USA: Riskante Begegnungen mit der Polizei

Verkehrskontrollen sind in den USA riskant. Bild: versageek/CC-BY-SA-2.0

Jährlich werden über 55.000 Menschen verletzt oder getötet, wenn sie von der Polizei angehalten oder festgenommen werden

In den USA lebt man gefährlich, wenn man es mit der Polizei zu tun bekommt. Nach einer in der Zeitschrift Injury Prevention veröffentlichten Studie wurden von Polizisten 2012 55.400 Menschen bei legalen Kontrollen, bei denen Personen auf der Straße angehalten und durchsucht werden, bei Verkehrskontrollen sowie bei Festnahmen verletzt oder getötet. Mehr als 1000 Menschen wurden getötet, in der Regel durch Schusswaffen, die in 95 Prozent der Fälle dafür verantwortlich waren. 54.300 Menschen mussten nach der Begegnung mit der Polizei im Krankenhaus behandelt werden. Von den 1063 Getöteten, von denen die Studie durch die Auswertung verschiedene Quellen ausgeht, wurden 1.014 Menschen mit Schusswaffen getötet und 2.067 verletzt.

In Deutschland wurden 2014, um einen Vergleich zu haben, 7 Personen von der Polizei getötet, 2013 waren es 9 Personen, nach nicht-offiziellen Angaben 2015 8 Personen. Verletzt wurden 2014 durch Schusswaffengebrauch der Polizisten 31 Personen, darunter war auch ein Unbeteiligter. Es ist also sehr viel wahrscheinlicher, dass in den USA eine Begegnung mit der Polizei für den Betroffenen schlecht ausgeht als in Deutschland. Geht man in Deutschland von einer Bevölkerung von fast 82 Millionen aus, dann sollten in den USA mit einer Bevölkerung von 322 Millionen nur 28 Menschen durch Polizisten mit Schusswaffen getötet werden, falls die Länder vergleichbar wären. Die Zahlen machen deutlich, dass es deutlich gefährlicher ist, in den USA von Polizisten kontrolliert oder festgenommen zu werden. Auch Großbritannien unterscheidet sich ebenfalls drastisch von den USA. Dort wurde von März 2015 bis März 2016 überhaupt nur in sieben Fällen von Schusswaffen gegen Personen Gebrauch gemacht - und das ist schon ein langjähriger Rekord.

In Deutschland, um kurz dabei zu bleiben, werden weitaus mehr Menschen von Polizisten im Dienst getötet, als Polizisten von Kriminellen getötet werden. 2013 wurde ein Polizist getötet, 2014 und 2015 keiner. Der Schusswaffengebrauch durch Polizisten steigt kontinuierlich. 1996 haben Polizisten 2.595 Mal von ihrer Schusswaffe Gebrauch gemacht, 2014 schon 10.336 Mal. Das klingt allerdings vermutlich dramatischer, als es wirklich ist.

Fast immer wird gleichbleibend über die Jahre hinweg die Schusswaffe gegen Tiere und Dinge eingesetzt. 2014 schossen Polizisten 10.157 Mal auf Tiere, beispielsweise angefahrene und verletzte Rehe, und 47 Mal auf "Sachen" wie Türen oder Autoreifen, nur in 133 Fällen auf Personen. Davon waren wiederum 65 Warnschüsse und 22 richteten sich gegen "Sachen" in diesem Zusammenhang, also vielleicht Fahrzeuge. Direkt auf Personen geschossen wurde 46 Mal, 41 Mal davon in Notwehr, 20 Mal zur Abwehr von Verbrechen, 26 Mal zur Fluchtvereitlung. Insgesamt soll der Schusswaffengebrauch 7 Mal "unzulässig" gewesen sein.

"Afroamerikaner laufen kein höheres Risiko als Nicht-Latino-Weiße, getötet oder verletzt zu werden, wenn sie angehalten und kontrolliert werden"

Weiße werden in den USA von Polizisten weniger häufig als Afroamerikaner, Latinos und Indianer kontrolliert oder festgenommen. Afroamerikaner zu sein, bedeutet, am häufigsten kontrolliert zu werden. Zwar werden relativ zu den anderen Bevölkerungsgruppen am meisten Afroamerikaner von Polizisten erschossen, aber wenn sie angehalten oder festgenommen werden, laufen Weiße dasselbe Risiko, getötet oder verletzt zu werden.

34 von 10.000 Fällen, bei denen Menschen von Polizisten angehalten oder festgenommen werden, enden in einer Verletzung, die in einem Krankenhaus behandelt werden muss, oder mit dem Tod eines Verdächtigen oder zufällig Anwesenden. Die Gefahr eines tödlichen Schusswaffengebrauchs ist höher, wenn die Polizei jemanden anhält, als bei einem Angriff. Zwar werden junge Menschen eher festgenommen als ältere, aber die Wahrscheinlichkeit, verletzt oder getötet zu werden, wächst mit dem Alter. Männer sind auch bei der Konfrontation mit der Polizei gefährdeter als Frauen.

Die Wissenschaftler halten jedoch fest, was dem verbreiteten Glauben widerspricht: "Afroamerikaner laufen kein höheres Risiko als Nicht-Latino-Weiße, getötet oder verletzt zu werden, wenn sie angehalten und kontrolliert werden. Junge Menschen haben die geringste Wahrscheinlichkeit, verletzt zu werden." Allerdings wenden die Polizisten häufiger Gewalt an, wenn sie Schwarze anhalten oder festnehmen.

Die zweitgrößte Ursache neben Schusswaffen für den tödlichen Ausgang einer Begegnung mit der Polizei sind Taser-Waffen. Nach den schätzungsweise 1.700 Einsätzen mussten 65 Personen im Krankenhaus behandelt werden und starben 48. Angeblich allerdings nicht in direkter Folge des Gebrauchs der Elektroschockwaffe. Von den ins Krankenhaus Eingelieferten hatten allerdings insgesamt 49 Prozent Alkohol, Drogen oder beides konsumiert, so dass Drogen und Alkohol zusammen mit der Verbreitung von Schusswaffen den Hintergrund der tödlichen Begegnungen bilden. Auch wenn 74 Prozent der Menschen, die von Polizisten getötet wurden, auf diese geschossen, auf sie Waffen gerichtet oder sie auch unbewaffnet angegriffen haben, waren etwa 10 Prozent unbewaffnet.

Die Wissenschaftler beklagen, dass die offizielle Datenlage schlecht ist. Offenbar haben sie nicht die Hoffnung, dass sich an der Polizeigewalt viel ändern wird. Stattdessen raten sie Gruppen mit erhöhtem Risiko, durch Polizisten verletzt oder getötet zu werden, ein "angemessenes Verhalten bei Polizeikontrollen" einzuüben. Damit werden Polizisten anderen Risikogruppen wie Gewalttätern, Dieben oder Räubern gleichgesetzt, gegenüber denen man sich auch so verhalten soll, dass das Risiko vermindert wird, zu Schaden zu kommen. (Florian Rötzer)

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