US-Flugzeug soll Drohnenangriff auf den russischen Stützpunkt Khmeimim gesteuert haben

Eine der im Januar abgefangenen bewaffneten Drohnen, die nur ganz gezielt gegen Personen oder Sachen Schaden hätten anrichten können. Bild: mil.ru

Moskau beschuldigt die USA, im Januar einen Schwarm bewaffneter Drohnen von "Terroristen" aus Idlib übernommen und einen gescheiterten Angriff versucht zu haben

Am 6. Januar wurden nach russischen Angaben die russischen Stützpunkte in Khmeimim und Tartus von bewaffneten Drohnen angegriffen. Zunächst war das Militär davon ausgegangen, dass es sich um Drohnen handelt, die von islamistischen oder anderen Oppositionsgruppen gesteuert und mit Bomben mit jeweils 400g PETN-Explosivstoff ausgestattet wurden. Das Verteidigungsministerium warnte, dass nun solche Angriffe in allen Ländern stattfinden könnten. Drei Tage später wurde dann berichtet, dass zur Zeit der Drohnenangriffe ein amerikanisches Spionageflugzeug des Typs Poseidon mehrere Stunden über dem Mittelmeer kreuzte. Das sei eine "seltsame Gleichzeitigkeit", hieß es aus dem russischen Verteidigungsministerium noch vorsichtig.

Als erste hatten IS-Kämpfer im Irak und in Syrien mit Sprengstoff oder Granaten ausgestattete Drohnen verwendet, um Gegner anzugreifen. Das geschah in unmittelbarer Nähe. Das russische Militär ging aber hier schon zwei Tage später davon aus, dass die "Terroristen" dazu alleine nicht der Lage gewesen wären und von einem "Land mit hohem technischem Potenzial" mit Satellitennavigation unterstützt worden seien, um die selbstgebastelten bewaffneten Drohnen aus der Ferne ins Ziel zu bringen. Das amerikanische Militär wies jede Mitwirkung zurück und sagte, dass jeder überall die verwendete Technik kaufen könne (Wer steckt hinter den Drohnenangriffen auf russische Militärbasen?).

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums hatte ein Schwarm von 10 Kampfdrohnen den Stützpunkt Khmeimim und 3 den in Tartus angegriffen. 7 Drohnen seien mit dem Pantsir-Luftabwehrsystem abgeschossen worden, 6 habe man mit elektronischer Kriegsführung zum Landen gebracht, um sie zu untersuchen. Aus den Daten habe man erschließen können, wo die Drohnen gestartet worden seien. Man habe die Gruppe, die sich an der Westgrenze von Idlib befunden habe, mit Krasnopol-Präzisionsgranaten vernichtet, erklärte das russische Militär (Russland meldet Erfolg gegen Drohnenterroristen in Syrien).

Dann wurde es erst einmal still um den Vorfall. Jetzt hat Vizeverteidigungsminister und Generalleutnant Alexander Fomin auf einer Tagung in China den Vorfall am Donnerstag im Rahmen eines Vortrags über Terrorismus wieder aufgegriffen. Die Drohnen, so sagte er explizit, seien von dem gut ausgestatteten Poseidon-Spionageflugzeug manuell gesteuert worden. Als Drohnen auf "elektronische Gegenmaßnahmen" der Russen trafen, seien sie ein Stück zurückgeflogen und auf manuelle Steuerung umgestellt worden. Das hätten nicht Dorfbewohner gemacht, sondern das sei von der Poseidon-Maschine erfolgt. Sie seien dann vom Weltraum aus gesteuert und unterstützt worden, "sogenannte Löcher zu finden, in die sie einzudringen suchten. Dann wurden sie zerstört."

Das müsse beendet werden, forderte Fomin: "Um zu vermeiden, mit den Hightech-Waffen von Terroristen und hoch ausgerüsteten Terroristen zu kämpfen, ist es notwendig aufzuhören, sie mit Ausrüstung auszustatten." In dem Kontext ist klar, dass damit die USA gemeint sind. Falls es zutrifft, dass das US-Militär bei dem Drohnenangriff der Gruppe aus Idlib geholfen hat, wäre dies der erste bekannt gewordene amerikanische Angriff auf Russen in Syrien, auch wenn er verdeckt durchgeführt wurde. Es wäre eine gefährliche Eskalation des Konflikts.

