USA: Der demografische, ökonomische und politische Niedergang der weißen Arbeiterklasse

Ein Bericht der Federal Reserve Bank of St. Louis weist auf dramatische Veränderungen in den USA hin, die die Wut der weißen Unterschicht und Trump-Wähler erklären können

Wir hatten schon berichtet, dass sich die politische Landschaft in den USA durch die Binnenmigration zwischen den Bundesstaaten verändern wird. Die drei größten Metropolregionen beginnen an Bevölkerung zu verlieren, jüngere, gut ausgebildete Amerikaner wandern aus den dicht gepackten Großstädten in Bundesstaaten mit geringerer Bevölkerungsdichte, die teilweise bislang Republikanerterritorium waren. Großstädte mit mehr als einer halben Million Bewohnern haben im vierten Jahr nacheinander junge Menschen im Alter zwischen 25 und 39 Jahren verloren, die Attraktion der Großstädte könnte auch wegen der hohen Wohnungs- und Lebenshaltungskosten am Schwinden sein. Schon relativ geringfügige demographische Veränderungen können in den Swing States das Wahlergebnis verändern.

Nach North Carolina sind seit 2008 durchschnittlich jährlich 234.000 neue Wahlberechtigte gezogen, die im Schnitt besser ausgebildet waren als die ansässige Bevölkerung, von der 188.000 jährlich weggezogen sind. Insgesamt sind 2017 2,4 Prozent der Wahlberechtigten in einen anderen Bundesstaat gezogen. Und nach einer Analyse der Zeitschrift Time wächst die Bevölkerung in den südlichen Bundesstaaten mit einem höheren Anteil an Latinos beträchtlich. 2016 gab es 5,2 Millionen wahlberechtigte Latinos, 2020 werden es schätzungsmäßig 5,8 Millionen sein, also 600.000 mehr, die, wenn sie überhaupt zur Wahl gehen, eher nicht die Republikaner und Trump wählen.

"Je größer sie sind, desto tiefer fallen sie"

Besonders auffällig ist, dass nach einem Bericht der Federal Reserve Bank of St. Louis die Zahl der weißen Amerikaner aus der "Arbeiterklasse", worunter man diejenigen versteht, die keinen College-Abschluss gemacht haben, auf den für die USA bislang niedrigsten Anteil an der Bevölkerung gefallen ist. Weniger als 40 Prozent macht diese Schicht noch aus, die erheblich zu dem Wahlerfolg von Trump beigetragen hat und auch anfällig für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ist, weil sie ihre gesellschaftliche Dominanz verliert. 1975 hatte diese Schicht noch 71 Prozent der Bevölkerung ausgemacht. 66 Prozent aus dieser Schicht haben Trump gewählt, nur 29 Prozent Clinton, bei den Männern waren es sogar 71 Prozent. Weiße, die keine Hochschulausbildung haben, wählen eher die Republikaner, mit einer Hochschulausbildung werden die Demokraten bevorzugt.

Noch ist die weiße Arbeiterklasse die größte demografische Gruppe, aber es ist absehbar, dass sie zu einer Minderheit wird, nach Schätzungen ab 2024. Das ist sie schon jetzt im Westen und Nordosten der Vereinigten Staaten, nur im Midwest stellt sie noch eine Mehrheit. Der Bericht hebt schon im Titel die demografische Veränderung der USA hervor: "Je größer sie sind, desto tiefer fallen sie: Der Niedergang der weißen Arbeiterklasse". Ab 2045 könnten die Weißen zwar noch die stärkste Gruppe sein, aber weniger als 50 Prozent der Bevölkerung stellen. Jetzt haben sie einen Anteil von 60 Prozent. Nach einer Pew-Umfrage sagen 56 Prozent der Weißen, es sei hilfreich, in der Gesellschaft voranzukommen, wenn man weiß ist, bei den Asiaten, Schwarzen und Latinos meinen dies mehr.

