US-Werbeagentur will mit einer Website eine entscheidende Rolle in der "orangenen Revolution" gespielt haben

Obgleich manche das als Beweis für den amerikanischen Einfluss ansehen, macht man sich in der Ukraine eher über die Behauptung lustig

Durch die "orangene Revolution" wurde Ende Dezember des letzten Jahres Viktor Juschtschenko, auf den zuvor ein Giftanschlag durchgeführt wurde, in einer Stichwahl endgültig zum ukrainischen Präsidenten gewählt. Julia Timoschenko, seine Mitstreiterin und ein entscheidender Motor der "Revolution", ernannte Juschtschenko zur neuen Ministerpräsidentin. Die vorangegangene Stichwahl zwischen Juschtschenko und dem damals amtierenden, Russland orientierten Regierungschef Janukowitsch wurden aufgrund von Manipulationen der Regierungsanhänger nach anhaltenden Protesten großer Teile der Bevölkerung vom Obersten Gericht für ungültig erklärt. Auch wenn Juschtschenko seinen ersten Besuch im Ausland beim russischen Präsidenten Putin machte, ist seine Westorientierung mitsamt dem Wunsch nach EU- und Nato-Integration deutlich.

Auf dem Platz der Unabhängigkeit beim Amtsantritt von Präsident Viktor Juschtschenko

Dem ukrainischen Parlament wurde ein Gesetzesentwurf vorgelegt, das die Überprüfung aller Personen auf leitenden Posten oder Anwärter darauf vorschreibt. Man will damit auch herausfinden, wer an den Wahlmanipulationen beteiligt war und/oder mit Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes FSB oder anderen ausländischen Geheimdiensten zusammen gearbeitet hat. Es gab bereits viele Entlassungen im Innenministerium, aber auch in den anderen Ministerien gegeben, leitenden Personen in den staatlichen Medien wurde der Rücktritt ebenso nahegelegt wie den Mitarbeitern des Geheimdienstes SBU. Es wird angenommen, dass dieser enge Verbindungen mit russichen Behörden pflegt und dass Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes für die Dioxin-Vergiftung von Juschtschenko verantwortlich sind. Juschtschenko will auch das Militär verkleinern und, trotz Erwartung von hohen finanziellen Unterstützungen aus den USA, die Soldaten aus dem Irak abziehen.

Während die Anhänger der "orangenen Revolution" die damalige Regierung sowie die Russen als Manipulatoren bezichtigten, versuchte die Juschtschenko-Fraktion der damaligen Opposition zu unterstellen, sie sei vom Westen, vornehmlich von den USA aus gesteuert. Russland hatte tatsächlich sich bemüht, durch Berater und auch ansonsten Stimmung gegen die Opposition zu machen. Nachdem diese sich aber durchsetzen konnte, gab es auch in Russland zur Kritik (Moskauer Manöverkritik). Andererseits galt beispielsweise die maßgeblich an der "orangenen Revolution" beteiligte ukrainische Studenten- und Aktivistenorganisation Pora als Instrument des Westens. Ihr Vorbild war die serbische Studentenbewegung Otpor, die wiederum Sturz von Präsident Slobodan Milosevic beteiligt war und Pora unterstützt haben soll - und man sah sich in Fortsetzung der anderen Revolutionen wie die in Georgien oder Tschechien. Gelder für Pora kamen etwa von Freedom of Choice, einer Koalition von ukrainischen NGOs, die wiederum vom westlichen Ausland vor allem über Stiftungen wie die Konrad Andenauer Stiftung, Freedom House, National Democratic Institute, The National Endowment for Democracy (NED) oder der International Renaissance Foundation des Open Society Institute von George Soros finanziell unterstützt wurde, um eine Demokratie westlichen Stils einzuführen.

Verschwörungstheorien begleiten solche Machtverschiebungen, die jeweiligen Kräfte werden natürlich von interessierten Gruppen - und Staaten - unterstützt bzw. bekämpft, zumal wenn es um einen Übergang zwischen geopolitisch, machtstrategisch und wirtschaftlich unterschiedlichen Zugehörigkeiten wie in der Ukraine geht. Nachdem der Sieg der Opposition klar war, schrieb etwa Alexander Oslon, Präsident des russischen Meinungsforschungsinstituts "Obschtschestwennoje mnenije" (Öffentliche Meinung): "Die russischen Polittechnologen, die im Stab von Ex-Premier Janukowitsch gearbeitet haben, sind auf den Widerstand von Profis eines höheren Niveaus gestoßen." Gemeint waren damit die "Profis" von amerikanischen think tanks. Nun hat auch noch eine amerikanische Werbeagentur kurz nach dem Regierungsantritt von Juschtschenko sich damit gebrüstet, einen entscheidenden Anteil an der "orangenen Revolution" gehabt zu haben.

