US-Wahl: Sex, Lügen - und das zweite Fernsehduell

Donald Trump und Hillary Clinton in der zweiten Fernsehdebatte. Bild: ABC

Donald Trump leidet unter heimlich aufgenommenen Frauenheld-Prahlereien - und Hillary Clinton unter einer geleakten Stelle aus einer ihrer geheimen Reden vor Banken, die ihre Glaubwürdigkeit weiter infrage stellt

"Pussy"Affäre

Die erste Frage bei der als "Town Hall Meeting", als "Bürgerversammlung", abgehaltenen zweiten Fernsehdebatte zur US-Präsidentschaftwahl bezog sich auf das Thema, das die US-Medien das ganze Wochenende über dominiert hatte, nachdem die Washington Post an ein altes Footage-Band des Senders NBC gelangt war, auf dem sich Donald Trump und der George-W.-Bush-Cousin und NBC-Moderator Billy Bush 2005 über Frauen unterhalten. Trump meint darin, er würde eine bestimmte Frau mit Silikonbusen gerne begatten und das Prominentendasein habe den Vorteil, dass er Frauen küssen und ihnen sogar an die "Pussy" fassen könne.

Eine Zuschauerin wollte deshalb wissen, ob die Debatte, die in den USA nicht um drei Uhr morgens, sondern teilweise zur besten Abendprogramm-Sendezeit übertragen wurde, auch jugendfrei werden würde. Trump, der sich damit entschuldigte, es habe sich um "Umkleidekabinengeschwätz" gehandelt, das ihm leid tue, war das recht - aber das Thema tauchte in der Debatte selbstverständlich immer wieder auf, auch wenn man Vulgärausdrücke für Geschlechtsteile und Geschlechtsverkehr vermied.

Emoticons haben Eingang in Zeitungsschlagzeilen gefunden

Das lag auch an Hillary Clinton, die die Aufnahme immer wieder indirekt ansprach und das damit begründete, früher habe sie mit Konkurrenten über Politik geredet - aber Donald Trump eigne sich wegen mangelnder menschlicher Qualitäten nicht für das Präsidentenamt: Er stufe Frauen nach ihrem Aussehen auf einer Skala von 1 bis 10 ein und beleidige Behinderte, Latinos und Schwarze.

Trump meinte, die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) lache gerade darüber, dass man sich in den USA über sein "Umkleidekabinengeschwätz" kümmert. Schwarze und Latinos würden seiner Ansicht nach von seiner Präsidentschaft profitieren, weil er die amerikanischen Innenstädte sicherer machen will. Erst gestern seien wieder zwei Polizisten erschossen worden - und solche Vorfälle gebe es mittlerweile fast im Wochenrhythmus.

In der Pussy-Affäre holte er zum Gegenangriff aus, indem er meinte, er habe nichts von dem gemacht, womit er geprahlt habe - das seien nur Worte gewesen. Aber Hillary Clintons Ehemann Bill Clinton habe sich tatsächlich an Frauen vergangen. Deshalb habe der Ex-Präsident seine Anwaltslizenz verloren - aber Hillary Clinton habe ihn geschützt und sogar lachend einen Mann verteidigt, der ein zwölfjähriges Mädchen missbrauchte.

Themawechsel mit Niveaubegründung

Auf diese Vorwürfe hin verlautbarte Clinton, sie wolle nun die Debatte "auf ein höheres Niveau heben" und warf Trump erneut vor, Behinderte und Schwarze beleidigt zu haben, indem er einen Journalisten nachäffte und an Präsident Obamas Geburtsort zweifelte. Trump meinte dazu, seine Konkurrentin habe das niedrige Niveau erst eingeführt. Zu ihrem Vorwahlkampf gegen Bernie Sanders sollten sich die Leute Wikileaks ansehen. Und wenn er Präsident sei, dann werde er einen Sonderstaatsanwalt mit der Untersuchung ihrer E-Mail-Affäre beauftragen.

Auf diesen Vorwurf hin wiederholte die Demokratin ihren aus zahlreichen anderen Auftritten bekannten (und mittlerweile unter anderem in South Park parodierten) Textbaustein, sie habe mit den E-Mails einen Fehler gemacht, der tue ihr leid (ebenso wie ihre Äußerung, bei der Hälfte von Trumps Anhängern handle es sich um "Bedauerliche") - und was Trump behaupte, sei alles unwahr, das könnten die Leute auf ihrer Website nachlesen. Trump entgegnete darauf, nicht er, sondern sie habe gelogen und nicht nur private, sondern auch dienstliche E-Mails gelöscht, weshalb sie ins Gefängnis gehöre.

