USA: Armut wächst

Mit der Zahl der Arbeitslosen wächst die derjenigen, die in Armut fallen und Lebensmittelmarken benötigen

Aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise steigt nicht nur die Zahl der Arbeitslosen in den USA, auch die Zahl der Amerikaner, die auf Lebensmittelmarken (food stamps) angewiesen sind, nimmt wieder zu. Erwartet wird, dass erstmals seit der Flutkatastrophe durch den Wirbelsturm Katrina 2005, als kurzzeitig im November 2005 ein Höchststand von 29,8 Millionen erreicht wurde, mehr als 30 Millionen Menschen auf das Programm rekurrieren, das seit 1. Oktober unter dem angeblich weniger stigmatisierenden Namen Simplified Nutrition Assistance Program, abgekürzt SNAP, läuft. Bei Amtsantritt von Bush gab es nur 17 Millionen SNAP-Empfänger, deren Zahl seitdem kontinuierlich angestiegen ist.

Jim Weill, der Präsident des Food research and Action Center, befürchtet, dass die Zahl der mit den Marken unterstützten Amerikaner bald auf einen historischen Höchststand anwachsen könnten, seitdem das Programm in den 60er Jahren eingeführt wurde. Schon bis August 2008, wofür die neuesten Zahlen vorliegen, sind die SNAP-Empfänger von 26,9 Millionen im August 2007 auf 29,5 Millionen um 9,6 Prozent angestiegen: Tendenz steigend. In New York erhalten 1,2 Millionen Menschen Lebensmittelkarten, 32 Prozent mehr als vor 5 Jahren. Wer einen Antrag stellt, muss seine Fingerabdrücke registrieren lassen, um Betrug zu verhindern. Das könnte, wie Anthony Weiner, der Abgeordnete von Queens und Brooklyn, kritisiert, auch Menschen abschrecken. Joel Berg von der New York City Coalition Against Hunger nimmt an, dass es allein in New York eine halbe Million Menschen mehr gibt, die Anspruch erheben könnten, aber sich nicht registriert haben.

Berechtigt zur Teilnahme sind Menschen, die ein Einkommen von 130 Prozent unterhalb der Armutsgrenze haben, die 2008 bei einer Person bei 10.400 US-Dollar liegt, für jede weitere Person im Haushalt können 3.600 Dollar addiert werden. Sonderlich hoch ist die Unterstützung auch nicht, sie beträgt durchschnittlich pro Person 109 Dollar.

Nicht nur die SNAP-Empfänger steigen an, schon letztes Jahr ist auch die Zahl der Menschen in den USA gewachsen, die zeitweise nicht genügend zum Essen hatten, was als "sehr niedrige Lebensmittelsicherheit" umschrieben wird. So klassifiziert wird, wenn eine Person oder ein Haushalt während sieben Monaten jeweils einige Tage nicht genug zu essen hatte. 2007 waren das 11,9 Millionen Menschen, darunter 700.000 Kinder, 50 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Betroffen davon waren 323.000 Haushalte mit Kindern, 2006 waren es noch 221.000. Nach Angaben des dafür zuständigen Landwirtschaftsministeriums An einem durchschnittlichen Tag, so das Ministerium, hätten Angehörige von 600.000-940.000 Haushalten (0,5-08% aller Haushalte) und Kinder in 45-65.000 Haushalten (0,11-0,17% aller Haushalte mit Kindern) zu wenig zu essen gehabt. Insgesamt gibt es in den USA 13 Millionen Haushalte (11,1 Prozent), für die "Lebensmittelunsicherheit" besteht, die also in Gefahr sind, zu wenig zu essen zu haben oder sich nicht ausreichend gesund versorgen zu können.

Wie die Washington Post meldet, berichten Hilfsorganisationen von einer Zunahme des Bedarfs. Die Besuche von Suppenküchen seien im letzten halben Jahr zwischen 20 und 100 Prozent gestiegen. Die Anrufe bei der Hotline der Capital Area Food Bank seien um 248 Prozent gestiegen. Zurückgeführt wird das vornehmlich auf die wachsende Arbeitslosigkeit, die im Oktober bei 6,5 Prozent lag und 2009 vermutlich weiter auf 8 Prozent ansteigen wirde. Dazu kommen in den USA höhere Preise für Nahrungsmittel.

Das Center on Budget and Policy Priorities warnt, dass die Zahl der Armen und ganz Armen, deren Einkommen nur die Hälfte desjenigen an der Armutsgrenze beträgt, in der nächsten Zeit beträchtlich ansteigen wird, wie das auch der Fall in vorhergehenden Rezessionen war. In der vergleichsweise milden Rezession 2001 ist beispielsweise die Arbeitslosenrate von 4 auf 6%, die der Armen von 11,3 auf 12,7% bzw. von 31,6 Millionen auf 37 Millionen gestiegen.

Grafik: CBPP

Die Organisation geht von der Prognose von Goldman Sachs aus, die bis Ende 2009 ein Arbeitslosenrate von 9 Prozent vorhersagen. Danach würden, wenn die Arbeitslosigkeit ähnlich wie in den früheren Rezessionen mit der Zahl der Armen ansteigt, 2009 zusätzlich 7,5-10,3 Millionen Amerikaner in Armut fallen, während die Zahl der Kinder in Armut um 2,6-3,3 Millionen und die der Kinder in großer Armut um 1,5-2,0 Millionen steigt.

Problematisch dürfte auch werden, dass es für Arbeitslose, die keine minderjährigen Kinder groß ziehen und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld besitzen, keine finanziellen Unterstützungsprogramme mehr gibt. Viele können nicht einmal Lebensmittelkarten beantragen, da arbeitslose Menschen im Alter von 18 bis 50 Jahren, die keine minderjährigen Kinder haben, nur drei Monate lang im Verlauf von drei Jahren Lebensmittelkarten erhalten: "In Folge", so das Zentrum, "gibt es eine beträchtliche Zahl von Menschen, für die es ein Sicherheitsnetz kaum oder gar nicht gibt. Die Zahl dieser Menschen wird in den nächsten beiden Jahren steigen."

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