Tunesien: Jugend in der Misère

Sidi Bouzid, am 6.Februar 2011; Bild: Magharebia/CC BY 2.0

Das Land hat gesellschaftliche Probleme besser gelöst als andere Länder, in denen 2011 rebelliert wurde. Aber es bleibt das Riesenproblem der arbeitslosen Jugend, die sich von der Politik der "Systemparteien" abwendet

Es gibt Meinungsfreiheit in Tunesien, das haben sie sich erkämpft und das ist viel. Es gibt keine Repression wie in Ägypten und es gab keine Massaker wie dort; es gab politische Morde, die das Land erschütterten, zum Teil gewalttätige Auseinandersetzungen mit Salafisten; es gab Hassprediger, die durchs Land zogen, es gibt Probleme mit radikalen Militanten an der Grenze zu Libyen, aber in Tunesien gibt es keine Milizenkriege wie in Libyen. Und es gab eine islamistische Partei an der Regierung.

Auch das hat das Land geschafft, ohne zu zerreissen wie andere Länder des voreilig so genannten arabischen Frühlings. Die Islamisten der Ennahda haben politisch klüger gehandelt als die Muslimbrüder in Ägypten. Sie haben im Gegensatz zu den Muslimbrüdern Machtpositionen freigegeben, um im politischen Spiel zu bleiben.

Trotz der Niederlage der Nahda bei den Parlamentswahlen im Oktober - Sieger war die säkulare Partei Nida Tunis - erweist sich vor der anstehenden Stichwahl des künftigen Präsidenten, dass die Islamisten ein bedeutender politischer Machtfaktor sind. Jedenfalls verleitet dies Nida Tunis zu Annäherungen, die das eigene Wählerlager erstaunen.

Eine Gegen- und Kontrollmacht zu dieser seltsamen Machtinteressensgemeinschaft aus Islamisten und der "alten Garde", die bei Nia Tunis ein neues politisches Zuhause gefunden hat, bildet die ausgeprägte Zivilgesellschaft Tunesiens, die sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat.

Es ist viel passiert in Tunesien seit der Selbstverbrennungsaktion von Muhamed Buazizi vor fast auf den Tag genau vier Jahren, die häufig als Anfang der Aufstände in mehreren arabischen Ländern dargestellt wird.

Schaut man aus einem etwas abgehoben Panoramablick darauf, welche Entwicklung seit 2011 Ägypten, Libyen oder Syrien genommen haben, wo ebenfalls, allerdings unter ganz verschiedenen Umständen und mit unterschiedlicher Vehemenz ausländischer Interventionen befördert, der Widerstand gegen die autokratische Führung aufflackerte, so kann man schon nachvollziehen, warum der britische Economist Tunesien zum Land des Jahres 2014 gewählt hat.

Bei näherem Hinschauen aber zeigt sich ein Riesenproblem: die Situation der Jugend.

Es ist symptomatisch, dass der aussichtsreichere der beiden Präsidentschaftskandidaten, Béji Caid Essebsi, 88 Jahre alt ist. Sein Gegenkandidat, der 69 Jahre alte Moncef Marzouki, wird von der Taz mit einigem Recht als "einstiger Menschenrechtler" bezeichnet wird. Bei Vertretern der jüngeren Zivilgesellschaft hat er viel Glaubwürdigkeit verloren. Beobachter erkennen bei beiden einen Zug zum Paternalismus.

Dem steht eine junge Gesellschaft gegenüber: Mehr als zwei Drittel, 70 (!) Prozent der Bevölkerung Tunesiens, sind weniger als 40 Jahre alt. In der politischen Klasse sind sie "marginalisiert", schreibt der tunesische Journalist Thameur Mekki im französischen Magazin OrientXXI. Der Abstand zur Parteipolitik zeigt sich auch bei den Wahlen.

Knapp die Hälfte, 47 Prozent, der 18 bis 40-jährigen blieb deen Wahlen im Herbst fern. Gut zwei Drittel der städtischen Jugend, 68 Prozent, und fast die gesamte Jugend auf dem Land, 91%, äußern in Umfragen, dass sie "kein Vertrauen" in die politischen Institutionen und ins politische System haben.

Viele der Jüngeren nach wie vor in einer Misere. Beinahe jeder Fünfte der zwischen 15- und 29-Jährigen ist "inactiv" registriert, erwerbslos und auch nicht in einer Ausbildung. Die Arbeitslosenrate ist seit der "Revolution" gestiegen. Lag sie 2007 bei der eben genannten Altersgruppe bei 25 Prozent, so wurde 2012 ein Wert von 35,2 Prozent angegeben. Insgesamt liegt sie derzeit in Tunesien bei 15,2 Prozent.

Es gibt allerdings große regionale Unterschiede, was die Chancen auf eine gute Ausbildung oder einen Arbeitsplatz betrifft. Im Hinterland, zum Beispiel in Sidi Bouzid und Kasserine, den Orten, wo sich 2010/2011 der Aufstand gegen die Regierung Ben Alis Bahn brach, sind die Chancen besonders schlecht. Unverändert. Mit der Frage "Tunesien, was hast du nur mit deiner Jugend gemacht?", kommentiert eine Lehrerin auf einem kritischen Webportal die Situation. Ihre Kritik lässt sich leicht zusammenfassen: Man hat die Jugend mit Worten abgespeist.

Man habe die letzten Jahre vor allem mit Diskussionen über das gesellschaftliche Modell in Tunseien verbracht, wichtige Kontroversen zwischen Islamisten und Säkularen geführt, die individuelle Freiheit gegen eine sicherheitsbetonte Politik verteidigt - aber bei all diesen Auseinandersetzungen habe man die Wirtschaft und die wirtschaftliche Entwicklungen in den Hintergrund gedrängt, so das Fazit Thameur Mekkis.

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