USA: Covid-19-Epidemie gefolgt von einer Epidemie von Morden

FBI-Schulungsvideo Run-Hide-Fight für Schießerein.

Während in Europa Gewaltverbrechen weniger geworden zu sein scheinen, sind in den USA Morde, Schießereien und Gewaltverbrechen drastisch angestiegen

Wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit damit rechnen müssen, dass der Lockdown, den die Bundesregierung über Deutschland verhängt hat, in den Dezember und vielleicht darüber hinaus verlängert wird. Möglicherweise wird beschlossen, die Maßnahmen zumindest bis kurz vor Weihnachten zu verlängern und dabei Kitas und Schulen (mit verlängerten Ferien?), öffentliche Verkehrsmittel und nicht zuletzt Geschäfte wegen des (Weihnachts-)Geschäfts offen zu halten, während Restaurants und Kneipen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen geschlossen bleiben und wer kann, ins Homeoffice wechselt. Die Maske wird ebenfalls wie die Abstandsregel bleiben, die Kontakte im privaten Bereich sollen weiter möglichst begrenzt und Reisen verhindert werden. Ob sich weiterhin so viele Menschen daran halten werden, zumal eine Kontrolle gerade im Privatbereich nicht möglich ist, ist eine offene Frage.

Gerne verwendet wird für die Maßnahmen das Bild von einem "Wellenbrecher", das suggeriert, dass da draußen das aufgepeitschte Meer der Sars-CoV-2-Viren auf Deutschlands Grenzen/Küsten aufprallt und diese überspült. Durch Wellenbrecher soll eine Überflutung verhindert werden. Gesundheitsminister Jens Spahn legt sogar nahe, dass es sich um das Aufhalten nur einer Welle handelt: "Ich will, dass wir die Welle brechen, bevor unnötig viel Leid in den Krankenhäusern entsteht." Das Bild ist allerdings ziemlich schief, denn die Lockdown-Maßnahmen versuchen ja gerade die individuellen Begegnungen der Menschen im Inneren zu reduzieren. Möglicherweise wäre da das Bild von Fußfesseln oder Gittern passender …

Mehr Internetkriminalität, weniger Einbrüche

Fußfesseln und Gitter sind eine gute Überleitung zu einem Blick auf die Kriminalität, die nun auch wahrscheinlich wieder mehr Gelegenheit hat, sich unter Corona-Bedingungen auszuweiten. Auffällig ist, dass es nach der bayerischen Polizei weniger Wohnungseinbrüche gibt, gerade die Wohlhabenderen, bei denen sich das eher lohnt, haben oft die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, überhaupt sollen die Menschen ja Zuhause bleiben. Zudem sind die fahrenden Banden, die vielfach dafür verantwortlich sind, auch vom Lockdown und Bewegungseinschränkungen betroffen. Und weil manche Büros entsprechend verwaister sein können, ist der Anstieg der Einbrüche dort nicht weiter verwunderlich, zwischen März und Juli sind sie in Bayern um 40 Prozent angestiegen. Es habe auch weniger Körperverletzungen gegeben. Ob häusliche Gewalt angestiegen ist und in den nächsten Wochen weiter wachsen könnte, wird vielfach vermutet, dazu gibt es aber noch keine Zahlen.

Deutlich gestiegen sind hingegen Betrügereien, die auch oft Corona ausnützen, und Internetkriminalität, da die Corona-Maßnahmen die Online-Aktivitäten erheblich erweitert haben. In einem BKA-Bericht heißt es: "Die Gesellschaft weicht im Zeichen der Corona-Krise vermehrt auf die digitale Welt aus - ein perfekter Nährboden für Cyberkriminelle." Gearbeitet wird mit gefälschten Websites, Phishing-Mails, Malware-Spamming, DDoS-Angriffen oder Erpressungen, auch mittels Ransomware. Interessant ist hier, dass Niedersachsen ganz vorne liegt bei Cyber-Straftaten, in größerem Abstand gefolgt von Rheinland-Pfalz, Bayern und Schleswig Holstein. Hamburg, Berlin oder Nordrhein-Westfalen sind hingegen nach der BKA-Statistik weitgehend Cybercrime frei.