Trump: Obamacare wird 2017 "explodieren"

Eine erwartbare Publikumsfrage beendete diese Dispute um Sex und Lügen zeitweise und lenkte die Aufmerksamkeit auf den Effekt, dass nach der Umsetzung der Obamacare-Krankenversicherungsreform Prämien und Zuzahlungen stark stiegen, während Leistungen gestrichen wurden. Clinton erklärte das damit, dass jetzt 20 Millionen Amerikaner versichert seien, die die Versicherungen vorher wegen Vorerkrankungen abgelehnt hatten oder deren Arbeitgeber sich vorher keine Krankenversicherung leisten wollten. Sie wolle das System aber weiter reformieren. Details dazu ließ sie offen.

Trump äußerte dagegen die Überzeugung, Obamacare werde immer teurer und 2017 explodieren, weil es in diesem System zu wenig Wettbewerb gebe. Er will die Begrenzung von Anbietern auf einzelne Bundesstaaten aufheben, der daraus entstehende härtere Wettbewerb nütze dann auch Armen und Personen mit Vorerkrankungen. Eine Antwort, die den Umkehrschluss zulässt, dass er bestehende Regeln, die Versicherungen verpflichten, solche Personen zu nach oben hin begrenzten Prämien aufzunehmen, wieder abschaffen möchte.

Auf Fragen zum Islam meinte Trump, es gebe zwar ein Problem mit Feindseligkeit gegenüber Moslems in den USA, was eine "Schande" sei - aber genau so müsse man das Problem ansprechen, dass Moslems Extremisten in ihren Reihen oft nicht den Behörden melden, auch wenn sie davon wissen. Dieses Problem müsse man beim Namen nennen, damit man es lösen kann.

Zum im Irakkrieg gefallenen moslemischen US-Soldaten, mit dessen für Clinton werbenden Eltern er sich gestritten hatte, äußerte Trump die Auffassung, wäre er Präsident gewesen, dann würde dieser "Held" noch leben, weil es dann keinen Irakkrieg gegeben hätte. Das von ihm angekündigte "Einreiseverbot" für Moslems dürfe man sich nicht als totale Blockade vorstellen, sondern nur als "extreme Überprüfung" von Einreisewilligen. Außerdem will er Herkunftsländer dazu "zwingen", Kriminelle wieder aufzunehmen.

Clintons Rede vor Großbanken: "privat eine andere Haltung als öffentlich"

Die größte Schwachstelle Clintons in der Debatte ist - ebenso wie Trumps Pussy-Tape - erst seit dem Wochenende bekannt: In geleakten Auszügen aus den Reden, die sie für mehrere hunderttausend Euro Honorar vor Großbanken wie Goldman Sachs hielt, offenbarte die Kandidatin, man müsse "privat eine andere Haltung als öffentlich" haben. Die naheliegenden Schlussfolgerungen auf ihre Glaubwürdigkeit versuchte die gelernte Anwältin gestern damit zu entkräften, dass sie damit nur sagen habe wollen, man müsse "für einige Menschen die einen Argumente verwenden und für andere die anderen". Wahrscheinlich ergänzte da der eine oder andere Zuschauer innerlich "… damit man gewählt wird, worum es mir vor allem anderen geht". Außerdem meinte sie, auch Abraham Lincoln habe da nicht anders agiert, wie man in der Filmbiographie von Stephen Spielberg sehen könne. Trump meinte dazu, nun versuche Clinton ihre Lügen auf Lincoln zu schieben.

Von dem ihr unangenehmen Thema Bankennähe und Glaubwürdigkeit wechselte die ehemalige Außenministerin zum Thema Russland. Das Land, so Clinton, wolle Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahl nehmen und dafür sorgen, dass sie nicht Staatsoberhaupt wird. In Syrien ist Russland ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass "Vierjährige am Kopf bluten", weshalb sie als Präsidentin russische und syrische "Kriegsverbrechen" untersuchen lassen will. Indirekt bezeichnete sie dabei die al-Nusra-Nachfolgeorganisation und deren Verbündete als "verbliebene Rebellen", was darauf hindeutet, dass sie bereit sein könnte, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Trump wiederholte, er habe nichts dagegen, wenn die USA und Russland ein gutes Verhältnis pflegen. Wladimir Putin kenne er jedoch nicht persönlich und er habe auch keine besonderen geschäftlichen Interessen in Russland. Den syrischen Staatspräsidenten Assad möge er zwar nicht, aber er sei ein Kämpfer gegen den IS. Aleppo ist seiner Ansicht nach "schon gefallen", nun solle man sich lieber auf Mosul konzentrieren und sich fragen, warum dort Angriffe angekündigt werden, die den IS-Führern die Gelegenheit geben, aus der Stadt zu flüchten. Insgesamt hat Clinton als Außenministerin Trumps Meinung nach ein erschreckend schlechtes Urteilsvermögen bewiesen und nur "Katastrophen" verursacht, zum Beispiel in Libyen.

