizministers gegen härtere Strafen reichen allein schon, um Gefühle, die die Anteilnahme im Fall Tugce Albayrak erregt, bei manchen in Richtung in ohnmächtige, hilflose Wut zu führen. Der klassische Vorwurf: Es wird zuviel Verständnis für den Täter aufgebracht. Der harte Preis, den das Opfers des Verbrechens bezahlt hat, tritt in den Hintergrund. Dazu hat der Justizminister aber noch einen zweiten Brennpunkt angesprochen, auf eine Weise, die den General-Vorwurf gegen Politiker, wonach sie eine abgehobene Sicht auf die Wirklichkeit pflegen, bestätigt.

Notwendig sei insgesamt mehr Zivilcourage der Bürger, sagte Maas und fügte hinzu:

Je mehr Menschen Zivilcourage zeigten, um so unwahrscheinlicher dürfte es werden, dass solche Gewalttaten wieder passierten.

Angesichts der tödlichen Brutalität, die durch Zivilcourage ausgelöst wurde, und die frühere Fälle von härtesten Konsequenzen demonstrierter Zivilcourage in Erinnerung brachte, bekommt diese Aussage eine höhnische Note, auch wenn der Politiker anderes beabsichtigt hat; so kommt seine Aussage an wie ein schlechter Gemeinplatz aus einer Sonntagsrede.

Auch zum genauen Tathergang am 15. November stellen sich noch einige Fragen, die in das Urteil eingehen werden. Laut Obduktion ist klar, dass die junge Frau an den Folgen stumpfer Gewalteinwirkung gegen ihren Kopf starb. Feststeht der Schläger, der die Studentin getötet hat, soweit sind die Videoaufnahmen eindeutig.

Tugce Albayrak stürzte nach dem heftigen Schlag mit dem Hinterkopf auf den Asphalt eines Parkplatzes. Sie erlitt eine Hirnblutung und fiel ins Koma. Am 26. November stellten die Ärzten den Hirntod fest. Zwei Tage darauf, an ihrem Geburtstag, wurden die lebenserhaltenden Maschinen der Organspenderin abgeschaltet.

Ungeklärt ist bislang, ob es der Schlag selbst war, der die tödlichen Verletzungen verursacht hatte oder der Aufprall in Folge des Schlages auf dem harten Boden. Manche spekulieren aufgrund der veröffentlichten Aufnahmen einer Überwachungskamera, dass der in U-Haft sitzende, identifizierte Gewalttäter Tugce Albayrak an der Schläfe traf und sie damit bereits tödlich verletzt hat. In diesem Fall könnte der 18-Jährige, der aufgrund früherer Vergehen, in denen auch Gewalt eine Rolle spielte, polizeibekannt ist, wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer längeren Haftstrafe verurteilt werden.

Entsprechend kann der junge Erwachsene, der wahrscheinlich nach dem Jugendstrafrecht belangt wird, im Falle anderer Ermittlungsergebnisse auf eine niedrigere Jugendhaftstrafe hoffen, die u.U. auch zur Bewährung ausgesetzt werden könnte was für die Gerechtigkeitsempfindung vieler in dem Fall, bei dem die Brutalität der Handlung ins Auge springt, eine Herausforderung mit großem Erklärungsbedarf darstellen wird. Umso mehr als der Fall auch in der Türkei genau verfolgt wird und von vielen in Deutschland lebenden Türken und Deutschen türkischer Herkunft. Gewalt greift ans Soziale, an das fragile Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen.

In diesem Zusammenhang sind viele Fragen zum Tathergang noch offen. Und die erwähnten Videoaufnahmen, welche die Bild-Zeitung veröffentlichte und die andere Medien übernahmen, keine große Hilfe zur Klärung. So zeigen sich in der Gegenüberstellung mit anderen Aufnahmen, wie sie die türkische Zeitung Sabah veröffentlicht hat (zu sehen unterhalb des Artikels), dass das Bildzeitungs-Beweis-Video anscheinend Szenen überspringt, die auf dem Sabah-Video zu sehen sind.

Es handelt sich um Szenen, die zeigen, dass der aufgebrachte Gewalttäter vor seinem Schlag gegen die junge Studentin in Rempeleien oder in ein Handgemenge mit anderen verwickelt war. Das Geschehen ist nicht sonderlich klar zu erkennen, um daraus solide Schlüsse zu ziehen. Aber es führt wieder einmal die Schwierigkeiten vor Augen, die Veröffentlichungen von Videobeweisen mit sich bringen.

Das Motiv der Tat, das in den bekannten Darstellungen im Vordergrund steht, ist, dass Tugce von dem aggressiven Mann brutal angegriffen wurde, weil sie zuvor bedrängten Mädchen geholfen hatte. Dass sie ihre Zivilcourage mit ihrem Tod bezahlt hat, ist aber nur ein Teil der Geschichte, wie sie in Medien und im Netz weitergesponnen wird und dort politisch für unterschiedlichste Stimmungen und politische Süppchen hochgekocht wird

Nur zwei Beispiele dafür: So werden die Geschehnisse an mancher Stelle zu einem Kampf von Serben gegen türkische Muslime stilisiert. Und auf deutschen rechtspopulistischen Seiten, wo zunächst die Zivilcourage Tugce Albayraks erwähnt wurde, verlagerte sich die Aufmerksamkeit später auf die Gruppenzugehörigkeiten, um aus der Geschichte eines ungewöhnlichen individuellen Engagements, das die Begrenztheit von Stereotypen offenkundig macht, das übliche politische Spektakel zu machen, aus dem immer der gleiche pauschale Tendenzschluss gezogen wird: die Berechtigung zur Stimmungsmache gegen Muslime. Auch das ist eine Verhöhnung, die Tugce Albayraks nicht verdient hat.

Ebensowenig wie die Bekundungen von Sympathisanten des Schlägers, die sich laut Spiegel "zu der widerlichen These versteigen, so etwas wie mit Tugce A. könne schon passieren, wenn 'eine Frau die Ehre beschmutzt'". (Thomas Pany)

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