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Die Kiev Post titelte daraufhin: American firm claims 'key role' in revolution. Die ukrainische Pravda-Ausgabe spitzt das noch weiter zu : Did the United States create the Orange Revolution?. Unter dem Titel Rock Creek Creative Assists Ukraine's Democratic Victory veröffentlichte die Agentur, die nach eigenen Angaben u.a. auch für die Nato, die CIA, amerikanische Regierungsbehörden oder den Rüstungskonzern Thales Kampagnen durchgeführt hat, eine Pressemiteilung am 8. Februar. Auftraggeber der Rock Creek Creative-Kampagne ist das Friends of Ukraine Network - Mitglieder u.a. Konrad Adeneauer Stiftung, Center for International Relations (Polen), French Institute for International Relations, German Marshall Fund (USA), Global Fairness Initiative (USA).

Man hat sicherheitshalber solange gewartet, bis die Regierung im Amt ist, rühmt sich aber, "noch nie so an einer Kampagne beteiligt gewesen zu sein, die die Demokratie in einem Land gestärkt hat", sagt Scott Johnson, der Chef der Werbeagentur. Ende 2003 habe man mit dem Start der Website Ukraine in Europe and the World die "Kommunikationsstrategie" und das "Branding" swe "Orange Revolution" mit entwickelt. Über die Website und Veranstaltungen habe man den politischen Dialog ermöglicht: "Die Webseite wurde der virtuelle Freiheitsplatz für die Demokratiebewegung." Man habe bei der Website nicht nur sicher stellen müssen, dass sie sicher ist, sondern auch, "dass sie nicht als Vehikel für eine US-orientierte politische Botschaft verstanden wird". Es sei sehr wichtig gewesen, "dass Besucher, unabhängig davon, wie ausgefuchst sie sind, keine US-Beteiligung wahrnehmen, nur weil die Kommunikationsstrategie von Rock Creek Creative kam".

Ob das gelungen ist, mag unerheblich sein, mit der Pressemitteilung hat man aber nachträglich der demokratischen Bewegung womöglich geschadet, zumal die Webseite nicht sehr viel mehr enthält als Informationen über die Konferenz Anfang 2004. Und ob durch eine einzige Webseite tatsächlich eine Bewegung in Gang gebracht werden kann, bleibt wohl auhc das Geheimnis der Werbeagentur. Was sie aber geschafft hat, ist, dass aus der Eigenwerbung schnell politisches Kapital geschlagen wurde. Ein Kommentator meint in der russischen RIA Novosti: " The Rock Creek Creative, prominent US-based public relations company, has quite recently announced its contribution to the making of an Internet portal for Victor Yuschenko's supporters. The Rock Creek was once active in information support of the US Administration and of the CIA. That comes as convincing proof of the Orange Revolution exported to Ukraine."

Ein wenig scheint man aber doch durch die Eigenwerbung der Agentur unter Rechtfertigungsdruck geraten zu sein. So erklärte Iryna Geraschenko, die Pressesprecherin von Jutschschenko, die u.a. für die offizielle Webseite des Politikers verantwortlich ist, dass sie die von der Werbeagentur betriebene Seite gar nicht kenne. Sie meinte , es sei in letzter Zeit modisch geworden zu behaupten, an der "Orange Revolution" beteiligt gewesen zu sein. Daraus könne man politisches Kapitel schlagen. Sie räumte ein, dass die Opposition auch auf Servern im Ausland Webseiten hatte, aber dies sei nur aus Sicherheitsgründen geschehen und sei kein Beweis für einen Einfluss von Außen, die Webseiten selbst seien ausschließlich von Ukrainern gemacht worden.

Auch Serhiy Yevtushenko, Direktor des ukrainischen Institute for Euro-Atlantic Cooperation, das Mitglied von "Friends of Ukraine" ist, kritisiert die Werbung für die Werbeagentur. Die ukrainische Pravda macht sich über die Anmaßung der Werbeagentur eher lustig, die offenbar in einer weiteren Erklärung: "Rock Creek Creative Clarifies Press Release of February 8, 2005" die Behauptung als falsch bezeichnet, man habe eine "größere Rolle" bei der "Orange Revolution" gespielt. Auch die russische Kommersant ist amüsiert und titelt: Fathers of Ukrainian Democracy - Discovered in a Washington suburb.

Und im Blog Orange Ukraine, der wie andere Blogs oder Websites tatsächlich eine Rolle spielte, schreibt der seit 2001 in Kiev lebende Dan McMinn nur, dass er niemals von dieser Webseite, die sich "de-facto policy website of the Orange Revolution" nennt, etwas gehört habe.

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