Tunesien: "Weltweit größter Exporteur von Dschihadisten"

Zum Attentat in Tunis bekennt sich der IS. Sicher ist, dass er aus einer großen Menge tunesischer Dschihadisten schöpfen kann

Das gestrige Attentat in Tunis (Nach Attentat: Ausnahmezustand in Tunesien) wurde von einem Mann mit einem Sprengstoffgürtel ausgeführt. So viel steht laut Innenministerium fest. Der Mann selbst wurde noch nicht identifiziert.

Bei dem Sprengstoff soll es sich um den Plastiksprengstoff Semtex handeln. Im Ministerium weist man darauf hin, dass die Behörden 2014 einige Sprengstoffgürtel mit Semtex aufgegriffen hätten, die aus Libyen stammten.

Mittlerweile hat der Islamische Staat ein Bekennerschreiben zum Anschlag auf den Bus mit 12 Mitgliedern der Präsidentengarde in Umlauf gebracht. Das muss aber nicht der tatsächlichen Urheberschaft entsprechen. Der IS zielt gerade auf Aufmerksamkeit durch Attentats-Bekenntnisse. Was für eine Täterschaft aus dem Kreis der IS-Milizen spricht, ist ihre Präsenz im benachbarten Libyen. Dort haben die IS-Dschihadisten die Stadt Sirte unter Kontrolle.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Anschlag in Tunesien ein "hausgemachter" ist, ist beträchtlich. Der Experte für den "frankophonen Dschihad", David Thomson, bezeichnet Tunesien als den weltweit größten Exporteur von Dschihadisten - in absoluten Zahlen wie auch im Verhältnis zur Einwohnerzahl.

5.000 Tunesier sind nach Angaben des amerikanischen Homeland-Ministeriums in den Dschihad gezogen. Laut UN sind 4.000 Tunesier im Dschihad in Syrien, 1.000 bis 1.500 kämpfen in Libyen. Auch im Irak, in Mali und im Jemen sind sie, allerdings in weitaus geringerer Stärke, bei Kämpfen dabei.

Interessant und damals außerhalb des Touristenlandes wenig beachtet: Zwischen 2012 und 2014 kam es zu einer Welle von "Berufungen". Es war die Zeit der Regierung der islamistischen Ennahda-Partei (vgl. Tunesien: Gefahr durch Dschihadisten). Die Zahlen der Rekrutierungen sind während dieser beiden Jahre enorm angestiegen, so Thomson. Politiker und große Teile der Öffentlichkeit hätten es aber vorgezogen, dass Phänomen zu ignorieren oder zu verleugnen. Man gab sich überzeugt, dass es sich um ein "Epiphänomen" handele, dass dies also keine weitere kausale Auswirkungen habe.

Dem stünden aber andere Phänomene gegenüber, so der Experte. So hätten die tunesischen Sicherheitskräfte seit 2012 mehr als hundert Opfer unter den durch Kämpfe mit al-Qaida und anderen dschihadistischen Gruppierungen zu beklagen.

Laut UN sollen über 625 tunesische Kämpfer in ihr Land zurückgekehrt sein. Etwa die Hälfte soll in Gefängnissen sitzen, die andere unter Aufsicht der Justizbehörden stehen. Mit der staatlichen Aufsicht stehe es nicht zum Besten, so der Experte.

Die tunesische Regierung hat gestern beschlossen, die Grenze nach Libyen für 15 Tage zu schließen. (Thomas Pany)

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