"Die Menschen sind im Krisenmodus"

In den USA ergibt sich eine andere Dynamik. Hier sind in der Coronazeit Morde, Schießereien und Gewalttaten stark angestiegen, nachdem viele Jahre die Kriminalität zurückgegangen war. Das wird auch mit der hohen Schusswaffendichte zusammenhängen, vor allem aber mit der in der Corona-Krise steigenden Aggressivität, die sich auch bei den Protesten gegen Polizeigewalt in vielen Städten und während und nach der Präsidentschaftswahl zeigte (USA vor der Wahl: "Be ready for anything", Die Hälfte der Amerikaner erwartet Gewalt nach der Präsidentschaftswahl).

Gerade erst hat wieder ein noch Unbekannter, es soll sich um einen weißen 20-30-jährigen Mann handeln, in einem Einkaufszentrum in Milwaukee mindestens 8 Menschen angeschossen und verletzt. In Chicago wurden gestern mit einer Schusswaffe von einem ebenfalls noch unbekannten Täter 6 Personen verletzt, die auf einem Bürgersteig standen.

Nach einem Bericht des Police Executive Research Forum (PERF) sind Morde in den ersten Monaten des Jahres landesweit um 28 Prozent und schwere Körperverletzungen um 9 Prozent angestiegen. Gesunken sind hingegen Raub und Vergewaltigungen. In Milwaukee gab es 110 Prozent mehr Morde, in Minneapolis 85 Prozent oder in Louisville waren 79 Prozent mehr. In Boston wurden 52 Prozent mehr registriert. Die Zahlen sind so hoch wie seit Anfang der 1990er nicht mehr. Auffällig ist, dass offenbar Gangs mehr aneinandergeraten und dass die Zahl der jugendlichen Opfer und Täter bei Schießereien merkbar gestiegen ist, was möglicherweise mit dem Schließen von Schulen zur Bekämpfung der Pandemie zu tun haben könnte.

Als Erklärung wird angeführt, dass einfach mehr Menschen mit Schusswaffen bewaffnet unterwegs sind oder solche besitzen. Auch die Zahl der Selbstmorde mit Schusswaffen ist auf Rekordhöhe. Tatsächlich sind im Wahljahr, auch aus Angst vor den Unruhen, den Forderungen nach weniger Polizei und der Erwartung, dass die Gewalt nach der Wahl ansteigen wird, eine Rekordzahl an Schusswaffen verkauft worden. Auch viele, die bislang niemals eine Schusswaffe hatten, haben sich bewaffnet. Als weiterer Grund gilt, dass die häufigen Proteste und Demonstrationen in vielen Städten dazu führten, dass Polizisten aus Spezialabteilungen in den normalen Streifendienst verlegt wurden, wodurch Gebiete mit hoher Kriminalität weniger überwacht worden wären. Das hätten Drogenbanden und Gangs nutzen können. Zudem hätten die Demonstrationen und die Notwendigkeit, die Polizisten vor Covid-19 zu schützen, proaktive Polizeiarbeit geschmälert.

In Kansas City haben sich die Morde fast verdoppelt, schwere Körperveletzungen nahmen um 75 zu. "Die Menschen sind im Krisenmodus", erklärte der Staatsanwalt Mark A. Dupree des Wyandotte County der Washington Post. So viele Menschen saßen in ihren Wohnungen fest, gingen nicht zur Arbeit und nicht zur Kirche. Sie saßen nur untätig herum. Wir haben gesehen, dass Menschen aus Dummheit, ohne jeden Grund, starben. Das haben wir ein Jahr zuvor nicht beobachtet."

Zuerst war man davon ausgegangen, dass Kriminalität durch die ersten Lockdowns im Frühjahr ingesamt allein schon mangels Möglichkeit zurückgegangen ist. Der Anstieg der Morde und Schießereien in den USA verdankt sich wohl vor allem der mangelnden sozialen Absicherung und der Tatsache, dass das Vorhandensein von immer mehr Schusswaffen den Kreislauf in Gang setzt, dass sie auch immer mehr und schneller eingesetzt werden, allein schon, weil man nicht weiß, ob das Gegenüber auch eine Schusswaffe besitzt, oder weil man sie verwendet, einfach weil man sie hat.

Es wird schon von einer "Epidemie der Morde" in den USA gesprochen, und es werden Vergleiche zur Gewalt in Mittelamerika gezogen, Oakland, so der dortige Polizeichef, gleiche einem Kriegegebiet. (Florian Rötzer)