US-Streitkräfte entwickeln gegen Russland und China ein Konzept für heimliches Eindringen

Das Pentagon setzt offenbar auf Eskalation des Wettrüstens und will mit einer angeblich neuen "penetrating capability" durch Schaffung von Dilemmata die gegnerische Abwehr ausschalten

Während der Konflikt mit Venezuela systematisch von der Opposition und den USA mit ihrer Koalition der Willigen, inklusive der Bundesregierung, eskaliert wird, um wahrscheinlich am Wochenende den geplanten Regime Change zu starten, bereitet sich das Weiße Haus auf das nächste Treffen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un mit US-Präsident Donald Trump in Nordkorea vor. Trumps Ehrgeiz ist, unbedingt den jahrzehntelangen Konflikt durch die Denuklearisierung Nordkoreas zu lösen, um über seine Vorgänger zu triumphieren.

Um sich bei Kim Jong-un einzuschmeicheln, den er vor dem ersten Treff als "kleinen Raketenmann" bezeichnet hatte, griff er die Wendung auf, indem er sagte, unter Kim könne Nordkorea zu einer wirtschaftlichen Rakete werden. Das wäre gar nicht so abwegig, wenn Nordkorea sein Atomwaffenprogramm beenden und politische und wirtschaftliche Reformen durchführen würde, um das Land zu öffnen und vom Pariah-Status zu befreien.

Bislang aber hat Kim nur theatralisch das unterirdische Atomwaffentestgelände sprengen lassen, das durch den letzten Test sowieso unbrauchbar geworden war. Kaum denkbar ist, dass das nordkoreanische Regime seine Atomwaffen verschrotten wird, sie sind für es eine Überlebensgarantie. Schließlich hat man in Pjöngjang gesehen, wie gegen Staaten, die sich noch nicht aufgerüstet haben, zuletzt gegen Irak, Libyen und Syrien, vorgegangen wird. Schwer vorstellbar, welche Garantien ausgerechnet Donald Trump geben könnte, der deutlich gezeigt hat, dass Verträge für ihn kaum das Papier wert sind, auf denen sie stehen.

Nordkorea und Venezuela verdecken gerade den wirtschaftlichen und militärischen Konflikt zwischen China und den USA. Selbst wenn sich ökonomisch ein Kompromiss finden ließe, was für beide Staaten primär ist, bliebe das Wettrüsten in allen militärischen Bereichen und der Versuch der USA bestehen, China in der asiatischen Region einzudämmen. Schon unter Obama sollten sich die USA geopolitisch auf den asiatischen Raum konzentrieren, Europa und der Nahe Osten wurden in der Konkurrenz der Großmächte als weniger wichtig erachtet. Die Pläne wurden durch die Ukraine und durch den Islamischen Staat erst einmal durchkreuzt.

Beim Kampf um das Südchinesische Meer, wo China sein Gebiet auch in die Regionen ausbauen will, die andere Anrainerstaaten (Vietnam, Philippinen, Indonesien, Südkorea, Taiwan, Japan) für sich beanspruchen, Taiwan soll wieder annektiert werden, geht es auch darum, dass China das Festland gegenüber Angriffen aus der Luft oder vom Meer sichern will. 2013 hatte China, was die USA selbstverständlich für sich in Anspruch nehmen, eine erste "Identifikationszone zur Luftverteidigung" (ADIZ) im Südchinesischen Meer erklärt. Das würde die Vorwarnzeit deutlich erhöhen.

Um die 500 km geht die von China beanspruchte Sicherheitszone ins Südchinesische Meer und überlappt sich mit den ADIZ, die von Japan, Taiwan und Südkorea beansprucht werden. Bei Annäherung an eine ADIZ müssen sich ausländische Flugzeuge identifizieren und den Anweisungen der Luftwaffe folgen, bei Zuwiderhandlung könnten Militärmaschinen abgeschossen werden. Provokativ und demonstrativ ließen die USA am 26. November gleich zwei B52-Bomber durch die erklärte chinesische ADIZ fliegen, ohne sich anzumelden. Peking reagierte nicht, sondern meldete nur, man habe alle genau beobachtet. Kritik, dass die ADIZ einseitig erklärt wurde, hat kaum eine Grundlage, weil die meisten Sicherheitszonen unilateral festgelegt wurden.