Trump: Warum hat Clinton die Abschreibungsmöglichkeiten nicht beseitigt, die sie jetzt kritisiert?

Auf Vorwürfe zu seinen Steuern wirkte Trump besser vorbereitet als auf solche zum Pussy-Tape: Hier wies er darauf hin, dass auch Clintons wichtigste Unterstützer Abschreibungsmöglichkeiten nutzen, die ihm vorgeworfen werden. Und er fragte die Ex-Präsidentengattin, warum sie denn in mehr als 30 Jahren in der aktiven Politik diese Schlupflöcher nicht beseitigt hat, die jeder verantwortliche Geschäftsmann nutzen müsse, wenn es sie gibt. Sie habe aber immer nur geredet und nie gehandelt. Außerdem solle sie - wie er - eigenes Geld in den Wahlkampf stecken, und nicht nur das von Spendern, dann wäre sie weniger abhängig von Lobbyisten.

Clinton lobte daraufhin ihre Arbeit als First Lady und meinte, sie habe unter anderem das Adoptionsrecht und die Krankenversorgung von Soldaten verbessert. Die in einer der nächsten Antworten aufgeführten zahlreichen Organisationen, mit denen sie während dieser Zeit nach eigenen Angaben Gespräche geführt hat, deuteten darauf hin, dass der Textbaustein mit Trumps Vorwurf nicht ganz so gut abgestimmt war.

Gegen Schluss wurde die Debatte zunehmend kleinteiliger und verfahrener: Trump meinte auf einen Vorwurf hin beispielsweise, Twitter sei ein tolles Kommunikationsmittel und es sei nichts Schlechtes daran, es auch um drei Uhr morgens zu benutzen. Er versuchte immer wieder, Wähler aus dem Rust Belt anzusprechen, dem ehemaligen industriellen Herz der USA, das mit den Folgen diverser Freihandelsverträge zu kämpfen hat - etwa, indem er darauf hinwies, dass die USA das niedrigste Wachstum seit 1929 hätten.

Wird Clinton die neue Nixon?

Zur Energiepolitik verlautbarte Trump, er sei sehr für Wind- und Sonnenenergie, aber die reiche nicht aus, und die Umweltschutzregeln brächten die Energieunternehmen um. Das wolle er ändern, damit sich das Debakel der amerikanischen Stahlindustrie nicht wiederhole. Clinton warf Trump daraufhin vor, er kaufe für seine Unternehmen "illegal Stahl aus China" - und daran, dass die Energieunternehmen litten, sei nicht die Umweltpolitik, sondern der niedrige Ölpreis schuld.

Relativ wenig Erkenntnis brachte eine Frage zu den Supreme-Court-Richtern, die die beiden Kandidaten ernennen würden: Trump lobte hier erwartungsgemäß den verstorbenen Antonin Scalia und verwies auf seine im Mai veröffentlichte Liste mit Kandidaten; Clinton warnte ebenso erwartbar vor Einschränkungen im Abtreibungsrecht und bei der Homo-Ehe.

Auf die letzte Frage, was sie am jeweils anderen respektierten, antwortete Clinton, als "Mutter und Großmutter" respektiere sie Trumps Familie - und Trump meinte, er respektiere, dass Clinton eine "Kämpferin" sei und nicht aufgebe.

Insgesamt wirkte Trump in der zweiten Präsidentschaftsdebatte unsicherer als bei der ersten und bei den Vorwahldebatten. Das offene Jackett und die zu lange Krawatte ließen ihn weniger volksnah als schlampig gekleidet erscheinen. Auch sein Hin- und Hergehen während der Antworten wirkte weniger dynamisch als hektisch.

Clinton wirkte trotz ihres erneut sehr gesichtszugbetonierenden Augen-Make-Ups über weite Strecken der Debatte eher wie eine Gewinnerin, erinnerte in ihrem sichtbar eingeübten Image aber auch an Richard Nixon in Emile de Antonios Dokumentarfilmklassiker Millhouse. Nachdem der 1971 erschien, gewann Nixon zwar die Präsidentschaftswahl, hinterließ darin aber einen so schlechten Eindruck, dass er den Posten an seinen Vize Gerald Ford abgeben musste und den Weg für den Wahlgewinn Jimmy Carters ebnete. (Peter Mühlbauer)

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