Tune in, turn on, boot up

Wie die Gegenkultur der 60er Jahre zum Personal Computer führte - Ein Report aus der Frühgeschichte des Silicon Valley

Kaum ein Kapitel der Technikgeschichte ist ausführlicher beschrieben worden als die Entstehung des Personal Computers. Die üblichen Abhandlungen darüber beginnen mit Steve Jobs, Steve Wozniak und dem ersten Apple-PC 1976, um sich dann, nach einem kurzen Rückblick auf den Altair-Computer (1974), der legendären First West Coast Computer Faire (1977), dem IBM-PC (1981) und allem, was folgte, zu widmen. Die etwas avancierteren Historien berichten dann vielleicht auch noch davon, dass Steve Jobs im Palo Alto Research Center (PARC) von Xerox, wo man am Büro der Zukunft herumtüftelte, die Ideen für den ersten "Mac" aufsaugte und umsetzte - um dann seinerseits von einem gewissen Bill Gates beklaut zu werden

Begonnen freilich hat die Geschichte des PCs lange bevor diese geschäftstüchtigen Gründer und Entrepreneurs die Szene betraten - Ende der 50er Jahre im Umfeld der Stanford-Universität. Hier legten visionäre Forscher, Ingenieure und Programmierer die Wurzeln für die Entwicklung des PCs und des Internet und wurden zur Keimzelle für das, was sich auf der Halbinsel südlich von San Francisco dann zur Boomtown einer technologischen Revolution entwickelte: des Silicon Valley.

John Markoff, der als "Senior Writer" der New York Times die Computerindustrie seit drei Jahrzehnten begleitet, ist diesen Anfängen jetzt nachgegangen und hat in einem faszinierenden Buch (What the Dormouse Said: How the Sixties Counterculture Shaped the Personal Computerindustry) eine bisher unerzählte und auf den ersten Blick unerhörte Geschichte festgehalten: die von den psychedelischen Ursprüngen des persönlichen Computers.

Remember what the dormouse said: feed your head, feed your head.

Der Titel von Markoffs Buch entstammt der Zeile des Songs White Rabbit von Jefferson Airplane, der mit seiner Anspielung auf die Verwandlung in "Alice in Wonderland" in den 60er Jahren zu einer der Hymnen der Bewusstseinserweiterung wurde. Die Haselmaus, die ermahnte, den Kopf zu füttern - und zwar mit den bis Mitte der 60er Jahre noch legalen Substanzen wie LSD, Psilocybin oder Meskalin - hatte aber nicht erst im "Summer of Love" 1967 Gehör gefunden.

Schon Jahre bevor der Harvard-Professor Timothy Leary den allgemeinen LSD-Gebrauch propagierte und Anweisungen zur sicheren Durchführung von Bewusstseinsreisen veröffentlichte, und lange bevor die Popwelt, Bob Dylan, die Beatles und die Jugendkultur nachzogen, hatte sich ein ganz anderer Menschenschlag mit der erstaunlichen Wirkung psychedelischer Substanzen vertraut gemacht. Bereits 1957 hatten die ersten Ingenieure, Mathematiker und Wissenschaftler in Stanford im privaten Rahmen damit begonnen. 1961 richtete Myron Stolaroff, der Chef-Designer des Tonaufzeichnungsgeräte-Herstellers Ampex, mit dem International Institute for Advanced Studies ein Zentrum ein, das sich der Erforschung von Psychedelika und ihrem Einfluss auf kreative Problemlösungen widmete. Bis zu seiner mit dem Verbot von LSD 1966 angeordneten Schließung führte das Institut 350 Personen durch geleitete LSD-Sitzungen.

In einer Pilotstudie mit den ersten 153 Probanden wurde ermittelt, wie sich diese Erfahrungen auf die persönliche Entwicklung und ihre Arbeit auswirkten – und die Ergebnisse klangen enthusiastisch: 83% empfanden die Erfahrung als wohltuend, 88% gaben an, sich selbst und andere besser zu verstehen. Weiterhin wurden zum Beispiel eine Verbesserung der Kommunikation(69%) sowie eine neue Sichtweise der Welt (83%) konstatiert. Darüber hinaus vermerkten die Forscher, dass nur einer der Probanden angab, durch die Sitzungen mentale Probleme bekommen zu haben, dies aber ein Jahr später revidiert hätte.

