Tune in, turn on, start up?

Nackttanz im Bewusstseinsfeld

Auch der Psychologe Jim Fadiman musste nach dem Verbot 1966 seine Experimente zur Problemlösung mit Ingenieuren und Wissenschaftlern abbrechen, die er auf LSD schwierige physikalische und technische Probleme lösen ließ - und begann vier Jahrzehnte später, die zuerst aus dem Silicon Valley kommenden Nachrichten über den Konsum von LSD in winziger Dosierung (10-20 Mikrogramm) zu erforschen, deren Nutzer über ihre Steigerung von Konzentration, Produktivität und guter Laune berichteten.

Wissenschaftliche Studien über diese "Microdosing" genannte Konsumform und die Frage, ob und wie solche Kleinstmengen der Substanz überhaupt wirken, liegen noch nicht vor, dafür aber zahlreiche und überwiegend äußerst positive anekdotische Berichte von Nutzern, die mit einer solchen Mini-Dosis ihrer Arbeit nachgehen. Der neue Trend des Microdosing war auch ein Thema auf dem Symposion, das zum 75. Jahrestag der Entdeckung am 19. April in Basel stattfand. Schon Albert Hofmann hatte festgestellt, dass er mit kleinen Dosierungen "besser denken" könne und Francis Crick, der Entdecker der DNA-Doppelhelix, hatte darüber berichtet, dass er kleine Mengen LSD zum Nachdenken verwendete; dass er allerdings so auf die Idee der Doppelspirale DNA-Moleküls gekommen sei, wie es die Daily Mail nach seinem Tod 2004 berichtete, ist umstritten.

Unbestreitbar high war allerdings ein weiterer mit dem Nobelpreis gekürter Genforscher, Kary Mullis, der 1983 die Polymerase Kettenreaktion (PCR) entdeckte, die als wichtigstes Werkzeug der genetischen Medizin gilt. Das Wochenende vor der Entdeckung verbrachte er mit LSD auf seiner einsamen Hütte bei Mendocino, wo ihn im Wald ein "leuchtendes Kaninchen" angesprochen hätte.

An die Details dieser merkwürdigen Begegnung konnte Mullins sich nicht mehr erinnern, seine Erinnerung setzte erst Stunden später auf dem Rückweg zur Hütte wieder ein. Als er auf der Heimfahrt im Auto darüber nachdachte, sei ihm dann die PCR-Idee gekommen, die er im Labor sogleich umsetzte, schreibt Mullis in seiner Autobiographie mit dem schönen Titel "Dancing naked in the mindfield".

Dass Kaninchen möglicherweise leuchten und mit einem "sprechen" können, wenn man die Antennen der Wahrnehmung mit einer kräftigen Dosis LSD verstärkt und nackt im Bewusstseinsfeld tanzt , klingt für Acid-Heads nicht sonderlich überraschend; dass man aber in einem solchen Zustand komplexe bio-chemische Probleme löst, ist äußerst unwahrscheinlich. Naheliegend ist deshalb, dass Kary Mullis sein "Heureka!"-Erlebnis hatte, als er nach einem starken Trip am nächsten Morgen noch ein wenig "mikrodosiert" war.

Dass es bei einer nachlassenden, ausklingenden LSD-Wirkung und dem Wiedereintreten der "normalen" Wahrnehmung zu Phasen kommen kann, bei der man mit dem Gegenstand seiner Beschäftigung oder Betrachtung - einem Partner, einem Werkzeug, einem Instrument, einer Maschine - gleichsam verschmilzt, ist ein sehr bekanntes und oft beschriebenes Phänomen. Dies deutet darauf hin, dass es sich auch bei den Berichten über die wunderbaren Wirkungen von Mini-Dosierungen nicht nur um Medien-Hype, Mythen oder Placebo-Effekte handelt. Was dabei allerdings im Gehirn vor sich geht, bedarf noch weiterer Erforschung.

Als beim Abendessen mit einigen Referenten des Jubiläums-Symposions das Thema auf Microdosing kam, warf ich die steile These in den Raum, dass LSD nicht entdeckt worden sei, damit CEOs und Start-Upper ihre blöden Bilanzen und Businesspläne damit optimieren. Und dass dieses Selbstoptimierungs-, Effizienz- und Produktiviäts-Doping nicht auf Erweiterung, sondern auf Vertunnelung des Bewusstseins hinausläuft.

Dem stimmten die meisten zwar zu, wendeten aber ein, dass der "Microdosing"-Trend dazu beitragen könnte, dass LSD und andere psychoaktive Substanzen wieder Eingang in den Arzneimittelkatalog finden und Ärzten und Therapeuten wieder zur Verfügung steht. Dass es dort besser aufgehoben wäre als im Strafgesetzbuch ist sicher, doch ebenso sicher ist ein von Pharmakonzernen vermarktetes "Gehirndoping" auch keine wünschenswerte Alternative. (Mathias Bröckers)

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