US-Regierung soll "vermuten", dass Russen syrische Stellung angriffen

US-Medien berufen sich auf eine anonyme Quelle in Washington

Am Montag beschuldigte die syrische Regierung die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition, bei einem Luftangriff mit vier Flugzeugen und neun Raketen auf eine Armeestellung in der Provinz Deir ez-Zor mindestens drei syrische Soldaten getötet, weitere 13 verletzt sowie sieben Fahrzeuge und ein Waffen- und Munitionsdepot zerstört zu haben (vgl. Syrien wirft US-geführter Koalition Angriff auf Regierungstruppen vor).

Das Portal Euronews berief sich in einer ersten meldung zu diesem Vorwurf auf eine Stellungnahme der "amerikanischen Streitkräfte", der zufolge es sich dabei um einen "versehentlichen Angriff" gehandelt hat, der eigentlich der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) galt. Später wurde die Meldung geändert. Statt von einem "Versehen" ist nun von einer "Zurückweisung" der Vorwürfe die Rede. In der "sprechenden" URL der Meldung ist der Ursprungstitel aber noch sichtbar. Bei Euronews war gestern niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Später wies Oberst Steve Warren, ein Sprecher dieser Koalition, die Beschuldigung der syrischen Regierung mit der Begründung zurück, man habe gestern "in diesem Teil Deir ez-Zors" gar keine Luftangriffe geflogen. Die einzigen Angriffe in der Provinz hätten am Sonntag einem Ölbohrturm gegolten, der 55 Kilometer entfernt gewesen sei - und dort hätten sich keine Menschen aufgehalten. Allerdings hatte die syrische Regierung gar keinen genauen Ort der Attacke genannt. Warren bezog sich offenbar auf eine Meldung der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, die von vier (und nicht drei) toten Soldaten nach einem Koalitions-Luftangriff auf die Stellung Saeqa in der Nähe der Ortschaft Ayyash sprach, die knapp 20 Kilometer von Provinzhauptstadt entfernt ist.

Am Dienstag meldeten dann mehrere US-Medien unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten Vertreter der Obama-Administration, dort "vermute" man, "dass es die Russen" waren, weil diese in der fast vollständig vom IS kontrollierten Provinz Deir ez-Zor am Sonntag "aktiv" gewesen seien. Die deutsche Bild-Zeitung machte aus dieser angeblichen Vermutung die Schlagzeile: "Es waren nicht US-Jets, es waren Putins Flieger!"

(Halbwegs) aktueller Frontverlauf in der Provinz Hassaka? Grau: Islamischer Staat (IS). Apricot: Syrische Regierung. Gelbgrün: Kurden. Karte: Haghal Jagul. Lizenz: CC0 1.0.

Bei der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, bei der man den Angriff auf die syrischen Soldaten erst als Angriff der Koalition meldete, beruft man sich nun ebenfalls auf einen nicht namentlich genannten Amerikaner, der den Russen die Schuld gibt. Dafür wirft die der syrischen Opposition nahestehende Ein-Mann-Agentur, an der sich in den letzten Jahren viele westliche Medien orientierten, der Koalition jetzt vor, bei einem Luftangriff auf das Dorf al-Chan in der Provinz Hassaka mindestens 26 Zivilisten getötet zu haben - darunter sieben Kinder. 17 Personen würden noch vermisst.

Insgesamt sollen in dem Dorf in der Nähe der Stadt al-Hawl, die die kurdischen YPG-Miliz am 13. November eroberte, weniger als 100 Menschen gelebt haben. In anderen Meldungen zu diesem Ereignis ist sogar von 36 toten Zivilisten die Rede, unter denen sich 20 Kinder befunden haben sollen. Dazu, ob bei dem Angriff auch IS-Terroristen getötet wurden, gibt es unterschiedliche Meldungen. In einigen heißt es, alle Stellungen hätten sich außerhalb des Dorfes befunden, in anderen ist von einem Streit zwischen den Dörflern und den Sunniten die Rede, der dazu geführt habe, dass der IS Verstärkung schickte, die dann den Angriff provozierte.

Das US-Zentralkommando hat angekündigt, den Vorfall zu untersuchen. In einem anderen Vorfall aus dem Januar 2015, als 51 Zivilisten in einem vom IS als Gefängnis genutzten Gebäude in al-Bab bei Aleppo bei einem US-Luftangriff starben, dauern solche Untersuchungen noch an.

Die neue kanadische Regierung hat währenddessen angekündigt, binnen weniger Wochen ihre Flugzeuge aus Syrien und dem Irak abzuziehen. Stattdessen, so Außenminister Stephane Dion, wolle man kurdische Bodentruppen im Nordirak ausbilden - dass sei effizienter als die Luftangriffe, zu denen Kanada ohnehin nur zwei Prozent beigetragen habe.

In Libyen, wo der IS das Gebiet zwischen Wadi Zamzam und Nofaliya kontrolliert, soll der aus dem Irak stammende Terroristenführer Abu Nabil alias "Wisam al-Subaidi" bei einem Luftangriff getötet worden sein. Das geschah angeblich bereits im November, wurde aber erst jetzt vom Pentagon bestätigt. Nabil könnte der Sprecher in einem IS-Propagandavideo gewesen sein, dass die massenhafte Hinrichtung koptischer Christen zeigt.

In Spanien konnte die Polizei solche Bilder möglicherweise verhindern, weil sie in Mataro bei Barcelona und in Pajara auf der Kanareninsel Fuerteventura zwei aus Marokko stammende Terrorverdächtige festnahm. Der 32-Jährige und die 19-Jährige hatten dem Madrider Innenministerium nach direkte Kontakt zu IS-Führungskräften in Syrien und waren in Sachen Terror "hoch qualifiziert", aber nicht in Syrien oder im Irak, sondern in Spanien ausgebildet worden. (Peter Mühlbauer)