USA wollen in Manbidsch bleiben, Irak lehnt türkische Operation im Nordirak ab

Jesidische PKK-Kämpferinnen in Sindschar. Bild: YPG/CC BY-SA-2.0

Es läuft auf eine Konfrontation zwischen Washington und Ankara zu, aber auch Bagdad stellt sich gegen türkische Invasionspläne

Kaum hatten die türkischen Truppen mit ihren vandalisierenden Kämpferhorden die Stadt Afrin "eingenommen", aus der die YPG-Kämpfer bereits abgezogen und die meisten Einwohner geflohen waren, startete das türkische Militär die nächste Invasion. Gedroht wurde erneut, die Kurden, also die "YPG/PKK-Terroristen" im türkischen Propagandasprech, von Manbidsch über Kobane bis nach Qamishli zu vertreiben, also das gesamte syrische Grenzgebiet im Süden zur Türkei einzunehmen. Zunächst aber waren am Montag türkische Truppen, unterstützt durch die Luftwaffe, im Nordirak einmarschiert, um dort die PKK aus dem Sindschar zu vertreiben. Schon Anfang 2017 hatte die Türkei mit einem militärischen Eingreifen gedroht, wenn die PKK sich nicht aus Sindschar (Shengal) zurückzieht. Im Anschluss hat die Türkei begonnen, für eine Bodentruppe aus Milizen eine Proxy-Armee durch Anwerbung und Ausbildung von arabischen Syrern bzw. Abwerbung von Kämpfern aufzubauen, die nun wohl auch in Afrin mit dabei war.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind allein Sonntag und Montag mehr als 100000 Menschen aus Afrin vor den Türken Richtung Aleppo und Tel Rifaat geflohen. UN-Hochkomissar für Menschenrechte, Zeid Ra'ad Al Hussein, sagte, 50.000 seien aus Ost-Ghouta geflohen (nach russischen Angaben sollen es mittlerweile 80.000 sein, die den Fluchtkorridor zum Entkommen benutzt hätten) . Er warf der syrischen Regierung Kriegsverbrechen und Bombardement der eingeschlossenen Zivilisten vor, die türkischen Streitkräfte hätten in Afrin ebenfalls viele Zivilisten getötet und verletzt sowie tausende vertrieben.

Nach türkischen Darstellungen sind die YPG-Kämpfer und YPJ-Kämpferinnen seit dem 13. März aus Afrin weggelaufen. Sie hätten zunächst versucht, die Zivilisten an der Flucht zu hindern, hätten sich dann aber unter sie gemischt. Die türkische Armee habe bei der Umzingelung einen Korridor offengehalten, um den Zivilisten die Flucht zu ermöglichen. Gefunden worden seien in Afrin "Tonnen von amerikanischer und russischer Munition", zudem seien viele Menschen aus dem Westen, die sich den Kurden angeschlossen haben, in Afrin getötet worden.

Die Kurden hätten ihre Flucht zur Propaganda umgedeutet, wenn sie sagten, sie hätten diese Zivilisten evakuiert. Gehör sollen sie dabei bei den Vereinten Nationen, dem Internationalen Roten Kreuz (ICRC) und den USA gefunden haben. Der ICRC-Präsident Peter Maurer hatte von der Türkei einen besseren Zugang zu den Flüchtlingen in Afrin verlangt und erklärt, das Türkische Rote Kreuz habe bei den Flüchtlingen wegen des türkischen Angriffs jede Glaubwürdigkeit verloren. Das rief Widerspruch, die Türken erklärten, sie würden Hilfs- und Lebensmittel verteilen. Eine Hilfsorganisation habe am Mittwoch Hilfe für 1500 Familien in Afrin verteilt.

Werden die aus Ost-Goutha abziehenden Ahrar al-Sham-Kämpfer in Afrin angesiedelt?

Von Plünderungen und Raub, die die Kämpfer der sogenannten "Freien Syrischen Armee" in Afrin begangen haben und die durch Bilder belegt wurden, ist nicht die Rede. Angeblich sollen auch viele Männer verschleppt worden sein, es soll zu Exekutionen, Folter und Misshandlungen gekommen sein. Vermutlich hängen die Operationen in Ost-Ghouta und Afrin zusammen. Die Türkei, die bereits Kämpfer aus Idlib nach Afrin als Kämpfer im Rahmen der "Operation Olivenzweig" gebracht hatte, sollte nicht nur Russland und Iran mit Kontrollposten zur Sicherung des Waffenstillstands bzw. der "sicheren Zone" in Idlib unterstützen.

