US-Wahl: Mehr Sex, Umfragen und Russen

Siegwahrscheinlichkeit und Wahlmänneranzahl in den US-Bundesstaaten. Blau: Clinton. Rot/Rosa: Trump. Orange: McMullin. Karte: Spiffy Sperry. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Trump sieht sich neuen Belästigungsvorwürfen ausgesetzt und twittert gegen Republikaner

Nachdem die Washington Post am 7. Oktober über elf Jahre altes Fernseh-Footage-Material berichtete, auf dem der republikanische Präsidentschaftskandidat im Gespräch mit dem George-W.-Bush-Cousin Billy Bush meint, er würde gerne eine bestimmte Frau mit künstlichen Brüsten begatten und der Vorteil des Prominentendaseins sei es, Frauen begrapschen zu können, verteidigte sich der Milliardär mit der Aussage, das sei lediglich "Umkleidekabinengeschwätz" gewesen, während Hillary Clintons Ehemann Bill tatsächlich übergriffig geworden sei.

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Unterstützung erhielt Trump dabei unter anderem von der konservativen Kolumnistin Ann Coulter, die kritisierte, dass Medien berichteten, Trump habe sexuelle Übergriffe eingeräumt. Tatsächlich habe er mit der Bemerkung "They let you do it" aber deutlich gemacht, dass er Frauen mit deren Zustimmung betatsche. Und dass sei, so Coulter an den Fernsehsender ABC gerichtet "kein Übergriff, ihr Schwachköpfe".

Nun behauptet die heute 74-jährige Jessica Leeds, sie habe 1981 eine haptische Begegnung mit Donald Trump erlebt, bei der sie durch einen Platzwechsel im Flugzeug deutlich machte, dass keine solche Zustimmung vorliegt. Der New York Times erzählte die ehemalige Geschäftsfrau, dass ihr ihr damaliger Sitznachbar Trump vorher nicht nur an die Brüste, sondern auch unter den Rock greifen wollte. Eine andere Frau, die heute 33-jährige Rachel Crooks, will 2005 in einem Aufzug von dem exzentrisch frisierten Milliardär erst auf die Wangen und anschließend auf den Mund geküsst worden sein.

Darüber hinaus haben sich auch vier Teilnehmerinnen eines Miss-Teen-USA-Schönheitswettbewerbs gemeldet, die behaupten, dass Trump 1997 den Raum betrat, in dem sie sich gerade umzogen. Als Buzzfeed weitere elf Teilnehmerinnen dieses Schönheitswettbewerbs ausfindig machte, gaben diese allerdings an, sie könnten sich nicht erinnern, den Immobilientycoon damals im Umkleideraum gesehen zu haben.

[Update: Trump meinte zu den Beschuldigungen inzwischen, diese seien erfunden - er kenne die Frauen nicht, sei ihnen nie begegnet und werde die New York Times wegen ihrer Darstellung von Leeds' Behauptung verklagen.]

Ob und inwieweit die Vorwürfe zutreffen ist unklar - wahrscheinlich ist jedoch, dass die Affäre Trump schadet. Darauf deuten die Umfragen seit dem 7. Oktober hin, in denen er teilweise deutlich verlor. Am deutlichsten war der Verlust bei UPI, wo der palato-schottische New Yorker am 6. Oktober mit 47 Prozent nur einen Punkt, aber am 10. mit 44 zu 50 Prozent sechs Punkte hinter Clinton lag.

Bei NBC büßte Trump in der Umfrage vom 8. Oktober gegenüber der vom 2. fünf Punkte von 43 auf 38 Prozent ein, konnte davon aber bis 10. Oktober zwei wieder gutmachen. Clintons Wert änderte sich im selben Zeitraum von 49 auf 52 und 50 Prozent. YouGov ermittelte in einer am 7. und 8. Oktober durchgeführten Erhebung mit landesweit 48 Prozent für Clinton zu 43 Prozent für Trump noch die selben Werte wie Anfang des Monats. Bei Politico verbesserte sich das Ergebnis des Milliardärs in der Umfrage vom 10. Oktober mit 46 (Clinton) zu 41 (Trump) gegenüber vorher 46 zu 39 Prozent sogar leicht.

