UNHCR zählt mehr als vier Millionen Syrien-Flüchtlinge

Keine Aussicht auf eine friedliche Beilegung des Mehrfrontenkriegs: die Flüchtlinge benötigen mehr Mittel, die Aufnahmeländer in der Nachbarschaft sind an den Grenzen ihrer Kapazitäten

Der Krieg in Syrien hat inzwischen über 4 Millionen Personen dazu getrieben, ihr Land zu verlassen. Mindestens 7,6 Millionen haben ihren Wohnort aufgegeben, um als Binnenflüchtlinge eine sichere Zuflucht innerhalb des Landes zu suchen. Diese Zahlen hat das das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR heute bekannt gegeben.

Man habe es mit der größten Flüchtlingspopulation seit einer Generation zu tun, so der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, António Guterres. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts flüchteten mehr als 4,6 Millionen Afghanen ihre Heimat.

Die Aussichten, dass der syrische Mehrfrontenkrieg in absehbarer Zeit beigelegt wird, stehen schlecht, die afghanische "Rekordmarke" könnte, hochgerechnet nach der derzeitigen Entwicklung, schon im nächsten Jahr erreicht werden. Vor zehn Monaten meldete das UNHCR drei Millionen Flüchtlinge aus Syrien.

Schon gegenwärtig dürfte die genaue Zahl der syrischen Flüchtlinge höher liegen als die genannten, weil zum Beispiel die 270.000 Asylanträge, die Syrer in Europa gestellt haben, nicht hinzugerechnet wurden. Warum sie nicht zu den Flüchtlingen gerechnet wurden, darüber gibt die UNHCR-Mitteilung keine Auskunft.

Herauszulesen ist aber das ins Auge springende enorme Problem: Die meisten Flüchtlinge sind mittellos. Sie sind mit Kindern unterwegs und müssen versorgt werden, der Großteil findet Aufnahme in den Nachbarländern: 1,8 Millionen hat die Türkei aufgenommen, knapp 1,2 Millionen der Libanon, etwa 600.000 Jordanien, 250.000 der Irak und 130.000 in Ägypten, rund 24.000 Syrer haben in anderen nordafrikanischen Staaten Zuflucht genommen.

Man habe keine ausreichenden Geldmittel für die Versorgung der Flüchtlinge, so der UNHCR. Benötigt würden für dieses Jahr 5,5 Milliarden US-Dollar, bis zur Jahresmitte habe man gerade mal ein Viertel davon empfangen. Dies führe dazu, dass man bei der Ernährung und der medizinischen Versorgung weiter kürzen müsste, eine bittere Konsequenz aus der "Spendenmüdigkeit" angesichts der ohnehin miserablen Situation der Flüchtlinge.

Die Flüchtlingspolitik brauche ein Umdenken, fordert daher ein Artikel in der Washington Post.

Integrieren statt draußen warten lassen

Bei den gegenwärtigen Konflikten, wie in Syrien und im Jemen oder bei den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine zu erkennen, sind Lösungen, die sie beenden könnten, nicht in Sicht. Das mache die herkömmliche Grundannahme der Flüchtlingshilfe, wonach man die Geflüchteten übergangsweise versorge, bis sie in ihr Land zurück können, obsolet.

Besser wäre es, so Adam G. Lichtenheld, die Hilfen darauf auszurichten, dass sie sich möglichst gut in das Aufnahmeland integrieren könnten. Dass sie dort arbeiten, Geld verdienen und selbstständig für sich selbst sorgen können. Problematisch ist allerdings, dass der weit überwiegende Teil der Flüchtlinge, 86 Prozent, von Entwicklungsländern aufgenommen wird; die Möglichkeiten, Arbeit zu finden, sind nicht rosig.

Demgegenüber stehe, dass sich unter Flüchtlingen, die jahrelang in Zeltlagern außerhalb der Städte untergebracht werden, ohne Möglichkeiten zur Arbeit oder zu einer guten Ausbildung, eine ganze Generation von Verlorenen heranwachse. Dass es in den Ländern, die so große Mengen von Flüchtlingen aufnehmen konnten, nicht zu den Konflikten gekommen ist, die man zunächst befürchtet hatte, wird von dem Experten der Washington Post, als Hoffnung gesehen, dass eine behutsame Eingliederung möglich wäre. (Thomas Pany)