So positiv diese Erfahrungen von nahezu allen Probanden auch empfunden wurden, brachten die Experimente, bei denen der direkte Einfluss der LSD-Wirkung auf kreative Problemlösungen gemessen werden sollte, eher bescheidene Ergebnisse. Douglas Engelbart etwa, der Erfinder der Maus und einer der Visionäre des personal computing, erfand auf seinem zweiten LSD-Trip ein "tinkel-toy" - einen Ball, der sich bewegt, wenn er von einem Wasserstrahl getroffen wird. Für kleine Jungs, die man zum zielgenauen Pinkeln erziehen will, sicher ein pädagogisch wertvolles Spielzeug, für die große Vision von Doug Engelbart freilich, die Erweiterung der menschlichen Intelligenz durch Computer, ein eher kleiner Fortschritt.

Mit seiner Idee von Computern als "augmentation" (Vergrößerung) der menschlichen Kapazitäten stand Engelbart im Kontrast zur Hauptlinie der Computerforschung, die in den 50er und 60er Jahren auf "Artificial Intelligence" setzte, das "Elektronengehirn", Computer als Ersatz menschlichen Denkens. Engelbart hingegen ging es um Erweiterung des menschlichen Potentials und den Computer als Werkzeug und Medium der Kommunikation. Diese Philosophie legte es ihm auch nahe, psychedelische Drogen als Werkzeuge zu akzeptieren.

Wie er durchliefen viele andere Professoren und Mitarbeiter der Computerforschung in Stanford die Sitzungen des Instituts. Dazu gehörten auch der Dichter Allen Ginsberg und der Fotograf Stewart Brand, der 1968 den ersten Whole Earth Catalogue herausgab, der zur Bibel und Gebrauchsanweisung der Alternativkultur wurde. Apple-Mitgründer Steve Jobs bekundete gegenüber Markoff, dass für ihn diese LSD-Erfahrungen "zu den drei wichtigsten Erlebnissen meines Lebens" zählten.

In einem Essay für das Time-Magazin schrieb Stewart Brand 1995:

Vergesst Anti-Kriegs-Protest, Langhaarige und Woodstock - das eigentliche Erbe 60er-Jahre-Generation ist die Computerrevolution.

Besuchern des "Stanford Reserach Instituts" (SRI) fiel das Mitte der 60er Jahre sofort ins Auge: In Engelbarts "Arche", dem Augmentation Research Center (ARC), saßen keine typischen Techniker in Schlips und Kragen, sondern Typen in bunten Hemden mit langen Bärten und Haaren. Auf dem Boden lagen Teppiche und in der Luft duftete es nach Marihuana. Mit der Bewusstseinserweiterung zum Zwecke technischer Problemlösungen hatte unbemerkt auch ein neuer Geist in die heiligen Hallen der vor allem vom US-Militär finanzierten Forschungsstätte gehalten: die Anti-Kriegs-Bewegung, das "Free Speech Movement", die Hippiekultur. Ein Lebens- und Arbeitsstil, der das Denken über die täglichen Routinen hinausbrachte.

Aus dieser speziellen Mischung von begabten Wissenschaftlern, inspirierenden Drogenerfahrungen und kulturellen Umwälzungen entstand das kreative Klima, in dem die bahnbrechenden Erfindungen des Computerzeitalters realisiert wurden: Cursor, Maus, Texteditoren, Sounds, graphische Oberflächen sowie die Vernetzung von Computern, die zum Internet führte.

Dass es stets "Verbotenes" wie etwa Pornographie ist, das neuen Medien, von der Fotografie bis zum Videorecorder, zur Massenakzeptanz verhilft, diesem Aspekt der Technikkulturgeschichte fügt John Markoff einen weitere Variante hinzu: Drei Jahrzehnte vor ebay und Amazon wurde der erste e-Commerce-Handel zwischen Studenten der Stanford Universität und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) getätigt. Sie benutzten die Verbindungen des ARPAnet, dem Vorgänger des heutigen Internet, um einen Marihuana-Deal zu arrangieren.

Dass es sich bei derlei Nutzung neuer Medien für zivil-kulturelle Zwecke historisch stets um einen "Missbrauch von Heeresgerät" handelte, diese These des Medientheoretikers Friedrich Kittler findet in Markoffs Frühgeschichte des Silicon Valley mehr als eine Bestätigung. Schon die 1959 gelungene Miniaturisierung von Transistoren in integrierte Schaltkreisen war im Auftrag des Militärs erfolgt, das die bis dahin zimmergoßen Transistor-Rechner zur Steuerung von Raketen einsetzen wollte. Auch die anschließenden Forschungen zu Computern und Künstlicher Intelligenz wurden weitgehend vom Pentagon und von der NASA finanziert. Auch mit Substanzen wie dem 1943 von Albert Hofmann in Basel entdeckten LSD, der stärksten bewusstseinsverändernden Substanz überhaupt, war zuvor von Militär und Geheimdiensten als Wahrheitsserum und psychologischer Kampfstoff experimentiert worden - doch so wie Myron Stolaroff diesem Gebrauch mit seinem Institut eine neue Wendung gab und LSD als Werkzeug zur intellektuellen und spirituellen Entwicklung nutzte, so hatten auch die Forscher in Stanford zunehmend die individuelle und persönliche Nutzung des Computers und weniger Militärisches im Sinn.