Entscheidend dafür, wer am 8. November US-Präsident wird, ist aber nicht der landesweite Stimmenanteil, sondern die Zahl der Wahlmänner, die sich nach den gewonnenen Bundesstaaten bemisst. Im wichtigen Florida gab Trump dem Institut Opinion Savvy zwischen dem 30. September und dem 11. Oktober vier Punkte von 46 auf 42 Prozent ab und liegt nun fünf Punkte hinter Clinton. In Michigan verlor er ebenfalls vier Punkte und liegt jetzt mit 31 neun hinter Clinton.

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Besonders interessant ist ein Umfrageergebnis aus dem Mormonenstaat Utah, der für die Republikaner seit einem halben Jahrhundert eine sichere Bank war: Hier liegt der als Unabhängiger kandidierende Republikaner Evan McMullin, der in der Vergangenheit unter anderem für die CIA und Goldman Sachs tätig war (vgl. Alternativen zu Trump und Clinton), mit 22 Prozent nur vier Punkte hinter Trump und Clinton, die auf jeweils 26 Prozent kommen. Eine Chance, Präsident zu werden, hat McMullin, der nur in einigen Bundesstaaten auf den Wahlzetteln steht, zwar nicht - aber er könnte mit vier Wahlmännern aus Utah im Electoral College zum Zünglein an der Waage werden, wenn die Wahl optimal spannend ausgeht.

Dazu, dass traditionell republikanische Wähler nicht für Trump stimmen, trägt nicht nur seine lockere Haltung zur Sexualität bei, sondern auch der sich verschärfende Streit mit der Parteielite, die den Quereinsteiger eigentlich nicht als Kandidaten haben wollte. Nachdem der republikanische Repräsentantenhaussprecher Paul Ryan meinte, er werde nun keinen Wahlkampf mehr für Trump machen, erwiderte der Milliardär auf Fox News, er brauche dessen Unterstützung nicht und twitterte, der seiner Ansicht nach "schwache" und "ineffiziente" Repräsentantenhausführer solle lieber Problemen wie dem Haushaltsdefizit, der Arbeitslosigkeit und der illegalen Einwanderung mehr Zeit widmen, anstatt "den republikanischen Kandidaten zu bekämpfen".

Das Aufkündigen der Unterstützung von Republikanern wie Ryan sieht Trump nach eigenen Angaben als Chance, "Fesseln abzuwerfen" und so effektiver "für Amerika zu kämpfen". Leute wie der Repräsentantenhausführer oder der 2008 gescheiterte Präsidentschaftskandidat John McCain (der sich noch deutlicher von Trump distanzierte) wissen den Worten des Immobilientycoons nach nicht, "wie man gewinnt", weshalb er es ihnen "beibringen" will.

In Hillary Clintons Wahlkampfteam versucht man währenddessen, von den Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Kandidatin abzulenken, die durch die von Wikileaks veröffentlichten E-Mails ihres Wahlkampfleiter John Podesta verstärkt wurden (vgl. Förderte Clintons Team Trump?). Man bestreitet zwar nicht, dass die E-Mails echt sind, spricht aber von einer "russischen Einmischung" und vom Versuch, die US-Präsidentschaftswahl "zu beeinflussen". Beweise für diese Behauptungen gibt es allerdings nicht - dafür zeigen die Podesta-E-Mails, dass Clinton den Vorwurf, ihre Gegner seien von Russland gesteuert, in der Vergangenheit eher großzügig einsetzte und unter anderem auf Umweltschützer anwendete, die ihre Fracking-Politik kritisierten. (Peter Mühlbauer)

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