China hat in den letzten Jahren stark aufgerüstet, mit Raketen, Drohnen, U-Booten, Flugzeugträgern und militärischer KI-Forschung und Entwicklung (China will erste KI-Kolonie für Unterwasserroboter in der Tiefsee bauen). Dass die USA, deren Militär und vor allem die Marine noch deutlich überlegen sind, nicht deeskalierend agiert, sondern ganz im Gegenteil, machte gerade wieder der Luftwaffengeneral und Stabschef David Goldfein am Dienstag während einer Veranstaltung in der Brookings Institution deutlich. Er erklärte, das Pentagon entwickle gerade ein neues Kriegsführungskonzept, natürlich nur in Reaktion auf die russischen und chinesischen Bedrohungen.

Innerhalb eines Jahres wollen Armee und Luftwaffe unter Einbeziehung der Marine und des Marine Corps ein Konzept entwickelt haben, das aggressiv ist und eine "penetrating capability" einschließt, also eine militärische Möglichkeit, die Abwehr zu überwinden und in das Land einzudringen. Dafür werden nach dem General 135 Milliarden US-Dollar gefordert. Goldfein macht auch klar, was angestrebt wird. Man will "heimlich" (stealth) in das Territorium des Gegners gleichzeitig auf dem Land, in der Luft und in der See eindringen.

Das neueste Stealth-Kampfflugzeug F-35 sei dafür zentral, weil über es alle Informationen innerhalb des gegnerischen Luftraums laufen und die Operationen der Einheiten in Echtzeit verändert werden können. Zugleich protzend und drohend sagte Goldfein: "Wenn China oder Russland oder ein anderer Gegner auf der Welt jemals eine F-35 in ihrem Luftraum sehen sollten, würde ich ihnen gerne eine Botschaft mit zwei Worten senden: We're here. Es heißt nicht: Ich bin hier, eine F-35 wird niemals alleine da sein." Dann wären etwa Truppen auch auf dem Boden und U-Boote im Meer. Das gemeinsame Vorgehen der verschiedenen Streitkräfte soll einen "asymmetrischen Vorteil" durch "gleichzeitige Dilemmata" mit sich bringen. Der Gegner wisse nicht, was er machen soll oder komme zur Einsicht, dass er sich nicht wehren kann.

Das Konzept, das so neu auch wieder nicht klingt und an das Trojanische Pferd in Troja erinnert, soll wohl vor allem auch eine Abschreckungsbotschaft oder Propaganda sein, wie das bei vielen neuen Waffensystemen der Fall ist, deren Existenz und Effizienz sich erst einmal vom Gegner nicht wirklich einschätzen lässt. Nach Goldfein will das US-Militär demonstrieren, dass es präsent ist, die Gegner beobachtet, weiß, was los ist und: "Wir haben bereits eure Abwehr, welche es auch immer sein mag, überwunden." Die Idee soll sein, nicht die Stärken, sondern die Schwächen des Gegners anzugreifen: "Das ist für uns sowohl kulturell als auch technisch eine fundamentale Veränderung." Auch hier muss man sich wundern, wie Militärs ihre Einfälle, um sich wichtig zu machen und Neues zu simulieren, verkaufen wollen.

Letztlich geht es um eine netzbasierte Kriegsführung in Echtzeit, bei der nicht nur Flugzeuge oder U-Boote, sondern auch Bodentruppen "stealth" sein sollen. Das wäre das Neue, fragt sich nur, wie das technisch geleistet werden kann. Die Chinesen bauen gerade die Überwachungsmöglichkeiten aus, aus großen Entfernungen U-Boote tief unter der Meeresoberfläche ausmachen zu können (Chinas gigantischer ELF-Sender in einem dicht besiedelten Gebiet). Gegenüber Nordkorea wurde auch schon lange behauptet, dass amerikanische und südkoreanische Spezialeinheiten trainieren würden, wie sie heimlich ins Land eindringen und die Führung ausschalten können. (Florian Rötzer)

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