USA: "Schockierende Bereitschaft, das Töten von Zivilisten eines Gegners zu befürworten"

Nach einer Umfrage spricht sich ein Drittel der Amerikaner für Präventivschläge, auch nukleare, gegen Nordkorea aus, Trump-Anhänger stehen besonders auf "militärische Lösungen"

Die Amerikaner waren die ersten und einzigen, die am Ende des Krieges, militärisch kaum begründbar Atombomben als Massenvernichtungswaffen einsetzten und 150.000 Menschen oder mehr mit den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki töteten. Das hat in den USA nicht zu größeren Reflexionen geführt, sondern nur zu Rechtfertigungen (Die US-Legende über Hiroshima und Nagasaki), zu einer Entschuldigung sieht man sich selbst Jahrzehnte später nicht in der Lage, auch wenn zuletzt Barack Obama immerhin 2016 als erster amerikanischer Präsident zur Teilnahme an der Gedenkfeier Hiroshima besucht hatte - mit dabei hatte Obama den "Fußball", also den Koffer, den ein Adjutant auf Reisen stets in seiner Nähe bei sich hat, um Atomwaffen einzusetzen (Was will US-Präsident Obama in Hiroshima demonstrieren?).

Eine Umfrage, die YouGov für das Bulletin of the Atomic Scientists im Februar durchgeführt hat, erkundete die Einstellung der Amerikaner zum Einsatz von Atomwaffen gegenüber Nordkorea. Ausgangspunkt der Studie war für die Wissenschaftler Alida R. Haworth, Scott D. Sagan und Benjamin A. Valentino die Androhung von US-Präsident Donald Trump, Nordkorea - mit Atomwaffen - zu vernichten, wie er das gerade wieder gegenüber dem Iran hat, nachdem er erst einmal eine Bombardierung von iranischen Zielen als Reaktion auf den Abschuss einer Drohne unterbunden hat.

Im Fall von Nordkorea traf sich Trump mit Kim Jong-un, es kam zu einer Verbrüderung, aber Verhandlungen wurden dann wieder im Februar abgebrochen. Die Nordkoreaner machten dafür das "Gangster-ähnliche Verhalten" von Pompeo und seinem Team verantwortlich. Die Nordkoreaner feuerten im Mai wieder Raketen ab, mit denen sich auch US-Stützpunkte angreifen ließen, Trump hielt an seinem Versöhnungskurs fest, während von Bolton und anderen aus dem Weißen Haus wieder schärfere Töne anschlugen. Die Amerikaner, so die Wissenschaftler, sind über die ambivalente Position der US-Regierung verwirrt, ob Nordkorea nun eine Bedrohung ist oder nicht. Das nahmen sie zum Ausgangspunkt, um zu prüfen, ob die Amerikaner unter diesen Bedingungen den Einsatz militärischer Gewalt und auch von Atomwaffen befürworten würden.

Mehrheit gegen Präventivangriffe, aber ein Drittel dafür

Für die Umfrage erhielten die Befragten einen fiktiven Artikel, in dem stand, dass Nordkorea eine Langstreckenbombe getestet habe, mit der sich die USA erreichen ließ. Politiker würde diskutieren, ob ein großangelegter präventiver Angriff beschlossen werden sollte, um Nordkoreas Atomwaffen zu zerstören. Es wurden sechs Gruppen gebildet, denen unterschiedliche Szenarien über die Folgen vorgelegt wurden, um Risikoeinschätzungen zu konkretisieren: konventioneller oder atomarer Angriff, Vertrauen darauf, dass Nordkoreas Fähigkeit zum Zurückschlagen vernichtet werden kann sowie geschätzte Zahl der amerikanischen, süd- und nordkoreanischen Opfer.

So wurde einer Gruppe beispielsweise gesagt, ein konventioneller Angriff habe eine 90-prozentige Chance erfolgreich zu sein, aber dass eine 10-prozentige Möglichkeit bestehe, dass Nordkorea auf amerikanische Stützpunkte und Südkorea zurückschlagen, was 13.500 Amerikanern und 305.000 Südkoreaner das Leben kosten könne. In einem anderen Szenario könnten drei US-Städte mit 300.000 Opfern getroffen werden. In allen Szenarien wurde davon ausgegangen, dass die amerikanischen Angriffe 5000 nordkoreanische Zivilisten und 10.000 Soldaten töten würden. Bei einem Atomangriff wurde die Zahl der Toten auch einmal auf eine Million Zivilisten und 100.000 Soldaten heraufgesetzt.