Gestern wurde berichtet, dass mit Ahrar al-Sham, die von Saudi-Arabien und Katar unterstützt werden und auch der Türkei nahestehen, ein Abkommen erreicht wurde, das 1500 Kämpfern und 6000 Familienangehörigen die Evakuierung aus Ost-Ghouta ermöglicht. Nach früheren Berichten soll Ahram al-Sham aber über bis zu 15000 Kämpfer verfügt haben, so dass vielleicht nur ein Teil abzieht. Sie sollen nach Idlib gebracht werden. Kurden vermuten, sie sollen anstatt der vertriebenen/geflüchteten Kurden in Afrin angesiedelt werden. Die syrischen Truppen sollen 70 Prozent des bislang von "Rebellen" gehaltenen Gebiets erobert haben. Noch gibt es zwei Enklaven, die einerseits von Militanten der Failaq al-Rahman, die manche mit der Freien Syrischen Armee verbinden, die aber mit al-Qaida, also mit Hay'at Tahrir al-Sham, verbündet sein soll, und andererseits von der islamistischen Jaish al-Islam kontrolliert werden. Beide sollen auch u.a. von Saudi-Arabien oder Katar unterstützt werden.

Konflikt zwischen den USA und der Türkei über Manbidsch spitzt sich zu

Der türkische Präsident Erdogan wiederholte gestern noch einmal, dass die türkische Operation erst beendet werde, wenn es keine terroristische Bedrohung aus Syrien mehr gibt. Die türkischen Truppen würden weiterhin vorrücken. Die Amerikaner hätten kein Recht, in Manbidsch zu sein, sie seien aus einer Entfernung von 12.000 km gekommen und hätten die YPG mit sich gebracht. Außenminister Mevlut Cavusoglu sagte gestern Richtung USA, dass die Übergabe von Manbidsch nicht ausreiche. Schon im April 2017 hatte das türkische Militär Ziele in Nordsyrien an der Grenze unter Beschuss genommen und dabei auch riskiert, dass US-Soldaten getroffen werden können, was bereits als Warnung zu sehen war (Ankara im Konflikt mit Washington und Ankara).

US-Sprecher werden in Medien zitiert, die beteuern, dass die US-Soldaten sich nicht aus Manbidsch zurückziehen werden. Die türkische Regierung hatte zuvor von einem Abkommen gesprochen, nach dem türkische und amerikanische Soldaten für den Abzug der SDF aus Manbidsch sorgen würden. Am Dienstag hatte bereits Heather Nauert, die Sprecherin des Außenministeriums, zurückgewiesen, dass ein Abkommen getroffen worden sei: "Well, that’s funny, because no agreement has been reached. All right."

Dass die Amerikaner dies aus strategischen Gründen nicht machen werden, ist einleuchtend, denn das würde das Ende der amerikanischen Kontrolle über syrisches Territorium bedeuten, wo die USA bereits militärische Infrastruktur aufgebaut haben. Schon wegen Afrin kam es zu einem Bruch zwischen den SDF und den Amerikanern. Mit einer Übergabe von Manbidsch an die Türken würden die Amerikaner ihre Bodentruppen und damit auch ihren Einfluss verlieren. Vermutlich was das auch ein Hintergedanke von Wladimir Putin, der die Türken in Afrin einmarschieren ließ und ihnen den Luftraum öffnete.

Ankara stößt auch in Bagdad auf Widerstand

Primär scheint aber der Vorstoß in den Nordirak zu sein. Gestern hieß es, die türkische Kampfflugzeuge hätten in der Stadt Sindschar 38 PKK-Kämpfer "neutralisiert". Wenn die irakische Regierung die PKK nicht vertreibe, werde dies die Türkei machen, drohte Erdogan. Nach ersten Berichten sollen sich Bagdad und Ankara geeinigt haben, dass türkische Verbände militärische Operationen an der gemeinsamen Grenze durchführen können. Das habe der irakische Justizminister Haider al-Zamili in Baghdad mit dem türkischen Botschafter Fateh Yildiz vereinbart. Die türkischen Truppen dürfen danach "Terroristennester" an der Grenze in Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung säubern.

Um keine Erlaubnis geschert hat sich die Türkei bislang bei zahlreichen Luftangriffen auf angebliche PKK-Stellungen im Nordirak. Ende 2016 meldete Erdogan türkischen Anspruch auf Gebiete im Irak an (Steht der Einmarsch der Türkei in den Irak bevor?). Schon zuvor waren angeblich um die 2000 türkische Soldaten mit einigen Panzern in den Nordirak aufgrund der damaligen Erlaubnis der Kurdischen Regionalregierung eingedrungen und haben in Bashiqa bei Mosul ein Lager eingerichtet. Die Türkei drängte darauf, an der Einnahme von Mosul beteiligt zu werden und wollte dazu auch eigene Kämpfer ausbilden. Bagdad protestierte daraufhin scharf. Vermutlich sind sie aber noch im Irak, Bagdad hatte erst vor kurzem diese Militärpräsenz als "Invasion" kritisiert. Jetzt sagte der irakische Minister, man sei der Türkei bei der Sicherung der Grenze entgegengekommen.

Die neue Vereinbarung hatte aber nur Stunden Bestand. Scharf erklärte der irakische Außenminister Ibrahim al-Jaafari, Bagdad lehne "kategorisch" jede Aktion des türkischen Militärs auf irakischen Boden ab, auch wenn man die guten irakisch-türkischen Beziehungen aufrechterhalten wolle.

Anzeige