Aber der Befund reicht weiter und kann auch so möglicherweise die tiefe Kluft in der Bevölkerung und die Wut bzw. Angst der weißen Schichten erklären, die keinen Hochschulabschluss besitzen. Zwar verringert sich auch insgesamt der Anteil der weißen Amerikaner, beim Schrumpfen der Arbeiterklasse spielt allerdings auch eine Rolle, dass verstärkt, sofern finanziell möglich, eine Hochschulausbildung angestrebt wird. Dazu kommt die zurückgehende Geburtenrate der Weißen relativ zur nicht-weißen Bevölkerung und nicht zuletzt die Opioid-Epidemie, die am stärksten die weiße Arbeiterklasse heimgesucht und neben Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Selbstmorden die Zahl der Todesfälle in die Höhe getrieben und die Lebenserwartung gesenkt hat.

Kluft zwischen weißer Arbeiterklasse und weißen Hochschulabgängern

Dazu kommt, dass die weiße Arbeiterklasse auch an Vermögen und Einkommen verloren hat, während es den Weißen mit Hochschulausbildung nach Einkommen und Vermögen deutlich besser geht. Die Autoren des Berichts sagen, das weise darauf hin, dass es nicht auf die Hautfarbe ankomme. Auch Ausbildung und Klasse können nicht entscheidend sein, denn Familien der schwarzen und Latino-Arbeiterklasse erzielten Fortschritte, während die weiße Arbeiterklasse ärmer wurde. Erklärt werden kann dies vermutlich dadurch, dass ihre traditionellen Vorteile gegenüber den Nicht-Weißen geringer wurden, weil mehr Latinos und Schwarze zumindest auch die Highschool abschließen, Zugang zu besser bezahlten Jobs haben und Arbeitsplatzdiskriminierung geringer wurde.

Und das hat auch wieder Auswirkungen auf die Politik. Das mediane Haushaltseinkommen in demokratischen Wahlkreisen beträgt nach einer Analyse von Brookings 61.000 US-Dollar, in republikanischen 53.000 US-Dollar. Das lässt Trumps Spruch, Amerika wieder größer zu machen, anders klingen.

Allerdings schrumpfen die Unterschiede bei Einkommen und Vermögen nur in der Arbeiterklasse, die Unterschiede zwischen Weißen gegenüber Schwarzen und Latinos sind hingegen bei den Amerikanern mit Hochschulausbildung größer geworden. Und während die Einkommenskluft zwischen der weißen Arbeiterklasse und den weißen College-Abgängern seit Ende der 1990er Jahre steigt, schrumpft sie bei den Latinos und Schwarzen. Trotz des "Niedergangs" der weißen Arbeiterklasse ist deren medianes Familienvermögen noch immer neunmal höher als das einer schwarzen Familie der Arbeiterklasse. Bei den Hochschulabgängern haben die Schwarzen und Latinos seit der Finanzkrise Vermögen verloren, während die weißen Haushalte dies fast verdoppeln konnten.

Der Einkommensanteil der weißen Graduierten stieg von 1989 mit 41 Prozent auf 53 Prozent in 2016 an, deren Bevölkerungsanteil wuchs aber nur um 6 Prozent. Der Anteil der weißen Arbeiterklasse ging hingegen von 45 Prozent auf 27 Prozent zurück. 1989 hatten die weiße Mittelklasse und die weißen Hochschulabgänger mit 45 bzw. 46 Prozent etwa einen gleichen Anteil am Vermögen. Bis 2016 hatte sich dramatisch verschoben. Die Hochschulabgänger haben ihren Anteil auf 67 Prozent verbessert, der der weißen Arbeitsklasse ist auf 22 Prozent gesunken.

Diese Zahlen können den Hass zwischen den politischen Lagern verständlich machen, den neuen Rassismus, aber auch den Konflikt zwischen den gutverdienenden liberalen Anhängern der Demokraten und den abrutschenden konservativen, rechten und nationalistischen Anhängern der Republikaner. Es ist wahrscheinlich der Gegensatz, der in Deutschland die traditionellen Volksparteien schrumpfen lässt und den Gegensatz zwischen den Anhängern der AfD und der Grünen vertieft. (Florian Rötzer)