USA: Automatisierung trägt zur Senkung der Lohnquote bei

Nach einem Fed-Bericht hat die Automatisierung nicht zur Vernichtung von Arbeitsplätzen geführt, aber sie drückt die Löhne

Ein Bericht der Federal Reserve Bank of San Francisco macht deutlich, dass die fortschreitende Automatisierung der Arbeitsprozesse durchaus auch schon negative Folgen für die Arbeitnehmer hatte. Zu erwarten ist, dass mit zunehmender Automatisierung, die mit KI in immer mehr Bereiche vordringt, nicht nur die Vernichtung von Arbeitsplätzen einhergeht, sondern auch die Löhne für verbleibende menschliche Arbeit noch einmal sinken werden.

Sylvain Leduc and Zheng Liu stellen in ihrem Paper, das danach fragt, ob Arbeiter gegenüber Robotern auf der Verliererseite stehen, fest: "Die Automatisierung hat wesentlich zum Niedergang der Lohnquote am Nationaleinkommen beigetragen." Nach ihren Angaben ist die Lohnquote trotz der mittlerweile geringsten Arbeitslosigkeit seit 50 Jahren von 63 Prozent in 2000 auf 56 Prozent in 2018 gefallen. Sie gehen davon aus, dass der Einsatz von Automatisierung ein entscheidender Faktor dafür gewesen ist.

Nach einem Bericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist in den meisten Ländern zwischen 1991 und 2015 mit Schwankungen die Lohnquote gesunken, aber in einigen Ländern wie der Schweiz, Frankreich oder Großbritannien auch leicht gestiegen. Den höchsten Anteil hatte die Lohnquote in den 1970er Jahren. Allerdings sind statistische Angaben über das Nationaleinkommen und die Lohnquote mangels gesicherter Daten schwierig und fallen uneinheitlich aus.

Lohnquote soll durch Automatisierung gesunken sein

Auffällig in den USA ist, dass trotz geringer Arbeitslosigkeit die Lohnquote zurückgegangen, die Finanzkrise - die "Große Rezession" - hat dies stark vorangetrieben. Normalerweise sollte mit hoher Beschäftigung die Lohnquote steigen, da die Löhne in die Höhe gehen müssten. Auch an steigender Produktivität sollten Löhne teilhaben. Das aber war nicht der Fall. Die Autoren erklären sich dies durch den zunehmenden Einfluss der Automatisierung, die die Arbeitsproduktivität steigerte, aber gleichzeitig die Arbeitnehmer schwächte, höhere Löhne durchzusetzen.

Allein schon die Möglichkeit oder Drohung, Arbeitsvorgänge automatisieren zu können, was mit Fortschritten in der Robotik und KI und sinkenden Preisen für immer mehr Bereiche eine Option wird, wird Arbeitnehmer davon abhalten, höhere Löhne zu fordern, um nicht in Gefahr zu laufen, entlassen und durch Maschinen ersetzt zu werden. Automatisierung spielt den Arbeitgebern mehr Macht in die Hände, was Gehaltsforderungen bei der Einstellung oder auch bei den schon Angestellten betrifft und erklären könnte, dass es kaum Lohnsteigerungen gegeben hat.

Neben der Automatisierung spielten dabei andere, teilweise damit zusammenhängende Faktoren eine Rolle, wie die sinkende Zahl von Gewerkschaftsmitgliedern, das zunehmende Outsourcing, die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer oder arbeitsvertragliche Einschränkungen der Mobilität zwischen Regionen und Arbeitgebern.

Die Autoren haben ihrer Analyse Daten über Arbeitslosigkeit, freie Stellen, Lohnwachstum und Arbeitsproduktivität zwischen 195 und 2018 zugrundegelegt, um die Rolle der Automatisierung zu quantifizieren. Danach hat sich seit Mitte der 2000er Jahre das Wachstum der Arbeitsproduktivität verlangsamt, währenddessen die Automatisierung zunehmend wichtiger wurde und die Arbeitsproduktivität eigentlich steigern sollte. Verglichen wurde die Entwicklung der Lohnquote mit der Simulation, dass der Automatisierungsgrad konstant geblieben wäre.

