USA: Vertrauen in Massenmedien durch Wahlkampf auf Rekordtiefstand

Nur ein Drittel der Amerikaner geht noch davon aus, dass Medien "die Neuigkeiten vollständig, genau und ausgewogen berichten", bei den Jüngeren ist das Misstrauen höher

Viel ist die Rede davon, dass in Deutschland das Vertrauen in die Medien stark gesunken ist. Man macht dafür nicht nur die Ukraine- und Russland-Berichterstattung verantwortlich, sondern auch rechtspopulistische und rechte Strömungen, die gerne von den "Mainstreammedien" als "Lügenpresse" und "Systemmedien" sprechen, dabei allerdings oft selbst zu einseitigen Medien neigen. 49 Prozent der Deutschen misstrauen nach Daten des Eurobarometers der Presse und 43 Prozent dem Fernsehen, Tendenz steigend (Vertrauensverlust in die Berichterstattung).

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Das Misstrauen in die Medien, die im Verdacht stehen, einseitig oder systemkonform zu berichten, weil sie in Komplizenschaft mit den Mächtigen stünden, ist allerdings kein deutsches Phänomen. Vermutlich hat es mit einer ideologisch und politisch auseinanderbrechenden Gesellschaft zu tun, aber auch mit dem Internet, das die Meinungsvorherrschaft der großen Massenmedien gebrochen hat und einer Vielzahl von Stimmen, die sich in der Konkurrenz untereinander und zu den Massenmedien radikalisieren eine mitunter breite, aber zunehmende zerfallene Öffentlichkeit bietet. Durch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich schwindet die Mitte - gesellschaftlich, politisch und medial.

Ein ähnlicher Prozess der Vertrauenserosion findet auch in den USA statt (siehe aktuell: US-Wahlkampf: Pepe, Dr. Oz und Mutterschutz). Gallup fragt seit 1976 und seit 1997 jährlich die Amerikaner, ob sie den Massenmedien vertrauen, "die Neuigkeiten vollständig, genau und ausgewogen zu berichten". Jetzt sagen noch 32 Prozent, sie hätten großes oder gutes Vertrauen in die Medien. Das sind 8 Prozent weniger als im letzten Jahr, ein scharfer Einbruch, der sicher auch mit dem Wahlkampf zu tun hat, der die amerikanische Gesellschaft mitsamt den Medien polarisiert. Überhaupt kein Vertrauen haben 27 Prozent, nicht sehr viel 41 Prozent.

1976 hatten noch 72 Prozent der Menschen Vertrauen in die Medienberichterstattung, nur 4 Prozent hatten überhaupt kein Vertrauen. Das war ein Rekordwert, der vermutlich mit einer Blütezeit des investigativen Journalismus bei der Aufarbeitung des Vietnam-Kriegs und dem Watergate-Skandal zu tun hatte. Danach hatten bis in die späten 1990er Jahren, als das Internet begann, sich langsam als neues Massenmedium durchzusetzen, noch mehr als 50 Prozent Vertrauen in die Massenmedien. Nach einem erneuten Höhepunkt von 55 Prozent 1999 setzte dann die allmähliche Erosion ein. Einen ersten Tiefpunkt gab es mit 44 Prozent 2004 während des damaligen Präsidentschaftswahlkampfs, bei dem schließlich erneut George W. Bush über seinen demokratischen Herausforderer, den jetzigen Außenminister John Kerry, knapp siegte, wobei das Misstrauen in die korrekte Auszählung wegen der Wahlcomputer groß war. Die USA führte Krieg in Afghanistan und im Irak, bekannt wurden Folter und Misshandlungen von Gefangenen, Bush konnte sich vor allem wegen der anhaltenden und beschworenen Terrorgefahr und des weiter bestehenden Nationalismus durch die Kriege durchsetzen.

In den Wahlkampf wurde die damalige Rekordsumme von 880 Millionen US-Dollar investiert, was natürlich Auswirkungen auf die Öffentlichkeit und die Berichterstattung hatte, zudem gab es immer mehr ideologisch ausgerichtete Online-Medien, die die Stimmung anheizten. 2012 wurden bereits 2,4 Milliarden US-Dollar in den Wahlkampf gesteckt. Dieses Jahr könnte es weniger sein. Bis Juli wurden fast 1,5 Milliarden US-Dollar für den Wahlkampf gespendet.

2005 ging das Medienvertrauen noch einmal mit 50 Prozent in die Höhe, seitdem haben weniger als die Hälfte der Amerikaner noch Vertrauen. Einen Einbruch auf den damaligen Rekordtiefstand auf 40 Prozent gab es wieder 2012 bei den Präsidentschaftswahlen. Nach einem geringen Anstieg 2013 auf 43 Prozent äußerten erneut 40 Prozent 2014 und 2015 Vertrauen in die Massenmedien, um nun beim Wahlkampf zwischen den beiden unpopulären Kandidaten auf 32 Prozent einzubrechen.

Seit 1997 ist allgemein das Vertrauen bei den Sympathisanten der Unabhängigen und vor allem bei denen der Republikaner am geringsten, während die Sympathisanten der Demokraten den Medien das größte Vertrauen entgegenbringen. Noch immer bringen nach der Gallup-Umfrage 51 Prozent der Demokraten den Massenmedien Vertrauen entgegen, aber nur noch 14 Prozent der Republikaner, ein Jahr zuvor waren es noch 32 Prozent. Donald Trump und andere Republikaner haben die Mainstreammedien lange als einseitig und pro-demokratisch dargestellt, tatsächlich neigen die Journalisten der großen Medien eher zu liberalen Ansichten, Zeitungen wie die Washington Post haben jede Zurückhaltung aufgegeben und reiten eine richtiggehende Kampagne gegen Trump. Eine Rolle dürften neben dem extrem pro Republikaner parteiischen Sender Fox News eine Vielzahl von konservativen Online-Medien spielen.

Ältere Menschen bringen den Medien seit 2007 noch ein größeres Vertrauen entgegen als die jüngeren, die sich vermutlich stärker im Internet informieren und eine geringere Bindung an die traditionellen Massenmedien haben, die ihr Informationsmonopol verloren haben. Allerdings ist das Vertrauen in beiden Altersgruppen stark eingebrochen: bei den Über-50-Jährigen von 45 Prozent in 2015 auf jetzt 38 Prozent und bei den 18-49-Jährigen von 36 Prozent auf nur noch 26 Prozent. Interessant ist, dass die jüngeren Menschen noch 2001 höheres Vertrauen in die Berichterstattung der Massenmedien als die ältere Generation hatte. (Florian Rötzer)

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