Schon 1961 war der Mathematik-Student Fred Moore mit seinem Hungerstreik gegen Wehrpflicht und Einberufung auf den Treppen des Stanford-Gebäudes zum Pionier des Vietnamkriegs-Protests geworden, der ab Mitte der 60er zu einer Massenbewegung wurde. Anhand des Friedenskämpfers Fred Moore, des "human potential"-Aktivisten Myron Stolaroff und des Technikvisionärs Douglas Engelbart zeichnet John Markoff die drei verschiedenen Stränge nach, deren Zusammenfließen 15 Jahre später die Computerrevolution auslöste. Allerdings nicht gradlinig und linear, sondern durch das Chaos und die Konflikte, die durch den Zusammenprall so verschiedener Konzepte und Weltbilder entstand.

Mit dem sich abzeichnenden Vietnam-Debakel spitzte sich auch die Konflikte der Stanford-Forscher mit ihren militärischen Finanziers zu, freilich nicht so weit, dass sie ihren geliebten Maschinen etwas zu Schaden kommen lassen wollten. Als radikale Demonstranten der Hardware des Instituts zu Leibe rücken wollten, verweigerten sie die Solidarität mit der Auskunft: "Computer sind politisch neutral."

Die Pioniere freilich fühlten sich unter dem Dach ihrer vom Militär finanzierten Labors zunehmend unwohler, und so war es nur eine Frage der Zeit, dass die Computerrevolution auswanderte. Fred Moore gründete 1971 den "Homebrew Computer Club", eine Vereinigung von Computerfans und Bastlern, aus deren Mitgliedern bald nicht nur über 20 verschiedene Unternehmen, einschließlich Apple, hervorgingen, sondern auch eine Community und ein Geist, deren Spuren bis heute noch spürbar sind. Hier entstand jene Philosophie, die als "Hacker-Ethik" bezeichnet wird, und deren fünf Gebote lauten:

  1. Der Zugang zu Computern sollte unbegrenzt sein.
  2. Alle Informationen sollten frei sein.
  3. Misstraue Autoritäten - fördere Dezentralisierung
  4. Computer können Kunst und Schönes schaffen
  5. Computer können dein Leben verbessern.

Gegen diesen kollektiven Geist des "sharings" und der "open source", den der Homebrew Computer Club pflegte, regte sich bald Widerstand. In einem offenen Brief an die Mitgliederzeitung beschwerte sich ein junger Softwareentwickler, dass die Bastler des Clubs Programme untereinander austauschten, anstatt sie zu kaufen - und er für seine Arbeit deshalb nur auf einen Stundenlohn von nicht einmal 2 Dollar käme. Der Name des unterbezahlten Jammerlappens war Bill Gates.

"Eine kleine anarchistische Gemeinschaft von Tüftlern und Hackern hat den Fehler gemacht, das Feuer den Massen zu geben. Niemand gibt es zurück, es ist ein verlorenes Paradies. Diese wundervolle Gemeinschaft ist keine Gemeinschaft mehr", stellte Slashdot.org in einer Rezension von Markoffs Buch fest.

Slashdot selbst ist einer der letzten Fackelträger jenes Geistes, der von Figuren wie Bill Gates und dem Boom der PC-Industrie ab Anfang der 80er Jahre überrollt wurde. Das dezentrale und führerlose Internet zeigt aber unterdessen, dass diese Ideale nicht tot zu kriegen sind, sich an entscheidenden Stellen auch immer noch bemerkbar machen und allen Dollarmilliarden von Computerkonzernen zum Trotz immer noch für Innovationen sorgt, wie in den letzten Jahren mit Programmen wie dem Mozilla-Browser Firefox, freien Betriebssystemen wie Linux oder Wissenssystemen wie Wikipedia. Während Microsoft, Intel & Co. fieberhaft an Schutzfunktionen arbeiten, die den freien Austausch von Informationen über Computernetzwerke verhindern, ist die "Open Source"-Gemeinde dabei, die Idee des Copyright und des "fair use" neu zu definieren.

