USA: Kalorienauszeichnungspflicht für Restaurantketten

Amerikanische "Supreme Pizza". Foto: Scott Bauer, United States Department of Agriculture.

Studien deuten darauf hin, dass die Angabe Übergewichtige kaum interessiert

Am 7. Mai 2018 soll in den USA eine Regelung in Kraft treten, die Bestandteil des Obamacare-Pakets ist, aber mehrmals verschoben wurde. Sie verpflichtet Restaurants, Supermärkte, Tankstellen und Kinos, zum Sofortverzehr angebotene Lebensmittel mit Kalorienangaben zu versehen.

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Zuletzt hatte Präsident Donald Trump das für Mai 2017 vorgesehene Inkrafttreten der Regelung verschoben. Dass sie nun trotz Trumps Ankündigung, Unternehmen von Vorschriften zu befreien, praktisch in der Version von 2015 in Kraft treten soll, überraschte viele Beobachter in US-Medien. Sie hatten damit gerechnet, dass der Anwendungsbereich der Vorschrift auf Restaurantfilialen beschränkt wird. Noch mehr überraschte, dass Scott Gottlieb, der Chef der Lebens- und Arzneimittelaufsichtsbehörde FDA, weitere Maßnahmen der Trump-Administration ankündigte: Ihm zufolge wird derzeit an einer "breiteren" und "neuartigen" Initiative gearbeitet, die über Informationen zu Nahrungsmitteln eine Verbesserung der Volksgesundheit erwirken soll. Details dazu wollte Gottlieb nicht verraten.

Ob die im Mai in Kraft tretende Auszeichnungspflicht diese Volksgesundheit verbessert, ist offen. Studien und Meta-Analysen deuten darauf hin, dass sich ein Effekt - sofern er überhaupt eintritt - in Grenzen halten wird, weil die Kalorienangaben fast nur von solchen Kunden beachtet werden, die ohnehin schlank sind und auf ihre Linie achten. Für eher möglich hält man, dass manche Ketten Portionen verkleinern oder Rezepturen verändern, um Kalorienangaben (ähnlich wie bei Preisen) unter psychologisch wirksame Schwellen zu drücken. Das hätte dann indirekt auch Auswirkungen auf Kunden, die die Kalorienangaben nicht interessieren.

Zudem ist umstritten (und wahrscheinlich auch individuell verschieden), welches Gewicht tatsächlich das gesündeste ist: In den letzten Jahren zeigten Studien beispielsweise, dass übergewichtige Personen nicht nur eine höhere Lebenserwartung haben als untergewichtige, sondern auch als normalgewichtige. Einige Mediziner versuchen das damit zu erklären, dass Übergewichtige öfter zum Arzt gehen. Andere, wie beispielsweise Werner Bartens, sehen eine angemessenere und einfachere Lösung des Problems darin, das, was jetzt als Übergewicht gilt, zum neuen Normalgewicht zu erklären.

Das wäre für Bartens, der nicht nur Mediziner, sondern auch Historiker ist, auch deshalb angemessen, weil er mit seiner diachronischen Sichtweise darauf hinweist, dass nicht nur Körperformen, sondern auch Verhaltens- und Gesundheitsvorstellungen Modetrends unterliegen, die keine Erkenntnisgrundlage haben - man denke nur daran, wie sehr sich das Ideal des weiblichen Körpers von der Belle Époque bis in die späten 1960er Jahre verändert hat. Geht man bis zur Venus von Willendorf zurück, wird dieses Phänomen noch deutlicher sichtbar (vgl. UK: Regierung führt Limonadensteuer ein).

Die Informationen für betroffene Unternehmen, die die FDA letzte Woche veröffentlichte, schreiben die Auszeichnungspflicht zudem auch in Bereichen vor, in denen der Kunde Waagen oder Messbecher mitbringen müsste, um aus den Angaben seine Kalorienzufuhr zu berechnen - zum Beispiel an Buffets. Auch die Verpflichtung, für jede der in den USA häufig sehr zahlreichen Belagskombinationen für Pizze gesondert die Kalorien auszuweisen, erscheint nicht jedem Beobachter verhältnismäßig.

Anders als in einigen deutschen Medien suggeriert, betrifft die Verpflichtung aber keine echten Kleinunternehmer, sondern lediglich Ketten, die über mindestens 20 Filialen verfügen. Viele dieser Ketten - darunter McDonald's, Subway und Starbucks - machen diese Angaben bereits jetzt.

Dass Klein- und Familienbetriebe sich diesen Aufwand sparen können, ist ein Unterschied zu vielen Nahrungsmittelvorschriften in der EU. Die führten in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem dazu, dass viele Metzgereien schlossen, weil nur Großbetriebe die immer aufwendigeren und teureren Vorgaben aus Brüssel erfüllen konnten. Das hatte (außer längeren Tiertransporten) auch die Nebenwirkung, dass Verbraucher ihr Fleisch heute häufig in Supermärkten kaufen müssen, wo sie weit weniger Informationen dazu bekommen als früher in den Fachgeschäften mit Vor-Ort-Schlachtung. Ähnliche Tendenzen gibt es in der Landwirtschaft, wo immer strengere Tierhaltungs- und Umweltvorschriften, die sich nur für Großbetriebe rentieren, Bauern zum Aufgeben zwingen. (Peter Mühlbauer)

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