Bei der Umfrage lehnte in allen Szenarien eine Mehrheit präventive Angriffe auf Nordkorea ab, auch einen eher symbolischen und kleinen konventionellen Angriff im Rahmen einer Strategie der "Blutigen Nase". Allerdings sind in allen Szenarien 33 Prozent für einen Präventivschlag. Das zeigt, dass ein nicht unbedeutender Teil der Amerikaner der Militärlogik folgt, die US-Regierungen zu eigen ist. Ein Drittel würde auch einen Angriff mit Atomwaffen vorziehen, auch wenn dabei 15.000 nordkoreanischen Zivilisten getötet würden. Nur etwas weniger sind es, wenn dabei eine Million ums Leben kämen. Wenn der Präsident einen solchen Angriff befiehlt, würde sich die Hälfte hinter dessen Entscheidung stellen und diese befürworten.

"Die amerikanische Öffentlichkeit zeigt nur eine begrenzte Aversion gegenüber Atomwaffen"

Wenn Nordkorea ein US-Militärschiff versenken würde, was über 40 Soldaten das Leben kostet, würden sogar 52 Prozent für einen massiven Militärschlag sein und 59 Prozent würden sich dann hinter die entsprechende Entscheidung des Präsidenten stellen, auch wenn die Möglichkeit eines Gegenangriffs besteht. Nur wenn die Chance für einen Gegenschlag auf über 50 Prozent ansteigt, sinkt die Zustimmung für einen vom Präsidenten angeordneten Angriff von 43 Prozent bei einer 10-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf 23 Prozent.

"Die amerikanische Öffentlichkeit zeigt nur eine begrenzte Aversion gegenüber Atomwaffen", so die Autoren, "und eine schockierende Bereitschaft, das Töten von Zivilisten eines Gegners zu befürworten. Alarmierend sei auch, dass die Amerikaner sich bei Krisen und Angriffen hinter den Präsidenten stellen ("rally 'round the flag"). Das könne Präsidenten verleiten, militärische Einsätze zu befehlen, um die Wählerschaft hinter sich zu bringen, die erst dann wieder abfällt, wenn amerikanische Opfer ansteigen und Siegesaussichten schwinden.

Menschen, die Republikaner wählen, sind wenig erstaunlich eher für den Einsatz militärischer Gewalt. Was dem Trump-Lager aber zu denken geben wird, ist, dass Trump-Anhänger noch deutlich stärker militärischen "Lösungen" anhängen. Selbst wenn eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Gegenschlags besteht, wären hier noch 44 Prozent für einen Angriff, allgemein sind es nur 8 Prozent. Möglicherweise liegt Donald Trump aus seiner Perspektive hier falsch, wenn er bislang - abgesehen von Syrien, was seine Popularität kurzfristig in die Höhe trieb - nur mit Angriffen droht. Vermutlich befürworten seine Anhänger (erfolgreiche) Militärschläge zur Machtdemonstration, aber keine neuen Kriege. Was Trump dazu bewegen könnte, doch auch aus innenpolitischen Gründen im Wahlkampf einen begrenzten Angriff zu starten, der aber natürlich immer in einen neuen Krieg umschlagen könnte.

Vertrauen in Waffentechnik erhöht Kriegsbereitschaft

Beunruhigend finden die Autoren auch das hohe Vertrauen in die Wirksamkeit von Präventivschlägen. Es zeuge von fehlender Informiertheit, wenn etwa ein Drittel glaubt, es bestehe eine Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent, dass ein konventioneller Angriff erfolgreich alle nordkoreanischen Atomwaffen zerstören und die Möglichkeit für einen Gegenschlag eliminieren könnte. Überdies sei ein großer Teil der Amerikaner zu optimistisch über die Leistung der amerikanischen Raketenabwehr. 74 Prozent glauben, wenn Nordkorea Atomraketen gegen die USA abschießt, würden hoch wahrscheinlich alle zerstört werden. Wer glaubt, dass ein Angriff erfolgreich alle Atombomben oder dass die Raketenabwehr alle Raketen zerstören kann, ist auch sehr viel stärker für militärische Interventionen.

Die Umfrage zeige, so die Autoren, dass manchen Amerikanern jedes Gespür für ein "nukleares Tabu" abgehe und manche eine Attraktion für den Einsatz von Atomwaffen haben. Die Öffentlichkeit sei wenig informiert über Atomwaffen, Raketenabwehrsysteme und Nordkorea. Empfohlen wird eine "nukleare Erziehung".

Allerdings setzen die Autoren offenbar keine großen Hoffnungen in ihre Mitbürger: "Wissenschaftler und Sozialwissenschaftler können wahrscheinlich die moralischen und strategischen Instinkte im Herzen der amerikanischen Öffentlichkeit nicht ändern. Aber sie können die Fakten kommunizieren und so die Abwägungen einer informierten Öffentlichkeit beeinflussen."