USA bombardieren Krankenhaus in Kundus

Putin bemängelt, dass westliche Medien schon vor Beginn der russischen Luftangriffe in Syrien über angebliche Opfer berichteten

Am Montag eroberten etwa 700 paschtunische Taliban die nordafghanische Stadt Kundus, in der von 2003 bis 2013 die deutsche Bundeswehr stationiert war. Kundus ist seit den Ende des 19. Jahrhunderts unter britischer Oberaufsicht vorgenommenen Zwangsumsiedlungen des "Eisernen Emirs" ein paschtunischer Wehrort innerhalb des Usbekengebiets (vgl. Das Erbe des "Eisernen Emirs"). In den 1990er Jahren konnten 2.500 Taliban die Stadt gegen eine Übermacht der Nordallianz auch deshalb halten, weil sie sich auf große Teile der paschtunischen Bevölkerung verlassen konnten, die sie nicht nur als Islamisten, sondern auch als Vertreter der eigenen Volksgruppe unterstützten.

Am Mittwoch meldete die afghanische Armee, sie habe die Stadt "weitgehend" zurückerobert. Da immer noch gekämpft wird, scheint diese Meldung nur bedingt zutreffend gewesen zu sein. Bei ihrem Rückeroberungsversuchen erhalten die Regierungstruppen Unterstützung von der US-Luftwaffe, die offiziell nur mehr zu Ausbildungszwecken im Land ist.

Sie feuerte heute früh nach eigenen Angaben auf "Individuen, die eine Gefahr für die Streitkräfte darstellten", räumt aber ein, dass es dabei "zu zivilen Opfern im nahe gelegenen Krankenhaus gekommen sein könnte". Mehr könne man derzeit nicht sagen, weil der Vorfall gerade untersucht werde.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schildert das Ereignis dagegen als Bombardement eines Krankenhauses, bei dem mindestens neun Menschen getötet wurden. Da alleine von den etwa 80 Mitarbeitern aber gut zwei Dutzend vermisst werden, könnte die Anzahl der Todesopfer noch deutlich steigen. Was mit den gut 100 Patienten geschah, die zum Zeitpunkt des Bombardements in der Klinik behandelt wurden, ist ebenfalls unklar. Viele der Vermissten könnten unter Trümmern verborgen beim vollständigen Ausbrennen des Gebäudes erstickt oder verbrannt sein.

Dem Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid zufolge befinden sich unter den Toten und Vermissten keine Kämpfer seiner Miliz. Er behauptet, dass Angehörige der afghanischen Armee die Amerikaner mit falschen Angriffskoordinaten gefüttert hätten. Ob dies auf Unfähigkeit oder aus heimlicher Sympathie mit den paschtunischen Islamisten geschehen sein soll, ließ er offen.

Kundus: Eine Paschtuneninsel im Usbekengebiet. Karte: TP

Die relativ geringe Aufmerksamkeit, die der Angriff auf das Krankenhaus bislang in westlichen Medien und von westlichen Politikern erhält, unterscheidet sich beträchtlich von der, die den russischen Angriffen in Syrien gewidmet wird: So gab sich beispielsweise Angela Merkel bei einem Treffen mit Putin, dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko und dem französischen Präsidenten Hollande in Paris offiziell "tief besorgt" über die russischen Luftschläge.

Westliche Medien hatten kritisiert, bei den Angriffen seien "Rebellen" ums Leben gekommen, die von der CIA ausgebildet wurden. Sollte das zutreffen, wäre es ein Hinweis darauf, dass solche Rebellen mit der dschihadistischen al-Nusra-Front und ihren Verbündeten zusammenarbeiteten, die das Gebiet nördlich von Homs kontrollieren.

Russische Medien berichten dagegen von der Zerstörung einer Autobombenfabrik nördlich von Homs, der Vernichtung eines IS-Bunkers in al-Latamna bei Hama mit Su-25-Flugzeugen und FAB-500-Bomben, "Präzisionsschlägen" mit Su-34-Flugzeugen und betonbrechenden BETAB-50-Bomben auf eine IS-Kommandozentrale in der Nähe von ar-Raqqa und KAB-500-Bomben-Abwürfen auf ein IS-Munitions- und Treibstoffdepot, eine Werkstatt und sieben Fahrzeuge in Maaret an-Numan und Dschisr asch-Schughur in der Provinz Idlib. Zivile Infrastruktur soll bislang unversehrt geblieben sein.

Hama galt bis zu den Meldungen der Angriffe auf al-Latamna als Provinz, in der der IS lediglich ein Gebiet im Südosten beherrscht. Ar-Raqqa ist unumstritten IS-Territorium. Idlib dagegen wird praktisch ganz von der al-Nusra-Front und ihren Verbündeten beherrscht, was zwar nicht ausschließt, dass es auch dort IS-Lager gibt, aber doch die Frage aufwirft, ob russische Medien sehr genau zwischen den einzelnen Dschihadistengruppen differenzieren oder im Zweifelsfall einfach den werbewirksameren Namen einsetzen. Von der Ideologie und der Grausamkeit her unterscheiden sich die syrische al-Qaida-Filiale al-Nusra-Front und der IS nur bedingt.

Wladimir Putin zufolge berichteten westliche Medien bereits über angebliche zivile Todesopfer bei diesen Angriffen, als die Bombardements noch gar nicht begonnen hatten. Das russische Außenministerium wertete diese Meldungen als Attacken in einem "Informationskrieg". (Peter Mühlbauer)