USA: Fast ein Fünftel der 70-74-Jährigen arbeitet noch

Die US-Behörde für Arbeitsstatistik erwartet, dass der Anteil weiter steigt, mehr als ein Drittel der Menschen bis 70 Jahren wird danach 2026 noch arbeiten

Es ist ein Mix aus Altersarmut und aus Lust oder Langeweile, weit über das Renteneintrittsalter hinaus arbeiten zu müssen oder zu wollen. Das macht die Diskussion um eine Flexibilisierung oder das Verändern des Renteintrittalters so schwierig, weil zunehmend mehr Menschen nicht mehr von der Rente leben können. Wenn die einen wollen und die anderen müssen, lässt sich das nicht über einen Kamm scheren.

Die USA sind hier mit einem noch geringeren Sicherheitsnetz, an dessen Abbau die Republikaner und US-Präsident Trump arbeiten, gewisserweise Avantgarde. Nach Zahlen des Bureau of Labor Statistics arbeiten jetzt schon arbeiten 8,4 Prozent der Über-75-Jährigen weiter, 2006 waren es noch 6,4 Prozent, 1996 4,7 Prozent. Setzt man den Trend fort, würden es 2026 10,8 Prozent sein. Da es mehr ältere Menschen gibt, steigt die Zahl absolut und relativ. Was noch erstaunlicher ist, dass der Anteil der arbeitenden Menschen zwischen 75 und 79 Jahren noch einmal höher liegt, nämlich bei 21,1 Prozent. Vermutlich sterben in dieser Altersgruppe mehr Menschen, so dass die kräftigen und gesunden übrigbleiben.

Es sind aber nicht mehr zunehmend Greise, die weiter einer Einkommenstätigkeit nachgehen, sondern auch "jüngere" Menschen, die ihr Pensionsalter bereits erreicht haben. Unter den Menschen, die über 65 Jahre alt sind, gingen 2016 mehr als 19 Prozent einer Arbeit nach, 4 Prozent mehr als ein Jahrzehnt zuvor.

Blickt man auf die Männer, so können sie zunehmend mehr das Arbeiten nicht lassen oder werden zum Weiterarbeiten gezwungen. Die Zahlen der Arbeitsbehörde geben nicht wieder, wer weiter arbeiten will und wer muss, weil die Rente nicht reicht. Fast 37 Prozent der 65-69-jährigen Männer haben 2016 gearbeitet, was bis 2026 auf über 40 Prozent ansteigen soll. Bei den Frauen sind es 2016 auch bereits 28 Prozent gewesen, was aber dennoch viel weniger als bei den Männern ist.

Ob das so bleibt, ist bei der Veränderung der gesellschaftlichen Rollen fraglich, da mehr Frauen arbeiten, auf die gut bezahlten Stellen vorrücken oder selbständig gut verdienen und die Männer auf dem absteigendem Ast sind. Gut möglich, dass mehr Männer in höherem Alter arbeiten müssen, weil ihnen das Geld nicht reicht, während Frauen weiter arbeiten, weil sie in Führungspositionen oder selbständig sind.

Der Unterschied zu Deutschland ist noch groß. Während in den USA 32,2 der 65-74-Jährigen noch arbeiten, sind es in dieser Altersgruppe in Deutschland nur 11 Prozent oder 942.000 der 8,3 Millionen Personen in diesem Alter. "Vor zehn Jahren war der Anteil gerade einmal halb so hoch (5 %) gewesen", schreibt das Statistische Bundesamt. Die Zahl relativiert allerdings, weil als erwerbstätig schon jemand gilt, der einmal in der Woche mindestens eine Stunde lang einer bezahlten, selbstständigen oder mithelfenden Arbeit nachgeht. Eine noch kleine Rolle wird dabei auch die seit 2012 schrittweise erfolgende Erhöhung der Regelaltersrente auf 67 Jahre sein. 37 Prozent sind vom Erwerbseinkommen abhängig, d.h. die ausgeübte Tätigkeit war die vorwiegende Quelle des Lebensunterhalts.

Die Statistik eröffnet keine weiteren Erkenntnisse. Ein Artikel in der New York Times feiert letztlich nur die Akademiker, die weiter arbeiten wollen oder dies müssen, weil sie etwa ihren Kindern den Aufstieg finanzieren wollen. Der Titel ist entsprechend suggestiv: "Asked About Retiring, They Have a Simple Answer: Why?"

Aber Ärzte und Psychiater, Richter und Investoren machen nicht die Masse aus. Wer schwere oder anstrengende körperliche Tätigkeiten ausführen muss, wird in der Regel mit 75 Jahren nicht mehr arbeiten können - und es wird auch keinen Bedarf geben. Selbst für diejenigen, die genug Rente oder Vermögen haben, um sich ein angenehmes, sorgenfreies Dasein ermöglichen zu können, sehen sich einer weiteren Ungerechtigkeit gegenüber, wenn sie aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen und nicht mehr gebraucht werden. Privilegiert sind nicht nur die wohlhabenden Alten, sondern auch diejenigen, die selbstbestimmt und auf flexible Weise weiterarbeiten können, wenn sie dies wollen.

Die soziale Spaltung zwischen denjenigen, die weiter arbeiten können und wollen, und denjenigen, die dies nicht können und wollen, geht auch aus dem Arbeitszeitreport 2016 indirekt hervor: "Die meisten Personen, die im Ruhestandsalter noch erwerbstätig sind, sind männlich (69 %), selbstständig beziehungsweise in anderer Form nicht abhängig beschäftigt (61 %) und arbeiten im Dienstleistungsbereich (55 %). Ein Drittel der Erwerbstätigen im Ruhestandsalter ist solo-selbstständig und etwa jeder Zehnte hat mehrere Erwerbstätigkeiten. Die Erwerbstätigen im Alter von über 65 Jahren sind vergleichsweise hochgebildet (60 % mit hohem und 35 % mit mittlerem Bildungsniveau). Ihren Gesundheitszustand schätzen die im Ruhestandsalter noch Erwerbstätigen im Mittel genauso gut ein wie die Erwerbstätigen im Alter bis 65 Jahre. Die Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance ist vergleichsweise hoch." (Florian Rötzer)

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