Ohne den Einfluss zunehmender Automatisierung wäre nach dem Modell die Lohnquote auch gefallen, aber ohne größere Schwankungen, wie sie in Wirklichkeit besonders während der Zeit der Finanzkrise zu beobachten waren, und auch nicht so tief, nur auf knapp 60 Prozent und nicht auf 56 Prozent. Zudem wären die Löhne höher geblieben, allerdings wäre der Produktivitätsanstieg geringer ausgefallen. Zwar habe die Automatisierung die Lohnquote in dem verwendeten Modell gesenkt, aber es sank auch die Arbeitslosenquote. Wegfallende Jobs würden durch andere ersetzt.

Die Autoren vermuten, dass schon die wachsende Möglichkeit, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben könnte: "Die Option, Jobs zu automatisieren, verstärkt den Anreiz, Jobs zu schaffen, weil man einen Roboter für den Job einsetzen könnte, falls die Suche auf keinen geeigneten Arbeitnehmer trifft." Das wäre, falls die Vermutung zutrifft, dann allerdings wohl eine sehr fragile und vorübergehende Situation am Arbeitsmarkt, auf dem Maschinen mit Menschen konkurrieren. Letztlich wäre dann wohl ein geeigneter Arbeitnehmer einer, der mit allen Umständen billiger kommt als eine Maschine, was hieße, dass der Druck auf den Arbeitslohn wächst.

Auch in Deutschland soll ein Großteil der Arbeitnehmer weniger wegen der Automatisierung verdienen

In Deutschland gibt es deutlich mehr Roboter im Verhältnis zur Zahl der Industriearbeiter als in den USA. Auch hier lässt sich beobachten, dass dadurch die Arbeitslosigkeit bislang nicht angestiegen ist. "Zwischen 1994 und 2014 sind in der deutschen Industrie 275 000 Jobs durch den Einsatz von Robotern weggefallen - allerdings nicht aufgrund von Entlassungen, sondern weil weniger junge Leute eingestellt worden sind"; so eine Studie des Böckler-Instituts. "Gleichzeitig sind im Dienstleistungssektor ebenso viele neue Jobs entstanden. Unter dem Strich hat sich die Zahl der Arbeitsplätze also kaum verändert - anders als in den USA, wo Industriearbeiter aufgrund der Automatisierung reihenweise ihre Jobs verloren haben." Seitdem sind sie auch in den USA wieder entstanden, aber um den Preis des sinkenden Anteils der Lohnquote und damit des Rückgangs oder Einfrierens der Gehälter. Das zeichnet sich nach der Studie auch in Deutschland ab, wo "ein Großteil der Arbeitnehmer … weniger durch die Automatisierung" verdiene.

Nach der IFR wurden 2018 wieder mehr Roboter verkauft. Am meisten in China, wo über 150.000 neue Roboter eingesetzt wurden, 21 Prozent mehr als 2017. Nach Japan sind die USA 2018 der drittgrößte Robotermarkt gewesen. Hier wurden mehr als 40.000 Roboter neu eingesetzt. Nach Südkorea folgt Deutschland mit 27.000 neuen Roboter auf dem fünften Platz, ein Anstieg gegenüber 2017 um 26 Prozent. Sie werden hier vor allem in der Autoindustrie eingesetzt, weswegen sich der Trend schnell ändern kann.

Der Anteil der Roboter im Verhältnis zu Angestellten ist in Singapur mit 831 Roboter auf 10.000 Angestellten 2018 am höchsten gewesen, gefolgt von Südkorea mit 774 und Deutschland mit 338 Robotern. In den USA waren es 227 Roboter, im Weltdurchschnitt 99, im europäischen Durchschnitt 114 auf 10.000 Angestellte. (Florian Rötzer)