Drohnen zum Testen der russischen Flugabwehr?

Ein Experte wird von Tass zitiert, der die Deutung übernimmt. Igor Korotchenko erklärt, der Schwarmangriff habe drei Ziele verfolgt, abgesehen davon, dass die Amerikaner davon ausgegangen seien, dass er nicht entdeckt wird: Es sollte das Luftabwehrsystem ausgekundschaftet und radio-elektronische Erkundung der elektronischen Abwehrsysteme, sobald sie von den Drohnen aktiviert wurden, durchgeführt werden, dazu sollten russischen Soldaten in Syrien Schaden zugefügt werden. Eine erfolgreiche Mission hätte dem Image Russlands geschadet, was zur Schwächung der russischen geopolitischen Positionierung hätte verwende werden können.

Der Kreml schaltete sich ein, Pressesprecher Peskow erklärte, man habe alle Daten analysiert und die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen, bevor man das US-Militär dafür verantwortlich mache. Er sprach von einem "sehr alarmierenden Bericht". Putin könne das Thema ansprechen, wenn er sich am 11. November mit Trump in Paris trifft.

Die Frage ist, warum Moskau das Thema jetzt wieder aufgreift und direkt die USA beschuldigt. Möglicherweise ist eine Reaktion auf den angekündigten Ausstieg der USA aus dem INF-Vertrag. Aber das ist eher unwahrscheinlich, schließlich wurde der Eindruck nach dem Besuch von John Bolton in Moskau erweckt, dass sich Russland und Putin hier einigen oder einen neuen Vertrag schließen könnten. Auch ein Zusammenhang mit dem gerade begonnenen Nato-Großmanöver Trident Juncture mit 50000 Soldaten in Norwegen liegt nicht nahe. Die Bundeswehr stellt mit fast 10.000 Soldaten und über 4.000 Fahrzeugen nach den USA das zweitgrößte Kontingent.

Wahrscheinlich sieht man die Behauptung, dass die USA mit den "Terroristen" in Idlib bei dem Drohnenschwarmangriff auf russische Stützpunkte kooperiert haben sollen, als nützliches Argument beim anstehenden Treffen Russlands, Frankreichs, Deutschlands und der Türkei über eine Friedenslösung in Syrien, die Rückkehr der Flüchtlinge, den Wiederaufbau und den Umgang mit Idlib, das noch von Islamisten und Oppositionsmilizen kontrolliert wird. Syrien und Russland hatten mit der Türkei ein Abkommen geschlossen und die geplante Offensive bislang ausgesetzt. Idlib soll abgeschlossen werden und die Türkei dafür sorgen, dass die nicht Ankara-hörigen Islamisten vor allem der HTS, früher al-Nusra, in die türkisch geleitete NLF übertreten, ihre Waffen niederlegen oder abziehen, wobei es allerdings kein Gebiet mehr gibt, in das sie gehen könnten. In letzter Zeit werden vermehrt Angriffe auf HTS-Führer berichtet. Vermutlich versucht der türkische Geheimdienst, das Problem auch auf diese Weise zu lösen.

Russland und die Türkei werden versuchen, die USA weiter an den Rand zu stellen. Obgleich in den Kurdengebieten neben US-Soldaten auch französische Einheiten operieren, dürfte die Zielrichtung sein, einen weiteren Zerfall Syriens und vor allem zu verhindern, dass ein amerikanischer Teil oder ein Kurdenstaat entsteht. Faktisch besteht bereits eine Dreiteilung in die von syrischen, iranischen und russischen Soldaten kontrollierten Gebiete, in die von der Türkei mit ihren arabischen und islamistischen Milizen kontrollierten Gebiete und in die von den Kurden mit amerikanischen und französischen Soldaten kontrollierten Gebiete. (Florian Rötzer)

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