Twitter-Bots gegen Corona-Maßnahmen

Fast die Hälfte der Konten, die Coronavirus-Tweets teilen, sind wahrscheinlich Bots

Wenn auf Twitter Informationen zum Coronavirus verbreitet werden, ist jedes zweite Konto das eines Bots. Das haben Forscher der Carnegie-Mellon-Universität herausgefunden. Mehrheitlich wurden von Bots vor allem Tweets geteilt, die auf eine Lockerung der Corona-Beschränkungen abzielten.

Für die Studie durchforsteten die Forscher mehr als 200 Millionen Tweets seit Januar, in denen über Coronavirus oder COVID-19 diskutierte wurde. Dabei verhielten sich etwa 45% der Konten eher wie Bots. Die Studie ergab zudem, dass 82 Prozent der 50 einflussreichsten Retweeter und 62 Prozent der 1000 besten Retweeter wahrscheinlich Bots sind. Bot-assistierte menschliche Konten erzeugen 66% der Tweets. Konten, bei denen es sich definitiv um Bots handelt, erzeugen 34% der Tweets.

"Wir sehen doppelt so viel Bot-Aktivität, als wir aufgrund früherer Naturkatastrophen, Krisen und Wahlen vorhergesagt hatten", sagt Kathleen Carley, Informatik-Professorin an der Carnegie Mellon Universität. Das liege daran, dass mehr Menschen Zeit haben, um Do-it-yourself-Bots zu kreieren. Aber auch die Zahl der Gruppen, die Firmen mit dem Betrieb von Bot-Accounts beauftragen, habe zugenommen. Außerdem spiele die Art der Pandemie eine Rolle. "Da es sich um eine globale Bedrohung handelt, wird sie von verschiedenen Ländern und Interessengruppen als eine Gelegenheit genutzt, politische Agenden zu erfüllen", sagt Carley.

Es wurden mehr als 100 Arten von falschen COVID-19-Geschichten identifiziert, z.B. solche über mögliche Heilmittel, über Krankenhäuser, die mit Schaufensterpuppen gefüllt sind oder Tweets, die die Verbreitung des Coronavirus durch 5G-Funkmasten in Verbindung brachten. Gegen Corona-Maßnahmen sind vor allem Bots, sie dominieren die Tweets über die Beendigung des Lockdowns bzw. der "Wiedereröffnung Amerikas".

"Verschwörungstheorien verstärken die Polarisierung in Gruppen. Das ist das Ziel vieler Fehlinformationskampagnen", sagte Carley. "Die Menschen haben echte Sorgen um die Gesundheit und die Wirtschaft, und die Menschen nutzen dies aus, um Spaltungen zu schaffen". Das berge die Gefahr, dass extremere Meinungen vertreten werden, was wiederum zu extremerem Verhalten und weniger rationalem Denken führen könne.

Im Vereinigten Königreich haben etwa in den letzten Monaten einige Leute mehr als 100 5G-Türme in Brand gesteckt, da sie glaubten, dass die neue Mobilfunktechnologie das Virus verbreitet oder der Lockdown eine Tarnung für die Einführung von 5G ist.

Bot Hunter

Fraglich bei solchen Studien ist die Analysemethode zur Erkennung eines Bots. Welche Kriterien werden angewendet, um zwischen einem menschlichen Konto und dem eines Bots unterscheiden zu können? Häufig wurden menschliche Accounts fälschlicherweise als Bots identifiziert, wenn etwa das Machine-Learning-gestützte Analysetools "Botometer" der Indiana University Bloomington verwendet wurde. Es wurde 2014 unter dem Namen "Bot or Not" entwickelt und soll etwa 1200 Kriterien umfassen. Dennoch konnte letztes Jahr eine Untersuchung der Twitter-Accounts deutscher Politiker mittels dem Botometer die Schwächen des Tools herausfinden.

Carleys Forschungsteam verwendet nicht den Botometer, sondern ein eigenes Tool, den Bot-Hunter, den sie mitentwickelt hat. Es soll differenzierter als der Botometer arbeiten. Bot-Hunter nutzt mehrere Methoden, um festzustellen, wer ein Bot ist und wer nicht. Dazu zählen Kontoinformationen, die Anzahl der Follower, die Häufigkeit des Twitterns und insbesondere wie oft der Twitter-Nutzer von anderen auf der Plattform erwähnt ("Mentions") wird.

Häufiger zu twittern, als es menschlich möglich ist oder oft aus verschienden Ländern zu tweeten, ist ein Hinweis auf einen Bot", sagte Carley. Ein weitere Indikator seien abgestimmte Zeitpunkte, an denen getweetet werde. "Wir achten auch auf die Verwendung genau desselben Hashtags, das scheinbar von einem Bot zum nächsten kopiert und eingefügt wird."

Für den Datenanalysten und Twitter-Experten Luca Hammer sind "Social Bots verlockend simple Lösungen für komplexe Probleme". Im Magazin Spektrum spricht er von einem "diskursiven Herrschaftsinstrument", wenn Menschen wegen bestimmter Inhalte oder Verhaltensweisen zu Bots degradiert würden. Dann müsse man sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen.

Stattdessen solle man die Tatsache anerkennen, dass es tatsächlich eine Menge Leute gibt, die extreme oder menschenverachtende Positionen vertreten, ohne deshalb gleich Teil einer gesteuerten Propagandakampagne zu sein. "Das ist für eine demokratische Gesellschaft natürlich unangenehmer, als wenn man einfach sagt, dass zwei Personen 100 000 Bots erstellt und dann auf uns losgelassen haben", sagt Hammer.

Twitter reagiert

Twitter hat in den vergangenen Wochen einige dubiose Informationen zum Coronavirus gelöscht, etwa Behauptungen zum Zusammenhang zwischen der Pandemie und der 5G-Technologie. Entfernt wurden allerdings auch zwei Tweets des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der Quarantäne-Maßnahmen infrage gestellt hatte.

Als Reaktion auf die Ergebnisse von Carnegie Mellon Universität verwies ein Twitter-Sprecher auf frühere Aussagen des Unternehmens und argumentierte, dass der Begriff Bot zur Beschreibung einer Vielzahl von Verhaltensweisen auf der Plattform verwendet werden kann, die nicht alle gegen die Regeln von Twitter verstoßen.

"Menschen beziehen sich oft auf Bots, um alles Mögliche zu beschreiben, von automatisierten Kontoaktivitäten bis hin zu Personen, die aus persönlichen oder Sicherheitsgründen lieber anonym bleiben oder ein Foto vermeiden möchten, weil sie starke Bedenken bezüglich ihrer Privatsphäre haben", sagte der Twitter-Sprecher und fügte hinzu, dass die Beschreibung eines Kontos als Bot von "Personen in politischen Machtpositionen eingesetzt werden kann, um die Ansichten von Personen zu trüben, die mit ihnen nicht einverstanden sind, oder die öffentliche Meinung im Internet, die nicht günstig ist".

Twitter habe bereits Tausende von Tweets mit irreführenden oder potenziell schädlichen Informationen über das Coronavirus entfernt. Seine automatisierten Systeme hätten 1,5 Millionen Konten, die auf Diskussionen über COVID-19 abzielten, mit bösartigem oder manipulativem Verhalten überprüft. (Bulgan Molor-Erdene)