Tugend und Terror

Die Vorstellung, dass der Zweck die Mittel heiligt, führte in der Geschichte schon mehrmals in Katastrophen

In den letzten Jahren sind in der Politik und auf Diskussionsplattformen Gruppen präsenter geworden, die postulieren, dass der Zweck die Mittel heiligt und dass rechtsstaatliche Grundsätze und Meinungsfreiheit nicht für alle Menschen gelten sollten. Eine der historischen Vorläufer dieser Gruppen ist die Heilige Inquisition, deren Verfechter häufig davon überzeugt waren, dass ein gottgefälliges Ziel auch falsche Zeugnisse und Folterungen rechtfertigt. Ein anderer ist der Franzose Maximilien de Robespierre, der unter Rückgriff auf die Lehren seines Vorbilds Jean-Jacques Rousseau um der "Tugend" willen eine Terrorherrschaft errichtete und rechtfertigte.

Der 1758 im nordostfranzösischen Arras geborene Jurist lebte bis 1789, als er Deputierter in der Versammlung der Generalstände wurde, ein relativ unauffälliges Leben. Zu Beginn der französischen Revolution gab er sich noch als Gegner der Todesstrafe und äußerte die Auffassung, dass niemand bewaffnete Befreier begrüße. Erst als er sich mit dem so genannten "Wohlfahrtsausschuss" eine Hegemonie gesichert hatte, versuchte er seine Vorstellung von "Tugend" offen mit Terror durchzusetzen.

Maximilien de Robespierre um 1790.

"Tugend" war für Robespierres seiner Rede vom 5. Februar 1794 nach ein "erhabenes Gefühl", das das öffentliche vor das individuelle Interesse stellte. Terror war für ihn deshalb Ausdruck dieser Tugend und nichts anderes als "prompte" und "strenge" Gerechtigkeit. In einer Vorwegnahme dessen, was heute als Feindstrafrecht debattiert wird, postulierte er, dass die Gesellschaft nur "Bürgern" Schutz gewähren solle.

Solche Bürger waren für ihn nur Republikaner, die mit ihm einer Meinung waren – "Royalisten", "Verschwörer" und andere Abweichler betrachtete er dagegen als "Feinde", denen die Revolutionsregierung "nichts als den Tod" schulde. Je mehr Terror die Revolutionsregierung ihm nach gegenüber ihren Feinden walten ließ, desto wohltätiger war sie gegenüber ihren tugendhaften Bürgern, die Rousseaus "Wahrheit" erkannt hatten.

Robespierres Terror fielen den offiziellen Unterlagen der französischen Revolutionsregierung nach 16.594 Menschen direkt zum Opfer. Von den durch "Revolutionstribunale" abgeurteilten waren etwa acht Prozent Aristokraten und sechs Prozent gehörten dem Klerus an. Bei der überwältigenden Mehrheit (72 Prozent) handelte es sich um Arbeiter und Bauern, die in den Verdacht einer abweichenden Meinung geraten waren.

Wie viele Menschen ohne bürokratische Kenntnisnahme durch unmenschliche Haftumstände starben und bei der Niederschlagung der Volksaufstände in der westfranzösischen Vendée und in anderen Regionen ums Leben kamen, ist unbekannt. Historiker schätzen die Zahl der Bürgerkriegstoten alleine in der Vendée aktuell auf bis zu 450.000.

Für die Bevölkerung in diesen Gegenden bedeuteten die Pariser Revolutionäre bald wenig mehr als Besatzer, die Kinder und junge Erwachsene zwangsrekrutierten, Lebensmittel beschlagnahmten und das Leben von der Sprache bis hin zum Kalender verändern und bestimmen wollten. Girondisten, die der Diktatur der Hauptstadt teilweise Widerstand entgegensetzten und für einem nach dem Subsidiaritätsprinzip aufgebauten Staat mit sich selbst regierenden Regionen nach dem Vorbild der Schweiz plädierten, landeten in der Guillotine.

Selbstgerechtigkeit und extreme Humorlosigkeit

Auch Robespierres ehemalige Revolutionsmitstreiter und Gefährten fielen seinem Terror reihenweise zum Opfer, in dem sich revolutionäre Selbstgerechtigkeit mit extremer Humorlosigkeit paarte. So ließ er beispielsweise Camille Desmoulins köpfen, weil dieser eine im antiken Rom angesiedelte Parodie auf Robespierres Gesetz vom 17. September 1793 veröffentlicht hatte, in der Bürger angeklagt werden können, weil sie zu reich, zu arm, zu melancholisch oder zu maßlos sind. Als Desmoulins Ehefrau Lucille es wagte, öffentlich für eine Freilassung ihres Gatten einzutreten, sperrte man sie ebenfalls ein und schickte sie auf die Guillotine.

Am 10. Juni perfektionierte Robespierre sein Terrorsystem, indem er Verdächtigen das Recht auf einen Verteidiger nahm und anordnete, dass für die Feststellung einer Schuld vor dem Revolutionstribunal keine Zeugen notwendig seien.

Das Klima der Angst, das der radikale Rousseauist immer weiter anheizte, wurde ihm schließlich zum Verhängnis: Als er in der Nationalversammlung neue Säuberungen forderte, ohne konkrete Namen zu nennen, fürchten viele Deputierte, dass sie selbst gemeint sein könnten, und verschworen sich zu Robespierres Sturz. Als der von seiner Verhaftung erfuhr, versuchte er sich ihr erst mit Gewalt gegen Ordnungskräfte und dann gegen sich selbst zu entziehen. Der Schuss in den Kopf, den er sich selbst beibrachte, zerschmetterte allerdings nur seinen Kiefer, so dass man ihn am 28. Juli 1794 trotzdem noch guillotinieren konnte. (Peter Mühlbauer)