US-Wachstum: Ein gigantischer "Bull-whip"-Effekt

Das berauschende Wachstum der US-Wirtschaft im 4. Quartal war fast ausschließlich auf den Lageraufbau zurückzuführen

Oberflächlich betrachtet hätten die USA derzeit einigen Grund zum Feiern. So meldete die Washington Post am Samstag das stärkste BIP-Wachstum seit sechs Jahren, sprach von einer "nachhaltigen Erholung" und erklärte dann auch noch gleich, dass das Konsumentenvertrauen auf den höchsten Stand seit zwei Jahren gestiegen sei. Am Montag kam dann auch noch der viel beachtete Konjunkturindex der US-Einkaufsmanager mit 58,4 Zählern auf dem höchsten Stand seit August 2004 heraus (nach 54,9 Punkten im Vormonat), während Analysten im Schnitt nur mit einem Anstieg auf lediglich 55,5 Punkte gerechnet hatten. Auch die am Freitag veröffentlichten Zahlen zum US-Nationalprodukt waren mit 5,7 Prozent um einen Prozentpunkt höher ausgefallen, als von den Analysten im Schnitt erwartet.

Bei näherem Hinsehen kann dennoch kaum von einer Trendwende gesprochen werden. Denn zum einen handelt es sich bei der genannten Zahl um eine Hochrechnung, die angibt, wie hoch das Jahreswachstum ausgefallen wäre, wenn es in allen vier Quartalen ein derartiges Wachstum gegeben hätte. Noch weniger Grund zur Freude gibt, wie das Wachstum im Detail zustande gekommen ist. Denn rund zwei Drittel des Zuwachses waren auf den Lageraufbau zurückzuführen.

Die Konsumausgaben und die Anlageinvestitionen der Unternehmen hatten hingegen noch weniger stark zugenommen als im Vorquartal; die US-Inlandsnachfrage, die im Vorquartal noch um 2,3 angewachsen war, legte zuletzt also nur noch um 1,7 Prozent zu, was erklärt, warum die geleisteten Arbeitsstunden im abgelaufenen Quartal um ein halbes Prozent zurückgingen.

Der starke Zuwachs war indes abzusehen. Denn nachdem Bestellungen und Lagerhaltung seit dem Ausbruch der Krise überall massiv zurückgefahren wurden, waren die Lager im Herbst dann aber doch zu leer, und es folgte die starke Gegenbewegung, die an dieser Stelle bereits im vergangenen Frühjahr angekündigt worden war (Quo vadis Weltwirtschaft?): Ein gigantischer Bullwhip-Effekt. Dabei handelt es sich um ein schon lange bekanntes Phänomen in unternehmensübergreifender Lieferketten, bei der sich kleine Schwankungen in der Verbrauchernachfrage in Richtung der Zulieferer ("upstream") massiv aufschaukeln, wobei oft schon nach der ersten Stufe - sprich dem Handel – der Zusammenhang mit dem ursprünglichen Bedarf verloren geht und es zu völlig irrationalen Bestellungen kommt.

Wie das aktuell vor sich geht, hat letzte Woche Jim Owens, der Chef von Caterpillar, erklärt. Er hat seinen Lieferanten gerade angekündigt, dass Caterpillar die Bestellmengen in diesem Jahr massiv anheben und beispielsweise mehr als doppelt so viel Stahl ankaufen werde wie 2009 – und das ganz unabhängig davon, ob das Unternehmen selbst wieder mehr verkaufen kann. Denn allein um die Lager der Händler aufzufüllen, müsse Caterpillar in diesem Jahr um 10 bis 15 Prozent mehr produzieren als letztes Jahr. Da Caterpillar aber auch die eigenen Lager aufstocken will, müssten die Zulieferer mit 30 bis 40 Prozent höheren Bestellungen rechnen, selbst wenn Caterpillars Absatz heuer stagnieren sollte. Gingen die Umsätze indes in die Höhe, könnten einige Lieferanten ihre Lieferungen sogar mehr als verdoppeln.

Insgesamt ist die Lagerhaltung in den USA im Verlauf der Krise um mehr als 200 Milliarden Dollar zurückgegangen und hat erst im Oktober erstmals wieder um 4,1 Milliarden USD zugenommen. Im November waren es dann 5,4 Mrd. Dollar, was offenbar gleichzeitig auch zu einer starken Zunahme der Importe geführt hat.

Stark zugenommen haben zuletzt aber auch die Preise von Stahl und Industriemetallen, was der Branchenblog MetalMiner ebenfalls auf den Bull-whip-Effekt zurückführt. Dort rechnet man für 2010 mit erratisch schwankenden Metallpreisen und warnt zugleich, dass die Produzenten nicht mit nachhaltig steigenden Preisen rechnen sollten, so lange die Endnachfrage nicht gegeben sei.

Und daran herrschen weiterhin große Zweifel. Insbesondere ist die Bautätigkeit zuletzt weiter zurückgegangen. Und vorauseilenden Indikatoren wie der Aktivitätsindex der Architekten deuten nicht darauf hin, dass sich hier so schnell etwas ändern könnt. Das spiegelt sich auch bei der Bahnfracht wieder, die als einer der wenigen Konjunkturindikatoren gilt, die weder von Optimismus noch von der Regierung verfälscht werden können. Hier zeigten zuletzt nur chemische und metallische Rohstoffe sowie der Kfz-Transport deutliche Zuwächse, von allen anderen Produktgruppen wurde hingegen weniger transportiert, als ein Jahr zuvor. (Rainer Sommer)

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