U.S. Airforce presents: "The Power of Decision"

Wie sich die US-Luftwaffe in den 1950er Jahren den Dritten Weltkrieg vorstellte

Etwa 1958, noch bevor sich im Kino ein britischer Geheimagent auf Abwenden von Atomkriegen spezialisierte und Stanley Kubrick mit "Dr. Seltsam" die finale Verwüstung des Planeten visualisierte, brachte die US Airforce das Szenario eines nuklearen Schlagabtauschs auf die Leinwand - jedoch nur hausintern. In dem nunmehr für die Öffentlichkeit freigegebenen Film ist aus militärischer Perspektive zu sehen, wie sich die Militärs im Kommandoraum einen Luftangriff der Sowjetunion auf die NATO vorstellten, zu dem die Sowjets ab 1960 in der Lage seien, und wie ein solcher zu kontern sei. Alle Spezialeffekte sind echt.

Zu Beginn des Films The Power of Decision begrüßt ein drahtiger Militär die Zuschauer in einem unterirdischen Bunker, einer Art Vorläufer des legendären Cheyenne Mountain, oder wo immer das Kommando eines Atomkriegs geführt werden sollte. Dem Zeitgeist der 50er Jahre entsprechend, als es auch im US-TV keine Schwarzen zu sehen gab, bedient auch der Airforce-Lehrfilm sein militärisches Publikum ausschließlich mit gut frisierten weißen Uniformträgern. (Sogar das Pentagon hatte für Schwarze eigens separate Toiletten vorgesehen.) Auch Rauchen am Arbeitsplatz war seinerzeit in den USA korrekt. Stolze männliche Militärs hantieren mit langen Zeigestöcken in riesigen Kartenräumen, sprechen in silberne Mikrofone oder schwarze und rote Bakelit-Telefone. Voller Stolz erklärt der Sprecher, dass die Militärs sogar interne TV-Systeme verfügen. Zeichentrickaufnahmen illustrieren die Flugrouten der Angreifer und die für den Gegenschlag.

Dem fiktiven Angriff der Sowjets fallen Ziele in Deutschland und Japan zum Opfer. Emotionslos befolgen die Kommandeure die Pläne, die Luftkrieger besteigen diszipliniert ihre Maschinen und heben ab, um tödliche Fracht über Feindesland abzuwerfen. Parallel werden ebenso willenlose Raketen gestartet. Zwischen die Spielszenen sind Aufnahmen von Atomtests geschnitten, welche die Verwüstung des nuklearen Feuers am Boden zeigen. Spannende Luftkämpfe sieht man nicht. Wie bei einem Sportereignis werden den Vorgesetzten die Zahlen der getroffenen Ziele in Tabellen präsentiert. Nicht weniger zynisch fasst ein Militär die eigenen Verluste der bombardierten Städte in den USA zusammen, um dann festzustellen, der Präsident und die Chiefs des Vereinigten Generalstabs seien an einem sicheren Ort. Man habe zwar den verheerenden Angriff nicht abwehren können, jedoch folgt auf den ersten Verteidigungsschlag auf militärische Ziele nun der Vergeltungsschlag.

Leichen und Verletzte erscheinen in dem Film nur in Form von Zahlen. Das Wetter ist durchweg angenehm sonnig, bisweilen wärmt eine kleine Sonne auch auf Erden. Mit Ausnahme eines Zivilisten, der sein Kind im Arm hält, sind Menschen nicht zu sehen, sondern nur seelenlose männliche Uniformträger, die vermutlich nach Dienstschluss zu ihrem 50er-Jahre-Einfamilienhaus mit Vorgarten in einer damals modernen Vorortwohnsiedlung fahren, wo die treue Ehefrau im Petticoat mit den Kindern zum Abendbrot wartet.

Aus der formulierten Botschaft des Films, einen Nuklearkrieg gegen einen ebenbürtigen Gegner könne man nicht "gewinnen", lassen sich aus militärischer Sicht nur zwei Schlüsse ziehen: Gemäß der Spieltheorie muss man für den Gegner erkennbar in der Lage sein, einen unvermeidlichen Vergeltungsschlag zu garantieren, damit der Angriff sich nicht lohnt. Oder man muss den Gegner mit einem Präventivschlag vernichten, bevor er zum Gegenschlag in der Lage ist.

Letzteres war das Credo des ultrarechten Airforce-Generals Curtis LeMay, der das die Atombomben verwaltende Strategic Air Command aufgebaut hatte. LeMay hatte im Zweiten Weltkrieg den Luftangriff auf Tokio kommandiert, bei dem in einer Nacht 100.000 Menschen starben, sowie die Abwürfe der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Als der Film produziert wurde, glaubte man in den USA, die Sowjets hätten mit ihrem Nuklearpotenzial bis vielleicht 1960 aufgeschlossen. Dem lagen vermutlich die aus der Luft gegriffenen Einschätzungen der CIA über angeblich 500 Atomraketen zugrunde, die schließlich durch die neuen Spionagesatelliten auf ganze 4 herunterkorrigiert werden mussten. Diese Erkenntnis beflügelte die Fantasie führender Militärs, man habe noch ein Zeitfenster, in welchem man das Problem des verhassten Kommunismus ein für alle Mal präventiv lösen könne.

LeMay sprach häufig vom "Sunday Punch", den man den Russen liefern solle, ein Synonym für den finalen K.O.-Schlag beim Boxen. Airforce-Chef LeMay, der es zum zweithöchsten Militär bringen sollte, war 1961 zweifellos Mitunterzeichner des später Präsident Kennedy von dem Generalstab angetragenen, bis heute unter Verschluss gehaltenen Plans, das atomare Potenzial zügig auszubauen, um Ende 1963 die Sowjetunion und China in einem Überraschungsschlag ein für alle Mal atomar präventiv auszulöschen. Der Plan sah vor, die US-Bevölkerung für zwei Wochen in den Schutzräumen unterzubringen, um den zu erwartenden nuklearen Fallout aus der Atmosphäre abzuwarten. Zu sehr viel mehr wären die Zivilschutzräume auch kaum tauglich gewesen.

Auch die spätere Kuba-Krise wollte LeMay durch die Atomwaffe lösen, sogar noch nach deren Beilegung. Man ließ ihn sein Handwerk schließlich in Vietnam verrichten. Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär trat LeMay 1968 mit George Corley Wallace Jr. in der neugegründeten ultrarechten "American Independent Party" zur Präsidentschaftswahl an, wobei er den Einsatz der Atombombe gegen Vietnam propagierte.

Der nun von der Airforce freigegebene Film wurde vom National Security Archive der George Washington University digitalisiert und kommentiert. Soweit bekannt, ist dieser wohl als Ausbildungsfilm gedachte Streifen der erste und einzige, in welchem das Militär den Dritten Weltkrieg auf der Leinwand inszenierte. In den 80er Jahren griff Hollywood das Thema mit The Day After auf, der sich nicht etwa die selbstreferenzielle Welt des Militärs beschränkte, sondern echte Menschen zeigte. Der damalige Präsident Ronald Reagan soll sich nach einer Vorführung erstmals des tatsächlichen Schreckens des Nuklearkriegs bewusst geworden sein. An seinem Plan, die Pershing II als aus sowjetischer Sicht nuklearer Erstschlagswaffe zu stationieren, änderte dies nichts. (Markus Kompa)

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