USA: 491 Menschen wurden 2016 bereits von Polizisten getötet

Auch mehr Polizisten starben in dem Land, das mit Waffen überflutet ist, in Dallas wurden mehrere Polizisten von Scharfschützen getötet

Während einer Protestdemo gegen die Gewalt von Polizisten gegen Schwarze in Dallas wurden von mindestens zwei, die Polizei vermutet vier Scharfschützen 5 Polizisten und ein Zivilist getötet und 5 weitere verletzt. Ein Schütze hat sich in einem Parkhaus verschanzt und schießt um sich (mittlerweile soll er sich selbst getötet haben). Nach Zeugenaussagen soll zumindest einer der Scharfschützen ein Weißer gewesen sein, aber dabei könnte es sich um ein Gerücht handeln. Noch ist unbekannt, wer die Täter sind und welchen Zweck der Anschlag hatte.

Anlass der Protestdemo waren zwei Fälle, bei denen Polizisten wieder einmal schwarze Männer getötet hatten. Wie so oft wurde die Aufmerksamkeit auch deswegen so groß und verbreitete sich so schnell, weil beide Schießereien auf Videos dokumentiert wurden. Am Dienstag war in Baton Rouge ein Schwarzer von zwei Polizisten überwältigt, zu Boden gedrückt und dann erschossen worden. Ein brutaler Akt offensichtlich unnötiger Gewalt. Am Mittwoch wurde ein junger Schwarzer in Falcon Heights bei einer Verkehrskontrolle erschossen, seine Freundin saß neben ihm und nahm die Szene nach den Schüssen auf, als ihr Freund neben ihr blutüberströmt im Sterben lag und der Polizist fluchte und weiter seine Pistole auf ihn richtete. Er wollte seinen Ausweis hervorholen, als der Polizist zu schießen begann.

Alton Sterling wird in Baton Rouge von Polizisten überwältigt und mit mehreren Schüssen getötet. Screenshot des YouTube-Videos von Abdullah Muflahi

Beide Vorfälle werden weithin als rassistisch bezeichnet. Immer wieder trifft es Schwarze, die von weißen Polizisten niedergeschossen werden. Die Schusswaffen sitzen locker in einem Land, in dem auch die Polizei immer damit rechnen muss, dass Menschen nicht nur Schusswaffen mit sich führen, sondern diese auch wie sie selbst gebrauchen.

Die Washington Post versucht seit letztem Jahr, die genaue Zahl der von Polizisten getöteten Menschen zu erfassen. 2015 waren es demnach fast 1000 Menschen, doppelt so viele, als das FBI als durchschnittliche Zahl über die letzten Jahre gemeldet hatte. Die Washington Post verwendete für ihre Erhebung nicht nur die Daten der Polizei, sondern auch Medienberichte und Aufnahmen, um auch die Namen der beteiligten Polizisten festzuhalten.

491 Menschen wurden bereits in der ersten Hälfte dieses Jahres getötet, im selben Zeitraum 2015 waren es 465. Das ist ein Anstieg von 6 Prozent. In der Mehrzahl der Fälle waren die Menschen, die von Polizisten getötet wurden, allerdings bewaffnet. In der Hälfte der Vorfälle wurde erst auf die Polizisten geschossen, bevor sie das Feuer erwiderten. 20 Polizisten wurden in der ersten Hälfte des Jahres bei Schusswechseln getötet, 2015 waren es 16. Also auch Polizisten leben gefährlicher in einem Land, das mit Schusswaffen überflutet ist und beherrscht wird von einer Ideologie, dass das Mitführen und Verwenden von Schusswaffen ein Verfassungsrecht sei.

Auffällig ist, dass mehr der tödlichen Vorfälle mit Video aufgezeichnet wurden. 2015 waren es 76, 2016 105. Von BodyCams wurden 63 aufgenommen, 2015 waren es erst 34. Offenbar ändert das nichts daran, dass Polizisten nicht nur in Notwehr das Feuer eröffnen, sondern auch weiterhin Gewalt ausüben, selbst wenn ihr Vorgehen von BodyCams aufgezeichnet wird. Die Hälfte der Getöteten sind Weiße, die andere Hälfte gehört Minderheiten an. Die Wahrscheinlich, dass ein Schwarzer von Polizisten getötet wird, ist 2,5 Mal höher als bei einem Weißen. 27 Prozent der Getöteten waren 2016 Schwarze, in 25 Prozent der Fälle spielten psychische Krankheiten der Getöteten eine Rolle.

Die Justiz geht mittlerweile immerhin schärfer gegen Polizisten vor. Während zwischen 2005 und 2014 nur 47 Polizisten angeklagt wurden, waren es 2015 18 und im ersten Halbjahr 2016 7, Dabei spielen die Videoaufnahmen eine große Rolle, da das Verhalten der Polizisten damit dokumentiert wird und es nicht mehr auf die Aussagen der Polizisten und der Zeugen ankommt (Staatsanwältin in Baltimore klagt Polizisten des Mordes an). Die Washington Post stellte bei ihren Recherchen aber auch fest, dass es nicht im Wesentlichen die unerfahrenen Polizisten sind, die eine Person erschießen. Mit 41 Prozent besteht dien größte Gruppe aus Polizisten, die schon 10 Jahre und mehr im Dienst sind. Nur 19 Prozent derjenigen, die einen tödlichen Schuss abgaben, waren erst zwei Jahre oder weniger im Dienst. (Florian Rötzer)

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