Der Drang der Computerhacker zum Teilen und das Streben der Unternehmen nach Geld - dies ist eine Konfrontation, die unausweichlich die nächsten technologischen Revolutionen bestimmten wird. Die Bühne ist bereitet für einen Zusammenprall von Wertvorstellungen, ein Widerhall jener eigentlichen Kräfte, die das Silicon Valley erschufen.

John Markoff

Sehr gut recherchiert und spannend geschrieben hält Markoffs Buch nicht nur ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Computerrevolution fest - an mehr als einer Stelle räumt er allerdings auch dem "Klassiker" zum Thema, Steven Levys Hackers - Heroes of the Computerrevolution den verdienten Kredit ein -, sondern gewährt vor allem den unkonventionellen Kräften und Methoden, die die bedeutendste Innovation unseres Zeitalters schufen, den gebührenden Raum.

Dass dabei auch mittlerweile dämonisierte chemische Hilfsmittel zur Bewußtseinserweiteung im Spiel waren, mag im Zuge des "Kriegs gegen Drogen" wie ein falsches Signal klingen, nüchtern betrachtet zeigt es indessen nichts anderes, als dass Innovationen stets eines befreiten Blicks über den Tellerrand hinaus bedürfen. Ohne "open mind" keine "open source" könnte man sagen. Denn auch technologische Entwicklungen verlaufen nicht linear und kausal, sondern chaotisch und selbstorganisiert, und kulturelle, soziale und spirituelle Einflüsse sind für technische Innovationen ebenso bedeutsam wie fachliche und wissenschaftliche Faktoren. Insofern ist dieser "archäologische" Bericht aus der Frühzeit des Silicon Valley auch kein bloßer Technikreport, sondern dokumentiert eine entscheidende und prägende Phase der jüngeren Kulturgeschichte.

Wie diese techno-kulturellen Innovationen von der Westküste der USA mit der üblichen Verspätung nach Deutschland schwappten, erlebte ich zufällig im Herbst 1981 bei der taz, als sich der Plenumsraum neben unserer Kulturredaktion zu ungewohnter Zeit mit Leuten gefüllt hatte. "Was ist denn da los?" fragte ich einen Kollegen. "Irgendwelche Computerfreaks gründen einen Verein, ich verstehe nur Bahnhof." Das ging mir ähnlich, als ich später ein bisschen zuhörte, außer bei einem bärtigen Mann in Latzhosen, der von "Daten", "Modems", "Akkustikkopplern" nicht wie ein Techniker sprach, sondern eher wie ein Öko-Gärtner von Pflanzen und Gartenwerkzeugen.

Das war Wau Holland, der mit den anderen gerade dabei war, den Chaos Computer Club zu gründen, deren Vereinszeitung Datenschleuder ich fortan regelmäßig las, ohne mit den meist technoiden Fachartikeln irgendetwas anfangen zu können - sehr wohl aber mit dem Geist, der aus Waus Beiträgen mit so schönen Titeln wie Daten - Aufzucht und Pflege wehte. Sowie mit der Empörung über den für Jüngere heute kaum noch vorstellbaren Straftatbestand, den es in dieser grauen IT-Vorzeit noch darstellte, eine Telefondose auch nur aufzuschrauben - geschweige denn irgendetwas anderes als ein amtliches Fernsprechgerät daran anzuschließen.

Die kreative Mischung aus anti-autoritärer Auflehnung, angetörnter Verrücktheit und euphorischem Innovationswillen, die Markoff als den Humus der PC-Frühzeit beschreibt, ließ sich auch bei dieser ersten CCC-Sitzung spüren, die bezeichnenderweise an jenem "Revolutions-Möbelstück" stattfand, das das taz-Kollektiv von Deutschlands erster "Wohngemeinschaft" geerbt hatte: dem großen Sitzungstisch der Kommune 1.

Ebenso scheint es kein Zufall, dass die erste Hackerbibel mit gesammelten Beiträgen aus der "Datenschleuder" bei der Grünen Kraft erschien, dem auf Psychedelika spezialisierten Kleinverlag des ehemaligen LSD-Dealers Werner Pieper… - die Haselmaus hatte auch den deutschen Hackern Einiges erzählt.

John Markoff: What the Dormouse Said: How the Sixties Counterculture Shaped the Personal Computerindustry. Viking Books, 2005, 336 Seiten, 25,95 US-Dollar.

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