USA: Reiche Alte, arme Junge

Kaum Aussichten für Schulabsolventen auf Arbeit, nur auf Frust im Hotel Mama

Der sprichwörtliche Elfenbeinturm hat in Chicago einen Namen, das Hochhaus des Chicago Board of Trade. Von dort oben werden den Occupy-Demonstranten unten Botschaften aus einer anderen Welt zugeschickt: So trudelten den Demonstranten kopierte Flugblätter mit der Inschrift: "Wir sind das eine Prozent, das dies hier bezahlt" entgegen oder wie vergangene Woche Bewerbungsbögen für einen Job bei McDonald's.

Zur Erinnerung: Anfang dieses Jahres schrieb McDonald's 50.000 neue Jobs aus, es meldeten sich eine Millionen Bewerber, 60.000 wurden genommen (Im neuen Zeitalter des Superjobs putzt jeder auch die Fenster..).

Die Flugpost aus den Fenstern des Chicago Board of Trade-Wolkenkratzers lässt nicht durchblicken, woher die Selbstgefälligkeit der Botschaften stammt. Nicht unwahrscheinlich ist, dass es sich zwischen denen da oben im Warmen und denen da unten in der Kälte um unterschiedliche Generationen handelt, mit jeweils ganz anderen Lebensumständen, welche die Bewohner des Elfenbeinturms nicht zur Kenntnis nehmen wollen, weil sie "ahnungslos" sind (siehe "Clueless Generation" in Occupy Wall Street's Age Divide). Während die sogenannte Babyboomer-Generation eine gut gefüllte Berufsbiografie im Rücken hat, haben die jüngeren, die sich mit dem Etikett "lost Generation" herumschlagen müssen, schwierige Zeiten und viele vergeblich verschickte CVs vor sich.

Die Arbeitslosigkeitsrate von jungen Männern zwischen 25 und 34 Jahren mit High-School- Abschluss ist seit dem "Vorkrisenjahr" 2007 von 6,1 Prozent auf 14,4 % gestiegen. Bei den etwas Jüngeren, den 20- bis 24-jährigen Highschool-Absolventen, liegt sie bei 22,4 Prozent. Die Steigerung seit 2008 beträgt über 10 Prozent.

Die Arbeitslosigkeit trifft vor allem junge Männer. Erklärt wird dies unter anderem damit, dass die Baubranche zu den am härtesten von der Rezession betroffenen Beschäftigungsfeldern gehört, nicht aber das Gesundheits- oder Erziehungswesen, wo mehr Frauen Arbeit finden. Falls die jungen Bewerber doch einen Job finden, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie weniger verdienen, als wenn sie den Job vor Jahren gefunden hätten. Am schlechtesten trifft es laut Wall Street Journal diejenigen, die ihren Abschluss in den Krisen-Jahren 2008 und 2009 gemacht haben. Unternehmen stellen der Zeitung zufolge lieber Neu-Absolventen ein und scheuen davor zurück, solche einzustellen, deren Abschluss und Ausbildung schon eine Weile zurückliegt und hinzukommt, dass sie seither arbeitslos waren:

Recruiters assume a recent graduate has fresher skills—such as experience with a computer program's latest version—than someone who graduated three years ago and hasn't taken refresher courses.

So kommt es, dass der Entschluss, bei den bei den Eltern wohnen zu bleiben, in den vergangenen vier Jahren laut amtlicher Statistik häufiger getroffen wird:

The share of men age 25-34 living with their parents jumped to 18.6% this year, up from 14.2% four year ago and the highest level since at least 1960, according to the Census Bureau.

Ob das unfreiwillig engere Zusammenleben zu einem größeren Verständnis der älteren und jüngeren Generationen beiträgt, ist freilich fraglich. Solche Beziehungen sind kompliziert, ein ganzer Berufszweig lebt von daraus entstehenden Komplikationen. Hinzu kommt nun, wie eine Studie von Pew beschreibt, dass sich zwischen den ökonmischen Lebensverhältnissen der Jüngeren und der Älteren eine wachsende Kluft aufgetan hat.

So steht dem "typischen Haushalt", der von Personen über 50 geführt wird, im Mittel ein weit über 40fach größeres Vermögen zur Verfügung als dem "typischen Haushalt" von Unter-35-Jährigen. Für Haushalte von Unter-35-Jährigen kommt die Studie, die auf amtlichen Daten basiert, auf ein Durchschnittsvermögen von 3.662 Dollar. Dagegen verfügten Haushalte von 55-bis 64-Jährigen über ein Vermögen von durchschnittlich 160.000 Dollar.

Nun sind Statistiken mit Vorsicht zu genießen, umso mehr, wenn die Berechnungsgrundlagen möglicherweise ausstehende Erbschaften nicht erfassen. Und es erklärt sich von selbst, dass man im Laufe eines Lebens mehr Geld angesammelt hat als am Anfang des Arbeitslebens. Bezeichnend wird der Unterschied auch erst im Vergleich zu früheren Statistiken. Und die zeigen, dass sich die Unterschiede seit 1984 vergrößert haben. Damals war der Unterschied der Vermögen proportional kleiner:

Back in 1984, this had been a less lopsided ten-to-one ratio. In absolute terms, the oldest households in 1984 had median net wealth $108,936 higher than that of the youngest households. In 2009, the gap had widened to $166,832.

Der Unterschied zeigt sich auch im Einkommen, das sich für die Jüngeren im Laufe der letzten Jahre verschlechtert hat:

The sources of income for households headed by adults ages 65 and older include a steady share of total income, about 55%, from Social Security over the past three decades. Older households also have a rising share of income from wages and salaries, while households headed by young adults have lower shares from wages and salaries, compared with similar households a decade ago.

Es sieht demnach ganz danach aus, als ob der Unterschied zwischen den amerikanischen Babyboomers und der nachwachsenden Generation mit dem gängigen Satz, dass sie es nicht mehr besser haben werden als ihre Eltern, nur verharmlosend wiedergegeben wird.

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