USA: Covid-Infizierte sterben in Krankenhäusern und Pflegeheimen allein

Bild: Ferdinand Hodler: Valentine Godé-Darel im Krankenbett. Kunstmuseum Solothurn, gemeinfrei.

Die Schutzmaßnahmen haben den Trend umgekehrt, dass immer mehr Menschen Zuhause sterben. In Krisenzeiten fehlt kulturell und individuell eine Kultur des Todes

Man lebt nicht nur in der Regel anders in den Zeiten der Coronavirus-Pandemie, indem sich das Zentrum des sozialen Lebens nach außen verschoben hat, man stirbt auch anders. Auch hier herrscht soziale Distanzierung, was bei Kranken oft heißt, dass sie in Isolation leben und auch starben. Nach einer Untersuchung von Wissenschaftlern der Northwestern University erleben die mit Covid-19 Infizierten, die Krankenhäusern sterben, das Schicksal von Aussätzigen. Sie sterben oft alleine - mit einer 12 Mal größeren Wahrscheinlichkeit als Patienten mit irgendeiner Erkrankung 2018.

In der Studie, die Anfang Juli im Journal of the American Geriatrics Society erschienen ist, haben die Wissenschaftler erstmals untersucht, wo die mit Covid-19-Infizierten in den USA sterben. Das sei ein wichtiges Indiz für die Qualität der Pflege und der Erfahrung des Patienten und seiner Familie.

Wegen der Beschränkungen im Zuge der Pandemie-Bekämpfungsmaßnahmen durften viele Angehörige auch nicht Sterbende in Krankenhäuser besuchen und von ihnen Abschied nehmen. Das betraf einen großen Teil der Todesfälle, allerdings mit großen Unterschieden zwischen den Bundesstaaten.

Zwischen 1. Februar und 23. Mai starben nach den CDC an oder mit Covid-19 81.372 Menschen (81 Prozent im Alter über 65 Jahren). Davon in Krankenhäusern fast 69 Prozent und in Pflegeheimen fast 23 Prozent. Zuhause nur 5,2 Prozent. Im Vergleich starben an allen Krankheiten im selben Zeitraum 2018 fast 36 Prozent in Krankenhäusern, 19 Prozent in Pflegeheimen und 31 Prozent Zuhause.

Der Unterschied ist immens. Und er betrifft nicht nur die Menschen, die in Krankenhäusern isoliert alleine sterben, sondern auch die Angehörigen, die sich nicht vom Sterbenden verabschieden können, wenn sie dies wollen. Mit Covid-19 ist der bisher vorherrschende Trend, dass mehr Menschen Zuhause sterben können, in sein Gegenteil umgekippt.

Nun könnte man meinen, dass die Wissenschaftler vor allem empfehlen würden, wie in Krankenhäusern und Pflegeheimen Angehörige ihre Sterbenden begleiten oder zumindest noch einmal sehen können. Gefordert wird zwar, dass Krankenhäuser und Pflegeheime entsprechende Schutzkleidung für das Personal und Testkapazitten für die Besucher vorhalten sollten, wenn sie wieder öffnen, um die Patienten zu schützen.

Aber man ist ja modern, weswegen diese Einrichtungen eine "virtuelle Infrastruktur" einrichten sollten. So sagt Sadiya Khan, Präventivmedizinerin für Epidemiologie und Mitautorin: "Wir können uns nicht nur auf die persönlichen iPhones und iPads verlassen", als ob es nur Apple-Produkte gäbe. "Es gibt in jedem Zimmer eine Festnetzverbindung. Warum können wir nicht in jedem Zimmer ein virtuelles Telefon oder einen Zugang zu einer Face-to-Face-Kommunikation für jeden Patienten und seine Familie haben?"

Damit würde weiterhin jeder alleine sterben, auch wenn er oder sie die Angehörigen noch auf dem Bildschirm sehen und mit ihnen reden kann. Am Ende wird aber nicht mehr geredet, sondern findet der Übergang in den Tod, wenn es gut geht als Einschlafen, statt. Da wäre ein virtuelles Telefon kaum angemessen, weil hier auch der körperliche Kontakt für den endgültigen Abschied wichtig sein würde.

Die Studie öffnet dennoch die Augen, weil man erkennt, wie schnell aus Ängsten vor einer Bedrohung und schnell entschiedenen Sicherheitsvorkehrungen unnötiges Leid erwachsen kann. Auf tödliche Bedrohungen sind die Gesellschaften in der Regel, abgesehen vielleicht von militärischer Gewalt und Kriminalität ebenso wenig vorbereit wie die Einzelnen auf ihren Tod und den ihrer Angehörigen. Covid-19, die Pandemie und das globale Wissenschaftsexperiment, könnten Anlass sein, das zu verändern - ohne dass Virtualität, also der Einschluss in technische Isolationsblasen, zum Heilmittel verklärt wird, auch wenn sie in vielen Hinsichten nützlich ist und die Handlungsmöglichkeiten erweitert.

Wenn Gesellschaften und Politiker derzeit teils überreagieren, um den Tod zu verbannen, der an anderer, gewohnter Stelle akzeptiert wird, wenn beispielsweise Verhungernde ihrem Schicksal überlassen, gefährliche Substanzen nicht verboten oder gewaltige Unterschiede der Lebenserwartung je nach Schichtzugehörigkeit als selbstverständlich erachtet werden, ist dies auch ein Hinweis darauf, dass der moralische Kompass nicht richtig justiert ist. Und das trifft auf die "Lebensretter" in der Corona-Pandemie ebenso zu wie auf "Nicht-schlimmer-als eine-Grippe"-Fraktion. (Florian Rötzer)