UK: Johnson zieht Ausgangsbremse an, U-Bahn trotzdem voll

Grafik: TP

Der Liberation zufolge soll der französische Staatspräsident Druck auf den britischen Premierminister ausüben

Im Vereinigten Königreich hat Premierminister Boris Johnson gestern Abend in einer Fernsehansprache eine Verschärfung der aufgrund der Covid-19-Epidemie verhängten Ausgangsbeschränkungen verkündet, die vorerst für die kommenden drei Wochen gelten soll. In dieser Zeit sind öffentliche Zusammenkünfte von mehr als zwei Personen, die nicht in einem gemeinsamen Haushalt leben, strafbewehrt verboten - auch solche in Kirchen oder Moscheen und auf Spielplätzen.

Von den Geschäften dürfen nun, wie in vielen anderen europäischen Ländern und Regionen, nur noch solche öffnen, die man als überlebensnotwendig ansieht - vor allem Lebensmittelläden und Apotheken. Das Haus verlassen sollen die Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren nun nur noch zum Einkaufen in solchen Läden, für Arztbesuche, oder für "absolut notwendige" Arbeitswege.

Bis letzte Woche wurde das Konzept einer "Herdenimmunität" verfolgt

Bilder in britischen Zeitungen veranschaulichen heute, dass U-Bahnen und Busse trotz dieser Beschränkungen voll waren, weshalb die Fahrgäste dort die zum Infektionsschutz nötigen eineinhalb Meter Abstand zu anderen Personen häufig nicht einmal annähernd einhalten konnten. Einen Mundschutz tragen auf diesen Bildern die allerwenigsten. Das deutet darauf hin, dass die Maßnahme in London weit weniger gut greift als in München, wo zur Berufsverkehrsstoßzeit am Montag früh sogar in den sonst hoffnungslos überfüllten U-Bahn-Linien 3 und 6 noch Platz war (was die MVG gleich dazu bewog, "Verstärkerzüge" zu streichen).

Wie die britische Regierung darauf reagieren wird, ist noch offen. Bis letzte Woche setzte sie nicht auf eine Verzögerung der Massenansteckung, sondern auf das Konzept einer "Herdenimmunität" (vgl. Britische Regierung verfolgt nicht mehr die Strategie der Herdenimmunität). Dass sie dann doch Schulen und Gaststätten schloss, soll der Liberation zufolge mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron zu tun gehabt haben, der einem nicht namentlich genannten Informanten aus dem Elysee-Palast nach angeblich drohte, andernfalls die Grenze zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich komplett zu schließen.

"Option, Leute weitgehend sozial zu isolieren, bis ein Impfstoff gefunden ist, der funktioniert […], setzt enorme Restriktionen voraus"

Andere Medien gehen davon aus, dass Modellrechnungen des Epidemiologen Francois Balloux und anderer Wissenschaftler eine maßgebliche Rolle bei Johnsons Sinneswandel spielten (vgl. Computermodell zur Corona-Krise). Im Interview mit Technology Review führt Balloux aber auch aus, dass seiner Einschätzung nach alle Wege zum Umgang mit Covid-19 gravierende Nachteile haben. Denn die "Option, Leute weitgehend sozial zu isolieren, bis ein Impfstoff gefunden ist, der funktioniert […], setzt enorme Restriktionen voraus" (vgl. Modell zur Corona-Krise: Schrecken ohne Ende oder Ende mit Schrecken?).

Außerdem ist Balloux zufolge noch nicht klar, ob und wann ein Impfstoff gefunden wird. Als vielversprechend gilt unter anderem der Ansatz der Tübinger Biotech-Firma CureVac. Sie arbeitet mit Messenger-RNA-Botenmoleküen (mRNA), die Zellen direkt mit Informationen zur Bekämpfung bestimmter Viren versorgen, ohne dass das Virus zuvor zeitaufwendig "kastriert" und in Hühnereiern vermehrt werden muss. Beim CV7202-Impfstoff gegen Tollwut funktioniert das so gut, dass Firmensprecher Thorsten Schüller für den Frühsommer mit dem Beginn von Covid-19-Tests und für den Herbst mit möglichen Ergebnissen rechnet.

Dass dieser Ansatz Potenzial hat dürfte eine Rolle bei der schnellen Verbreitung der von der Welt am Sonntag unter Berufung auf "Regierungskreise" kolportierten Falschnachricht gespielt haben, US-Präsident Donald Trump versuche, CureVac zu kaufen und die Forschungsergebnisse exklusiv Amerikanern zur Verfügung zu stellen. CureVac dementierte das umgehend und stellte klar, weder von der US-Regierung noch von einer ihr angegliederten Institutionen, ein solches Angebot erhalten zu haben. Kern der in der deutschen Massenmedienlandschaft bereitwillig aufgegriffenen Ente war anscheinend eine Veranstaltung im Weißen Haus, bei der Vertreter vieler Pharmafirmen lediglich über den Stand ihrer Forschungen informierten.

CureVac ist auch nicht das einzige Unternehmen, das sich auf der Suche nach einem Covid-19-Impfstoff mit mRNA beschäftigt. Die Mainzer BioNTech hat sich dazu am 17. März mit dem amerikanischen Pharmakonzern Pfizer und dem chinesischen Unternehmen Fosun verbündet. Die klinischen Tests dieser Drei könnten sogar schon im April beginnen, wenn alles so läuft, wie sie sich das vorstellen. (Peter Mühlbauer)