Tune in, turn on, start up?

"LSD erzeugt Angst und Paranoia vor allem bei denen, die es nie genommen haben"

Timothy Leary entwickelte an der Harvard-Universität zu Beginn der 1960er die These von "Set" und "Setting", die besagt, dass die Wirkung von LSD neben der Dosis ganz entscheidend von dem aktuellen seelischen Zustand des "Reisenden" und einer entspannten, vertrauten Umgebung abhängig ist. Als Evangelist der LSD-Erfahrung betonte Leary zwar stets diese wichtigen Grundvoraussetzungen und in seiner berühmten Parole "tune in, turn on, drop out" steht das Einstimmen nicht zufällig vor dem Antörnen und dem Herausfallen aus den gewohnten Rastern der Wahrnehmung und des Denkens.

Doch Learys euphorische Popularisierung der damals noch legalen Droge sorgte dann nicht nur für seinen Rausschmiss aus Harvard, sondern 1966 auch für das internationale Verbot von LSD. Und damit auch für das Ende der therapeutischen Verwendung sowie der wissenschaftlichen Forschung insgesamt.

Verschiedene Geheimdienste, die wie die CIA in ihrem berüchtigten MK Ultra-Programm seit den 50er Jahren mit der Substanz experimentiert hatten - um sie als "Wahrheitsdroge" beim Verhör gefangener Spione, zur Gehirnwäsche sowie als chemische Waffe einzusetzen, um feindliche Armeen kampfunfähig zu machen -, gaben diese Versuche dann ebenso auf wie das Militär. Der Grund war nicht die Grausamkeit, andere Menschen ohne ihr Wissen in extreme Verwirrung zu versetzen, sondern eher die Tatsache, dass sich die Wirkung nicht vorhersagen und das Verhalten der Probanden nicht wirklich kontrollieren ließ, wie hier auf einem Video des britischen Militärs von 1964 schön zu sehen ist.

Einhergehend mit dem Verbot und dem Abtauchen der Produktion und des Konsums in den Untergrund der Hippiebewegung und der Gegenkultur dominierten in den Publikationen über LSD fortan Horror, Wahnsinn und Psychose, eine Panikmache, die Tim Leary zu dem bis heute zutreffenden Bonmot veranlasste: "LSD erzeugt Angst und Paranoia vor allem bei denen, die es nie genommen haben." Bei denen, die es genommen hatten - seien es die zigtausend Klienten mit ärztlicher Aufsicht oder die Millionen mit ihren Freunden - war freilich meist das genaue Gegenteil der Fall: neue Einsichten in ihr Selbst förderten Mut und Selbstbewusstsein.

Der Psychiater Oskar Janinger, der in seiner Praxis in Los Angeles Ende der 1950er Jahren zahlreiche Künstler und Kreative mit LSD therapierte, führte diesen Effekt "auf eine Verschiebung des fundamentalen Referenzrahmens der Wahrnehmung" zurück, die "zu einer profunden seelischen Erschütterung und zu erstaunlichen Einsichten führen, in die Natur der Realität und darüber, wie unsere persönliche Existenz geformt ist."

Als sein berühmtester Patient, der Schauspieler Cary Grant, in einem Interview bekundete: "Ich mag eigentlich keine Drogen, aber LSD hat mir sehr gut getan. Ich finde, alle Politiker sollten LSD nehmen", konnte Dr. Janinger sich vor Anfragen kaum noch retten. Allerdings nicht von Politikern, die den unkonventionellen Stoff denn auch bald auf ihre konventionelle Art - mit dem Strafrecht - aus der Welt zu schaffen suchten.

Anzeige